• so, 25.5.2025

    MDCCCCV

    Mehr Fünfen.
    An der Hauswand hier, aussen, beim Heraustreten direkt rechts von wo aus ich jetzt grade schreibe (La cucina), prangt das Schild, das in (falscher, wie ich eben gelesen habe) römischer Ziffernschreibweise die Jahreszahl 1905 angibt, sowie den Namen: Enrico Gerhardt. Das Schild gibt dieses Haus ausserdem als „Proprieta“ desselbigen an.
    Enrico Gerhardt war Heinrich Gerhardt aus Kassel, der diese Casetta eben im Jahre 1905 erbauen liess und sie 1914 der Akademie der Künste zu Berlin, dem KAISERREICH, vermachte.

    Hundertelf Jahre später sitzt Emerging Artist (43) in der Küche dieser Casetta, oft auch am Klavier, wo er Ton hinter Ton setzt und, lustigerweise, Ergebnisse erzielt, die ihm, von allen anderen schöpferischen Ergebnissen aus eigener Hand, momentan, am besten gefallen, ihm als das „Realste“ vorkommen, das am wenigsten „Ausgedachte“. LEIDER LEIDER – er ist kein Pianist, kein Komponist, er ist nicht notiert als solcher, und so werden seine, zugegebenermassen kleinen, Musikstücke auch aufgenommen (werden): also kaum. Der Mensch in Zeiten der Pretextualisierung. Es ist nicht die Form des Menschen, sondern die Form des Lochs, in das er passen soll. Frage.
    Manchmal, da muss der EA wirklich lachen darüber, über das Missverhältnis, wie sehr ihn dieses Musikmachen, das Klavierspielen (das er im klassischen Sinne auch nicht beherrscht, er kann lediglich HÖREN) erfüllt und einen Sinn des accomplishments einhaucht einerseits, und wie es andererseits… nur für ihn existiert? Wenn es keine „Kommunikation“ ist, ist es dann überhaupt?

    Immer wieder auftauchende Erkenntnis, die einen interessanten Anteil an Richtigkeit aufweist: das Konzept des AMATEURS (much discussed). Man arbeitet auf eine Art gegen den natürlichen Konstruktivismus des Gehirns, des Bewusstseins (?), an, und versucht gewisse Areale dennoch zu nutzen—am liebsten die richtigen—um an eine Art von Chaos zu gelangen, das sich mit der ebenfalls natürlichen Latenz der Erkenntnis als meist absolut zwingend herausstellt. So ungefähr.

    Mein Projekt, die Langzeitbeobachtung der zweiten und dritten Ordnung—ich will nicht, dass sie zum Seufzer wird. Bin schonmal super froh, dass ich überhaupt nicht an Deutschland denken muss. Stattdessen: junge Menschen in New York hören sich meinen „Bachmann“ Dub an. Das ist wirklich beautiful.
    Gleich fuck ich off nach Rom. Auch beautiful.
    Die Hälfte meiner Residenz-Zeit ist rum. Geschriebene Postkarten bisher: ich glaube 6.

  • sa, 17.5.2025

    IN GUTEM WILLEN

    Buongiorno—jeder weiss, was damit gemeint ist.
    Ein anderer Begriff: Das Schreiben. Im Unterschied zu: den anderen Dingen. Es ist in Ordnung und verständlich, zu sagen: das Schreiben. Das ANDERE nenne ich, und nannte ich bisher stets das „Kunstmachen“. Im Sinne von: ich mache Kunst, UND ich schreibe auch. Es ist scheinbar nicht dasselbe, ja es findet nicht mal im selben „Zimmer“ statt, das Schreiben und das „Kunstmachen“. Anders als „das Schreiben“, verstehe ich diesen Begriff nicht—Kunstmachen—, aber ich verwende ihn, weil ich annehme, die anderen verstehen diesen Begriff an meiner statt. Der Begriff ist für EUCH, ist für sie.

    Die Sache ist aber, dass dieses „Kunstmachen“, also in meinem Falle die unter dem Oberbegriff „Bildende Kunst“ zusammen kommenden Tätigkeiten und Produkte dieser Tätigkeiten, die häufig nichtmal Bild sind, nichtmal annähernd Bild werden, kein wirklich klar zu umreissender Begriff ist, im Sinne von einer allgemein gültigen, auf unendlich viele Beispiele anwendbare Gleichheit des outcomes oder gar nur der Handlungen. Ich bin meiner Aufmerksamkeit immer wieder ausgeliefert, und möchte ihr zunehmend mein Vertrauen geben.

    Das klingt so einfach, oder: einleuchtend. Es ist aber immer wieder schockierend.

    Buongiorno. Es ist 08:43h.

  • do, 15.5.2025

    THE PENROSE TRIANGLE

    Das Datum, the 5 spot.

    11:20h. Alessandro, also Alessandro 1, einer der beiden Alessandros, die hier offiziell als Gärtner geführt sind, kommt ein Mal die Woche um mit elektronischen Geräten Äste abzusägen, Hecken zu stutzen, nach Wiese und Wald zu sehen. Ein extrem sympathischer Mann mit weissen Haaren, gehört er zu dieser Art Mensch, die mich immer an wen anderen erinnern, ich aber nicht genau sagen, wen genau. Richard Branson—ja, ein bisschen, klar, aber Alessandro könnte auch, in business casual, ein Galerist aus L.A. sein.

    Er macht mich auf die Artischocken aufmerksam, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte, hier direkt auf der Neigung vor dem Haus, weil das Gras hüfthoch steht—l’erba alta—es sind römische Cimarolo. Dann gehen wir etwas den Pfad an der Westseite des Grundstücks hoch, und er zeigt mir den wilden grünen Spargel, der hier zahlreich zwischen den Steineichen wächst. Von den Füchsen und Stachelschweinen habe ich noch nichts gesehen. Wölfe gibt es hier in dieser Region nicht mehr. Sonst würde es auch keine Wildschweine geben, die sich, aus Osteuropa kommend, hier wieder ausgebreitet haben.