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Mehr Fünfen.
An der Hauswand hier, aussen, beim Heraustreten direkt rechts von wo aus ich jetzt grade schreibe (La cucina), prangt das Schild, das in (falscher, wie ich eben gelesen habe) römischer Ziffernschreibweise die Jahreszahl 1905 angibt, sowie den Namen: Enrico Gerhardt. Das Schild gibt dieses Haus ausserdem als „Proprieta“ desselbigen an.
Enrico Gerhardt war Heinrich Gerhardt aus Kassel, der diese Casetta eben im Jahre 1905 erbauen liess und sie 1914 der Akademie der Künste zu Berlin, dem KAISERREICH, vermachte.
Hundertelf Jahre später sitzt Emerging Artist (43) in der Küche dieser Casetta, oft auch am Klavier, wo er Ton hinter Ton setzt und, lustigerweise, Ergebnisse erzielt, die ihm, von allen anderen schöpferischen Ergebnissen aus eigener Hand, momentan, am besten gefallen, ihm als das „Realste“ vorkommen, das am wenigsten „Ausgedachte“. LEIDER LEIDER – er ist kein Pianist, kein Komponist, er ist nicht notiert als solcher, und so werden seine, zugegebenermassen kleinen, Musikstücke auch aufgenommen (werden): also kaum. Der Mensch in Zeiten der Pretextualisierung. Es ist nicht die Form des Menschen, sondern die Form des Lochs, in das er passen soll. Frage.
Manchmal, da muss der EA wirklich lachen darüber, über das Missverhältnis, wie sehr ihn dieses Musikmachen, das Klavierspielen (das er im klassischen Sinne auch nicht beherrscht, er kann lediglich HÖREN) erfüllt und einen Sinn des accomplishments einhaucht einerseits, und wie es andererseits… nur für ihn existiert? Wenn es keine „Kommunikation“ ist, ist es dann überhaupt?
Immer wieder auftauchende Erkenntnis, die einen interessanten Anteil an Richtigkeit aufweist: das Konzept des AMATEURS (much discussed). Man arbeitet auf eine Art gegen den natürlichen Konstruktivismus des Gehirns, des Bewusstseins (?), an, und versucht gewisse Areale dennoch zu nutzen—am liebsten die richtigen—um an eine Art von Chaos zu gelangen, das sich mit der ebenfalls natürlichen Latenz der Erkenntnis als meist absolut zwingend herausstellt. So ungefähr.
Mein Projekt, die Langzeitbeobachtung der zweiten und dritten Ordnung—ich will nicht, dass sie zum Seufzer wird. Bin schonmal super froh, dass ich überhaupt nicht an Deutschland denken muss. Stattdessen: junge Menschen in New York hören sich meinen „Bachmann“ Dub an. Das ist wirklich beautiful.
Gleich fuck ich off nach Rom. Auch beautiful.
Die Hälfte meiner Residenz-Zeit ist rum. Geschriebene Postkarten bisher: ich glaube 6.