• do, 29.5.2025

    GIROCOLLO

    Wie schon in New York im Januar liegt der Unterschied, die Stadt zu erfahren (Rom) im eigenen Auftrag. Ich bin ja eben kein Tourist (Das können Sie sogar im Internet nachschauen). Und so bewegt man sich dann auch durch die Stadt, ohne unter dieser Knechtschaft des konventionellen Erlebens zu stehen. Und plötzlich öffnet sich diese Stadt in seiner Normalität, wobei es bei so einer Stadt wie Rom eher keine Normalität im Sinne einer Stabilität gibt, oder? Stabil ist wohl, dass immer irgendwas los ist, und dementsprechend gehandelt wird. Darüber spreche ich auch mit Olaf, den ich in Rom treffe, z.B: Wo sind die Obdachlosen, die Junkies? Die Frage ist, ob in diesem heiligen Jahr, in dem zum eh schon wahrscheinlich geisteskranken Rom-Tourismus nochmal ein Faktor dazu kommt, die Stadt nochmal besondere Massnahmen durchführt. Dass man, wie in anderen Hauptstädten der heiligen westlichen Demokratien und Verteidiger der demokratischen Ideen usw. einfach Leute in Busse packt und sie am Stadtrand ablädt.

    An einer Ampel, gleich bei der Piazza Venezia, stehen drei Polizistinnen. Die eine ist ganz zart und klein und schlank, sie trägt eine Brille und hat eine sehr schöne Nase und ihr dunkles italienisches Haar ist zu einem Zopf gebunden unter ihrem Polizeihut. Obwohl sich ihr schlanker Körper auf fast niedliche Art fast verliert im generischen Schnitt ihrer Uniform, bin ich irgendwie ein bisschen verzaubert von ihr, subito, ich weiss nicht, warum, aber das ist ja auch Schwachsinn, sich zu fragen, warum. Warum warum – Warum schreibe ich denn „Obwohl“?
    Ich finde sie cute und sexy zugleich, sie sieht einfach auch zu bookish aus, um eine Polizistin zu sein, und das gefällt mir sehr, und ich werde, ganz automatisch, entschieden, schaue zu ihr herüber, um zu schauen, ob sie vielleicht auch herüber schaut. Das tut sie auch zweimal, und ich glaube, ich sehen in ihren Augen, dass sie…ja, wie beschreibt man das? „Nicht dienstlich herübergeschaut hat“? Ich weiss es nicht, it’s all vibes.
    Und dann gehe ich über die Strasse und erst jetzt kommt sie mir wieder in den Sinn, die süsse italienische Polizistin. Ich glaube, sie trug eine Pistole.

    Tags darauf mit T. von der Villa Massimo zu einem Marmista, am Friedhof San Lorenzo. Der Geruch von mit Hochdruckreinigern abgespritztem Stein, in den kleinen Pfützen feinster weisser Schlamm, Marmorstaub, Kalkstein, Sandstein, in der halboffenen Werkstatt ein weisser Schleier auf allen Oberflächen und Geräten.

  • mi, 28.5.2025

    Update: 9 Postkarten!

  • so, 25.5.2025

    MDCCCCV

    Mehr Fünfen.
    An der Hauswand hier, aussen, beim Heraustreten direkt rechts von wo aus ich jetzt grade schreibe (La cucina), prangt das Schild, das in (falscher, wie ich eben gelesen habe) römischer Ziffernschreibweise die Jahreszahl 1905 angibt, sowie den Namen: Enrico Gerhardt. Das Schild gibt dieses Haus ausserdem als „Proprieta“ desselbigen an.
    Enrico Gerhardt war Heinrich Gerhardt aus Kassel, der diese Casetta eben im Jahre 1905 erbauen liess und sie 1914 der Akademie der Künste zu Berlin, dem KAISERREICH, vermachte.

    Hundertelf Jahre später sitzt Emerging Artist (43) in der Küche dieser Casetta, oft auch am Klavier, wo er Ton hinter Ton setzt und, lustigerweise, Ergebnisse erzielt, die ihm, von allen anderen schöpferischen Ergebnissen aus eigener Hand, momentan, am besten gefallen, ihm als das „Realste“ vorkommen, das am wenigsten „Ausgedachte“. LEIDER LEIDER – er ist kein Pianist, kein Komponist, er ist nicht notiert als solcher, und so werden seine, zugegebenermassen kleinen, Musikstücke auch aufgenommen (werden): also kaum. Der Mensch in Zeiten der Pretextualisierung. Es ist nicht die Form des Menschen, sondern die Form des Lochs, in das er passen soll. Frage.
    Manchmal, da muss der EA wirklich lachen darüber, über das Missverhältnis, wie sehr ihn dieses Musikmachen, das Klavierspielen (das er im klassischen Sinne auch nicht beherrscht, er kann lediglich HÖREN) erfüllt und einen Sinn des accomplishments einhaucht einerseits, und wie es andererseits… nur für ihn existiert? Wenn es keine „Kommunikation“ ist, ist es dann überhaupt?

    Immer wieder auftauchende Erkenntnis, die einen interessanten Anteil an Richtigkeit aufweist: das Konzept des AMATEURS (much discussed). Man arbeitet auf eine Art gegen den natürlichen Konstruktivismus des Gehirns, des Bewusstseins (?), an, und versucht gewisse Areale dennoch zu nutzen—am liebsten die richtigen—um an eine Art von Chaos zu gelangen, das sich mit der ebenfalls natürlichen Latenz der Erkenntnis als meist absolut zwingend herausstellt. So ungefähr.

    Mein Projekt, die Langzeitbeobachtung der zweiten und dritten Ordnung—ich will nicht, dass sie zum Seufzer wird. Bin schonmal super froh, dass ich überhaupt nicht an Deutschland denken muss. Stattdessen: junge Menschen in New York hören sich meinen „Bachmann“ Dub an. Das ist wirklich beautiful.
    Gleich fuck ich off nach Rom. Auch beautiful.
    Die Hälfte meiner Residenz-Zeit ist rum. Geschriebene Postkarten bisher: ich glaube 6.