IT IS A MISTAKE TO ONLY HAVE ONE LIFE
Rom. Ich laufe durch Rom, ich bin wieder zurück in Rom, nachdem ich Anfang der Woche für zwei Tage dort war, in denen ich aber zu tun hatte, der „Arbeit wegen“ dort war, meiner Arbeit wegen, keine Zeit und keinen Sinn hatte für all die Rom-Dinge, die Menschen, wenn sie Rom „besuchen“, so tun, wovon sie alle erzählen, obwohl sie es alle bereits selbst schon gehört hatten, von denen, die vorher schon in Rom gewesen waren, aber eben dann doch selbst gesehen haben wollten, ob es wirklich so existiert, ob es SO IST, ob all diese Dinge wirklich da stehen und sich so anfühlen, wie es ihnen vorher berichtet worden war. Plötzlich, und das kommt öfter vor, wenn es der passende Moment scheint, meldet mein Gehirn aus dem Bereich des Gemerkten, des Gelernten, den Hinweis auf – haha – Ernst Jünger und seinem Hinweis, dass wir über die Annäherung niemals hinaus kommen. Lust durchströmt mich, wenn ich daran denke, dass ich die ewige Annäherung zu meinem Beruf gemacht habe.
Rom aber – es kam genau zur richtigen Zeit. Darum würde ich sagen: Rome and I, we hit it off pretty quickly. Ich musste dazu nahezu NICHTS sehen von Rom. Es genügte, dass Rom mich empfing, mir andere Häuser hinsetzte, andere Menschen, Kätzchen, Hündchen, Papageien, so grün wie eben nur Papageien grün sein können, blühende Büsche von Jasmin, deren Gerüche mir wie kaum ein anderer direkt ins Hirn geht, in die Ganzheit meines Seins (sorry), gelber Ocker und ockerfarbenes Gelb, ihr wisst schon, die buntesten Erdfarben, die Farben der Malerei, der guten alten Malerei, nicht die der Nostalgie, no no no, sondern die der schönsten Annäherung. Das latent faschistische (aber nicht nur) architektonische Erbe steht Dir gut, Rom, es hat rein zufällig viele andere, wesentlich ödere und wesentlich schneller erschlaffende Moden davon abgehalten, diese Stadt, Rom, in etwas zu verwandeln, wovor so viele andere nette Menschen sich leider zu flüchten gezwungen sehen.
Ich ging gestern also durch eine Version von Rom, und, ja, war dabei ganz VERGESSEND, in diesem Partizip-Präsens-Sinne, all die anderen Versionen von Rom vergass ich, d.h. sie kamen mir erst gar nicht in den Sinn, wie auch, ich war beschäftigt mit Gehen und mit Schauen, sto solo cercando, aber was heisst hier solo, es ist doch fast ALLES. Vergessend, dass da, zur selben Zeit, für unglaubliche viele Menschen auf dieser Welt eine andere Nummer abläuft, die Papstsache, das alles, das Zentrum der Katholischen Welt, die Menschen, die hundertmeterlange Schlangen bilden vor den hierfür wesentlichen Orten, wunderschöne Orte, don’t get me wrong, aber sobald durch solche Warteschlangen der Aspekt eines zu KONSUMIERENDEN Moments erweckt wird, bin ich schon weitergezogen, steige ich in eine Metro, biege ich um eine Ecke, übe ich mein Italienisch (naja) an wirklich meist cuten und geduldigen Italienern und Italienerinnen, rauche ich eine Zigarette (schmeckt scheisse), trinke ich Wasser aus meiner Baby Bottle, komme ich mit dem Mann in der Drogheria al Pellegrino (ich nahm das Sandwich mit Walnusscreme und Schinken, möchte aber für die Carciofo alla Romana und die Puntarella nochmal zurück kommen) ins Gespräch und wünsche ihm zum Abschied „Forza Inter“, mögen sie das grauenhafte Scheich-Geld von Paris Saint-Germain im Finale besiegen.
Erst als ich später in Richtung Metro-Station Circo Massimo gehe, vorbei an einer fünfzig Meter langen grauen Reihe von Toilettenkabinen, die so positioniert waren, dass wenn man vom Benutzen der Körperöffnungen zurück in die Welt trat, vor sich, auf der anderen Seite, die in der Sonne rotbraun leuchtenden, wuchtigen Brocken des Septizodium stehen sieht, erst da fiel mir auf, dass es da noch dieses andere Rom gab, im selben Moment.