• so, 11.5.2025

    IT IS A MISTAKE TO ONLY HAVE ONE LIFE

    Rom. Ich laufe durch Rom, ich bin wieder zurück in Rom, nachdem ich Anfang der Woche für zwei Tage dort war, in denen ich aber zu tun hatte, der „Arbeit wegen“ dort war, meiner Arbeit wegen, keine Zeit und keinen Sinn hatte für all die Rom-Dinge, die Menschen, wenn sie Rom „besuchen“, so tun, wovon sie alle erzählen, obwohl sie es alle bereits selbst schon gehört hatten, von denen, die vorher schon in Rom gewesen waren, aber eben dann doch selbst gesehen haben wollten, ob es wirklich so existiert, ob es SO IST, ob all diese Dinge wirklich da stehen und sich so anfühlen, wie es ihnen vorher berichtet worden war. Plötzlich, und das kommt öfter vor, wenn es der passende Moment scheint, meldet mein Gehirn aus dem Bereich des Gemerkten, des Gelernten, den Hinweis auf – haha – Ernst Jünger und seinem Hinweis, dass wir über die Annäherung niemals hinaus kommen. Lust durchströmt mich, wenn ich daran denke, dass ich die ewige Annäherung zu meinem Beruf gemacht habe.

    Rom aber – es kam genau zur richtigen Zeit. Darum würde ich sagen: Rome and I, we hit it off pretty quickly. Ich musste dazu nahezu NICHTS sehen von Rom. Es genügte, dass Rom mich empfing, mir andere Häuser hinsetzte, andere Menschen, Kätzchen, Hündchen, Papageien, so grün wie eben nur Papageien grün sein können, blühende Büsche von Jasmin, deren Gerüche mir wie kaum ein anderer direkt ins Hirn geht, in die Ganzheit meines Seins (sorry), gelber Ocker und ockerfarbenes Gelb, ihr wisst schon, die buntesten Erdfarben, die Farben der Malerei, der guten alten Malerei, nicht die der Nostalgie, no no no, sondern die der schönsten Annäherung. Das latent faschistische (aber nicht nur) architektonische Erbe steht Dir gut, Rom, es hat rein zufällig viele andere, wesentlich ödere und wesentlich schneller erschlaffende Moden davon abgehalten, diese Stadt, Rom, in etwas zu verwandeln, wovor so viele andere nette Menschen sich leider zu flüchten gezwungen sehen.

    Ich ging gestern also durch eine Version von Rom, und, ja, war dabei ganz VERGESSEND, in diesem Partizip-Präsens-Sinne, all die anderen Versionen von Rom vergass ich, d.h. sie kamen mir erst gar nicht in den Sinn, wie auch, ich war beschäftigt mit Gehen und mit Schauen, sto solo cercando, aber was heisst hier solo, es ist doch fast ALLES. Vergessend, dass da, zur selben Zeit, für unglaubliche viele Menschen auf dieser Welt eine andere Nummer abläuft, die Papstsache, das alles, das Zentrum der Katholischen Welt, die Menschen, die hundertmeterlange Schlangen bilden vor den hierfür wesentlichen Orten, wunderschöne Orte, don’t get me wrong, aber sobald durch solche Warteschlangen der Aspekt eines zu KONSUMIERENDEN Moments erweckt wird, bin ich schon weitergezogen, steige ich in eine Metro, biege ich um eine Ecke, übe ich mein Italienisch (naja) an wirklich meist cuten und geduldigen Italienern und Italienerinnen, rauche ich eine Zigarette (schmeckt scheisse), trinke ich Wasser aus meiner Baby Bottle, komme ich mit dem Mann in der Drogheria al Pellegrino (ich nahm das Sandwich mit Walnusscreme und Schinken, möchte aber für die Carciofo alla Romana und die Puntarella nochmal zurück kommen) ins Gespräch und wünsche ihm zum Abschied „Forza Inter“, mögen sie das grauenhafte Scheich-Geld von Paris Saint-Germain im Finale besiegen.

    Erst als ich später in Richtung Metro-Station Circo Massimo gehe, vorbei an einer fünfzig Meter langen grauen Reihe von Toilettenkabinen, die so positioniert waren, dass wenn man vom Benutzen der Körperöffnungen zurück in die Welt trat, vor sich, auf der anderen Seite, die in der Sonne rotbraun leuchtenden, wuchtigen Brocken des Septizodium stehen sieht, erst da fiel mir auf, dass es da noch dieses andere Rom gab, im selben Moment.

  • mi, 30.4.2025

    DER EICHELHÄHER

    Dispatches from Italy. Mache hier mal ganz basic Einträge, denn das meiste passiert ohnehin in meinem Kopf, in meiner Vorstellung. Vieles davon ist absoluter Trash, tatsächlich auch so in dem Sinne, wie dieser American-English Begriff klingt und wirkt, und eben genau nicht so floral wie „spazzatura“, wie der Italiener sagt.

    Es gibt diese nette Dame im Supermarkt Conad City, die sagte bisher immer so freundlich buongiorno, mit Zähnchen und alles, dass ich sie heimlich „meine beste Freundin“ nenne. Stimmt ja auch. Aber auch der Greis bei Deco ist sehr lieb, der mit der schwarzen Brille. Überhaupt, falls ich es noch nicht notiert habe: die Leute sind ziemlich süss. Ich gebe mir Mühe mit dem Italienisch, ich merke aber auch, dass mir das strukturelle Auffassen der Sprache fehlt, also das strukturelle Lernen, so dass ich eher eine Art Auswendiglernen betreibe, ohne mir der dahinter liegenden Regelhaftigkeiten klar zu werden. Die Grammatik ist dem Spanischen sehr ähnlich, ich glaube sogar, im Kern gleich, nicht aber das Vokabular unbedingt. Es verwirrt mich eher, wenn aus meinem mittlerweile auch recht eingenebeltem spanischen Wortschatz eine Erinnerung hochflippt, ich aber dann sehe, dass das Italienische ein GANZ anderes Wort dafür hat. Verwirrung, Unsicherheit sind die Folge, weil ich ganz kurz zuvor, für einen wirklich kleinen Moment annahm, ich WÜSSTE etwas. „So it goes.“

    Jetzt, nach fast drei Wochen, scheint es, geht es los für mich. Gewisse Hemmungen legen sich, deren Gründe in einem hier natürlich ungeschriebenen Essay über das Für und Wider der eigenen Hirntätigkeiten usw. zu finden wären. Aber: ich sah das erste Kätzchen hier über meine Mauer schlendern, gestern Morgen, über den Vorsprung hier, auf dem Tausend und Abertausende winzige rote Milbenartige krabbeln, jeden Tag und den ganzen Tag. Sind das die berühmten Campari-Läuse?*

    Hab ich jetzt mal ein Schälchen Wasser hingestellt auf die Terrazza für das Kätzchen, vor der hier weiterhin die riesigen Pomelos am Strauch hängen, so richtig giallo. Ein Eichelhäher schaute letzte Woche vorbei. Musste, klar, grosser Lacher mal wieder, an Adolf Hitler denken.

    (* Cochenille-Schildlaus)

  • di, 22.4.2025

    L’EREMITA SONO IO

    Tag 11. Die Sonne beginnt nun langsam zu powern. Man bildet sich ein, mit dem Flug hier runter—weitaus südlicher, als ich es in meiner vagen Vorstellung gespeichert hatte—würde man sich über die Erdkrümmung hinweg auch der Sonne annähern. HYPERBOLA.

    Der Geruch der Tage verändert sich ebenfalls beständig. Auf den grünen Hängen links von mir wird eifrig verbrannt, es ist wohl, wie Marco neulich im Auto meinte, jetzt die Zeit dafür. Gestern, am Pasquetta, lag eine beständige Note von verbrennendem Holz, der feiertagsbedingten Grigliata wegen, über der ganzen Stadt.

    Neben dem neueren „Logbuch“ (beginnend in 2021), in dem die Stipendiaten der Villa ihren jeweiligen Nachfolgenden Berichte/Empfehlungen/Erfahrungen usw. hinterlassen, gibt es ein Faksimile der ersten (?) Version, die mit dem ersten Eintrag bis in den Juli 1992 zurückgeht. Eine, wie ich gerade merke, ziemlich interessante und eigene: TEXTSORTE.
    „In gewissem Sinne verdirbt die auf eine Textsorte spezialisierte Gewohnheit den Leser für die Lektüre andersartiger Texte (…)“, schreibt Luhmann.

    Es ist jetzt 12:33h.