„IMMER WENIGER BESTIMMTEN LOKALE GEGEBENHEITEN DIE LEBENSFÜHRUNG“, SEITE 18
That was it. Drei Monate, in Wirklichkeit 83 Tage, im Latium sind vorüber.
Sergio, von Pizzeria Da Sergio, sagte: niemand schreibt mehr Postkarten. Ich hob mein Hähnchen, Widerspruch anzuzeigen.
Das ist jetzt schon 2 Tage ins Genre der Erinnerungen herüber gefiled. Monetizing Time: in London spielen Oasis das erste Reunion-Konzert.
Mit der Villa S. verliess ich auch eine klimatische Rückzugszone, die selbst bei 34 Grad noch immer kühl genug blieb, tagsüber, um sich der Hitze zu entziehen. Des Nachts blies der dunkle dunkle Wald seine frische Luft in mein Schlafzimmer (ich berichtete). Passa.
Jetzt sitze ich in einem Haus in der Toskana, es ist aus Stein gebaut, und der Stein ist nicht kühl, er ist warm, und ein feiner Film aus Schweiss liegt zwischen mir und der Wirklichkeit. Schmetterlinge wollen durch die Glastüre herein. Mücken kommen herein, und sind jetzt ein echtes Problem. In den Steckdosen hier stecken Digitalanzeiger mit gut lesbaren Displays, die den Gas- und CO2-Wert der Luft nach gefährlichen Schwellenwerten durchdringen. Ich habe bisher, glaube ich, 3 Kamine gezählt. Ich habe einen Ventilator neben dem Bett stehen. Bekannte Gegenstände, mit denen man wenig zu tun hat im Leben, Teil 1.
Keine Ausnahme: das Elend der Toskana ist gleichzeitig auch sein grösster Förderer: der Tourist. Der Italiener hier, scheint es, ist latent genervt vom Touristen, vom Polohemd und kurze Hosen tragenden Amerikaner, Holländer, Deutschen, Engländer, Franzosen, hat, wie es scheint, gewisse Freundlichkeiten und Offenheiten bereits eingespart, fährt eine gewisse Austeritätspolitik im Umgang, und das Spektrum des Austauschs ist klar umrissen. Versuche ich, italienisch zu sprechen, wird man mir auf Englisch antworten. Schade. Ich würd’s ja gerne lernen, aber der Tourismus zerstört, neben all den anderen Dingen, auch die Geduld. Darum der Effekt, dass mir das Latium, was mir im voraus als Gebiet mit rechtslastiger Bevölkerung bzw. Wählerschicht beschrieben wurde (als ob das eine tiefer beschreibende Qualität hätte) als das nettere, offenere, normalere Italien vorkommt. Ja, langweilig, aber: es ist FALSCH, Tourist zu sein.