• Montag, 16.08.2021

    GOD HATES FLAGS

    Kühler Morgen, die Luft riecht etwas anders. Jetzt rascheln die Pflanzen auf den umliegenden Balkonen, die Ranken an den Rohren und Fassaden.
    Müllmänner ziehen die Tonnen durchs Treppenhaus, auf dem Dach gegenüber stehen Handwerker, sie unterhalten sich, und ihre Worte werden vom Wind zerstoben. Der eigene Blick weicht einer anderen Geschichte. Im Präsidenten-Palast in Kabul lehnen jetzt Panzerfäuste und Schnellfeuergewehre an Holzfurnieren, an ausladenden Schreibtischen. Darum versammelt das echte Patriarchat, the fucking real thing, und alle, nehm ich mal an, auch schon zweifach geimpft? Bilder von Helikoptern über den höchsten Dächern der Stadt, von Menschentrauben, die an Fluggastbrücken hängen. Alle hauen ab, lediglich zwei Delegationen haben keinerlei Pläne dahingehend, bleiben für erste Verhandlungen vorerst vor Ort: China und Russland. 

    The “vast majority” of Afghanistans assets are not held in the country – and therefore cannot fall into the Taliban’s hands, CNN reported, citing a US official familiar with the matter.

  • Donnerstag, 12.08.2021

    Von der Ärztin erhalte ich neues Wissen: eine Überweisung an einen Facharzt, vom Hausarzt ausgestellt, ist ein Quartal gültig. Dann verfällt sie.

    Tagsüber (Mittwoch) glaube ich, sowas wie Angstattacken zu haben. Ein bestimmter Punkt, zwischen Brust und Bauch, fühlt sich wie eine steinartige Masse an, von dem aus konzentrisch Strahlen von Angst, Düsterkeit, Selbsthass und nochmal Angst ausgehen, am härtesten natürlich in den Kopf, wo sie, Picabia-artig, im Rund des Schädels ihre ewigen Runden drehen. Dort entstehen durch diese ewige Rotation Geschichten, die lautlos Angst erzeugen, und diese Angst lässt sich aufteilen in Dutzende Teilgeschichten von Versagen in der Vergangenheit, von Versagen in der Zukunft, von Gefühlen vollkommen ignoriert zu SEIN, obwohl man doch, als logische Folge von etwas Bildung und Leben und dem ganzen Zeug, glaubt, eigentlich seine beste Arbeit abzuliefern. Und das LAUTLOSE ist ganz eindeutig das Allerschlimmste daran. Als würde man im Gehen verwesen, während gleich hier, nur wenige Meter weiter, die Schösslinge sprießen.

  • Dienstag, 10.08.2021

    BOYS OF HETEROLOG SUMMER

    Eine Minute war ich unterwegs, zu Fuß, mit Einkaufstasche, darin mein Impfpass, mein Notizbuch und 571 Seiten Donna Tartt, in Richtung Zweite Impfung, da hämmerte der Regen in fettesten Tropfen los, auf mich, auf die sodann absaufenden Bürgersteige, auf Gottes grünende Büsche und Bäume, alles. Beim Arzt angekommen, es waren 5 Minuten Fußweg, war meine Hose aufwärts bis zur Hälfte meiner Oberschenkel durchnässt, meine Schuhe, meine Socken, was ist denn hier los. Der Regenschirm, obwohl gut im Durchmesser, hielt nur 50% meiner Erscheinung trocken. Mit den Beinen also wie in riesigen Feuchtwickeln, betrat ich die Praxis im Souterrain. Mit durchnässten Socken in durchnässten Schuhen herumschmatzend, finde ich ziemlich unangenehm. Sogar einige Schmerz-Varianten würde ich diesem Gefühl vorziehen. It’s the psychology, stupid.

    Neulich fand ich heraus, dass Wetterfühligkeit ein europäisches Phänomen ist, zumindest ein nicht-amerikanisches. Ein amerikanischer Schauspieler, der für einige Wochen in Osteuropa zu drehen hatte, berichtete in einem Interview, ihm seien diverse Osteuropäer begegnet, die körperliche Wechselzustände mit aufkommenden Winden, wechselnder Bewölkung und dergleichen nahezu emphatisch begründeten. Sie sprachen darüber, als gäben sie Altvorderenwissen preis, über Jahrhunderte tief in die Rillen der ansässigen Menschen eingraviert. Der Amerikaner verstand erst garnicht, was gemeint war. In den darauffolgenden Tagen sei er dann mit dieser neuen Aufmerksamkeit durch die Dreharbeiten gegangen, und fand eben noch wache Männer bei aufziehenden, dunklen Wolkenmassiven und den dazugehörenden Winden auf einmal gegen Wände gelehnt dösend wieder. Er sah, dass es für diese Menschen zutraf, er selbst aber, meinte: “I don’t know, it’s just not a thing in the States.”