THE ELASTIC BAND OF CREDIT
Nein, sagt die Arzthelferin am Telefon, am Termin für die zweite Impfung ändert sich nichts, es bleibt bei dem für AstraZeneca angedachten 12 Wochen-Intervall, aber sehr wahrscheinlich wird dann Biontech verimpft werden, beim zweiten Mal. Nein, sagt sie auch, man könne den Abstand auch schon rein organisatorisch nicht verringern, weil sie, also sie und ihre Kolleginnen, “wollen auch nochmal ihre Familien sehen”. Ich raffe erst gar nicht, was sie meint. Wie, ihre Familien sehen? Sie verwendet diese Formulierung dann nochmal, so demonstrativ, wie es Leute tun, die eine gewisse Zufriedenheit über diese kreative Eigenleistung nicht verbergen wollen. Ja gut, klar, ich meine, niemand möchte ihnen ihre “Familien wegnehmen”, erwidere ich nicht, sondern bin so ein bisschen belustigt darüber, dass direkt so eine Art von Gegnerschaftsszenario aufgebaut wird. Aus ihrer Sicht bin ich wahrscheinlich der Hundertste Anrufer, der Astra bekommen hat und jetzt nachfragt, wie man weiter vorgeht, ob sich was ändert usw, und sie sieht dann vor ihrem geistigen Auge die Leute zu Tausenden zu einem Blob sich vor der Praxis aufreihen, gelbe Heftchen wedelnd, während ihre Familie, in Gestalt einer großen, aber niedlich dampfenden Kartoffel, von einem Gewusel aus Stiefeln zu Brei zerdrückt wird. Sie kann nicht sehen, wie ich mit den Äuglein rolle, darüber, wie hier son ganz basales Geltungsbedürfnis mit Drama hingezeichnet wird, mit etwas groben Wachsmalern. But I get it, ist viel zu tun, und in Deutschland, da gilt die ARBEIT noch was, zur Not auch als der ewige Kampf zwischen Integrität und Menschlichkeit. Ich muss an “Arzthelferin Kimberley Wötzel” von Katz + Goldt denken, die, die eine Inkontinenzberatung durch die Patienten-Klotür durch vornimmt.
Aus Versehen – auf einmal ploppte es da auf – las ich, versuchte ich zu lesen, bei SZ-Online einen Text über den neuen, auf Deutsch erschienenen Scott McClanahan, aber nach ein paar Sätzen konnte ich schon nicht mehr. Warum ist das immer so? Ich erinnere mich, daß in einem deutschen Feuilleton jemand die Literatur von McClanahan als “punkig” bezeichnete. “Punkig”. Das ist genau das, was mich immer wieder umhaut, wie arm und unfassbar piefig und flau das Vokabular ist, mit dem da an die Kunst herangegangen wird, der sie in ihren lauwarmen Uni-Proseminaren natürlich nicht begegnen. Man sieht ja förmlich das arme Kerlchen da sitzen, in seiner WG in der Bonner Innenstadt, von den Adjektiven träumend, die er später, bei der “Zeitung”, dann endlich hinschreiben darf. Auf einmal klingelt es an der Tür. Er öffnet sie. Ihm überreicht wird der Staffelstab der deutschen Literaturkritik. Daran hängt ein Zettel. Er entfaltet den Zettel. Eine extrem akkurate Tabelle ist darauf. Mit Excel auf WINDOWS 95 erstellt. Mit einem Bleistift macht er sich direkt eine punkige Notiz: “Kübra Gümüsays Sachbuch Sprache und Sein ist zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Werke unserer Zeit geworden.”