• Sonntag, 11.04.2021

    REGEN FÄLLT AUF DEN MYONEN-SPEICHERRING

    Freitag zwei Stunden Boulespielen im Grüngürtel. Der Tag zeigte sich wie ein Unschlüssiger, der nicht wusste, wohin. Kalt, dann wärmer, Sonne, dann leuchtend grau, dann doch wieder die Jacke an. Den Leuten, von der ewigen Lage müde und gebückt, war es egal. Sie zählten wahrlich die heit’ren Stunden nur. Als ich zum Kiesplatz kam, sah ich hunderte Menschen auf den Wiesen und auf den Wegen. Jugendliche mischten sich Orangensaft und Wodka auf den grünen Bänken, trugen dabei Ketten aus Silber über dem Pullover und rauchten. Ältere tranken Bier. Mädchen spielten in Yogahosen Fußball, andere saßen zu dritt in Mänteln beisammen und redeten laut über andere Mädchen. Hunde liefen von links nach rechts. Neben uns spielte eine Gruppe von Chinesen Boule. Sie sahen aus wie Statisten aus einem Spike-Lee-Film. Ich verlor die Partie mit 13-10. Ich war ziemlich scheiße.

    Gestern den ersten Teil der neuen Hemingway-Doku von Ken Burns. Bevor die große Technik kam, schienen die Leben noch so übervoll. Mit 30 war er da schon durch einen Weltkrieg, zwei Ehen, Kansas City, zwei Mal Paris, den Selbstmord des Vaters, und ich glaube fünf Bücher. Die schwerste Verwundung im Krieg waren nicht die Granatsplitter. Die schwerste Verwundung war der Brief, durch den er erfuhr, dass die große Liebe, an die er glaubte, so vorbei war wie der Krieg selbst. Ich glaube, das ist denkbar: dass ein Leben an so einem Punkt schon endet, und man lebt noch vierzig Jahre weiter.

  • Mittwoch, 07.04.2021

    09:53h. Aufdringlich rokokohaft, wie sich der Schnee drehend und zwirbelnd vor trister Seuchenlandschaft durch die Lüfte schraubt, überall unsichtbare Ornamente hinmalt. Das ist doch Hohn-Schnee. Dazu der Wind, wie er das ganze Zeug mit einem Fauchen durch die Luft pumpt.

    Zweimal hatte ich schon gedacht, wie überflüssig es war, mir neulich noch eine neue lange Unterhose bestellt zu haben, zweimal aber stellte es sich schon als gute Idee heraus. Mit warmen Beinen im Atelier, das ist auch die Kraft des Älterwerdens, das Vorausschauende, wissen, welche weltlichen Entscheidungen was bringen. Manchmal.

    Die Nacht war unruhig gewesen, Bauchschmerzen durchfuhren mich wie Wellen. Das gibt es ja auch noch: den Körper.

    Und an jenem Morgen, da fand man sein Grab leer.

    18:43h. In den Fußraum eines Beifahrersitzes rutschen, zwischen leere Dosen, zerknüllte Papiere, leere Schachteln, oder gar keinem Müll. Dafür die angebotene Zigarette annehmen, obwohl man EIGENTLICH nicht raucht – aber der schöne Geruch. Zusammen in einem Auto sitzen, abgeholt worden sein, und jetzt wohin fahren, unter andere Leute, zu Musik von mir aus, oder Film. I want it back.

  • Sonntag, 04.04.2021

    PUBLISHING WATER

    Bei herrlicher Morgensonne, gestern, lese ich: Giancarlo DiTrapano, founder and publisher of Tyrant Books, New York, has died. He was 47. Jede Todesmeldung a piece of realist writing. Grade bin ich noch in ausgedehnter McClanahan-Lektüre, stirbt auf einmal, im Schlaf, wie es heißt, dieser interessante Mann, Verleger, Initiator, ebenfalls aus West Virginia, wie McClanahan, und doch weiß ich wenig über ihn, ein paar Interviews, aber was muss man da schon groß wissen. Mir wäre lieber, andere würden stattdessen sterben.

    Im Vogelhaus meiner Eltern ist die Hölle los. Jetzt kommen schon Tauben und picken die Reste von der Wiese. Meine Mutter ist schon einen Tag vorher aufgeregt, wenn ich zu Besuch komme. Eben fragte sie mich, ob meine “Ex” sich nochmal gemeldet habe. Ich sagte, nein. Und: “So sind die jungen Leute heute”. Sie schüttelt mit dem Kopf. Sie versteht die Menschen oft nicht. Mir geht es genauso. Menschen haben Gründe, dachte ich dann. Aber Gründe sind meist nicht viel besser als der ganze random Scheiß, sie sind lediglich verbalisierte Randomness. Weiße Löcher klaffen im Himmel.