Montag, 24.05.2021
DIE AUSGIESSUNG
Durch die geschlossenen Augenlider hindurch weckt mich die Helligkeit, ich seh den Himmel all blue, und schäme mich, weil meine Fenster dreckig sind, immernoch. Ich bin schwach, aber auch stark, aber vor allem bin ich jetzt wach. In der Ferne die Vorhut einer Wolkenfront.
Vom Vulkanausbruch in der Demokratischen Republik Kongo gehe ich die Pressefotos durch. Unfassbare Licht- und Feuerbilder, alles ist in ein Rot getaucht, von dem sich die todgeweihten Landschaften, Berge, Gewässer, in schwarzen Formen abkontrastieren, so überecht, dass einem nur künstliche Vergleiche einfallen. Silhouetten von Samurai, Kurosawa, oder die Höllenbiker aus MANDY. Krieg, Bomben, Feuer, Tod, Licht, die unendliche Schönheit dieser Aufnahmen, der Bilder. Es ist wie die immer wiederkehrende Erdbeere-im-Weinglas Episode bei Jünger, die, wie schreibt er da noch, Überflug zur tödlichen Befruchtung, so war das doch, und viele, ich glaube selbst Theweleit, machen sich bisschen lustig über den Todespomp und das GeJüngere, aber heute weiß man, daß Jünger damit schon beschrieben hatte, was die professionelle Kriegsfotografie im Laufe der kommenden Jahrzehnte ausformen wird: die Hyperästhetisierung der Katastrophe als Einzelbild, Hell/Dunkel, Chroma und Lumen, wie ein mythischer Jüngling ewig kraftstrotzend und vital. Und es funktioniert sogar konzeptuell: der hohe Einsatz, das äußerste high stakes game von Leben und Tod, verlängert diese Bilder weit ins Bewusstsein. Meine Meinung, liebe Pfingstmontagscrowd.
Jetzt das Glockengeläut.