• Montag, 24.05.2021

    DIE AUSGIESSUNG

    Durch die geschlossenen Augenlider hindurch weckt mich die Helligkeit, ich seh den Himmel all blue, und schäme mich, weil meine Fenster dreckig sind, immernoch. Ich bin schwach, aber auch stark, aber vor allem bin ich jetzt wach. In der Ferne die Vorhut einer Wolkenfront.

    Vom Vulkanausbruch in der Demokratischen Republik Kongo gehe ich die Pressefotos durch. Unfassbare Licht- und Feuerbilder, alles ist in ein Rot getaucht, von dem sich die todgeweihten Landschaften, Berge, Gewässer, in schwarzen Formen abkontrastieren, so überecht, dass einem nur künstliche Vergleiche einfallen. Silhouetten von Samurai, Kurosawa, oder die Höllenbiker aus MANDY. Krieg, Bomben, Feuer, Tod, Licht, die unendliche Schönheit dieser Aufnahmen, der Bilder. Es ist wie die immer wiederkehrende Erdbeere-im-Weinglas Episode bei Jünger, die, wie schreibt er da noch, Überflug zur tödlichen Befruchtung, so war das doch, und viele, ich glaube selbst Theweleit, machen sich bisschen lustig über den Todespomp und das GeJüngere, aber heute weiß man, daß Jünger damit schon beschrieben hatte, was die professionelle Kriegsfotografie im Laufe der kommenden Jahrzehnte ausformen wird: die Hyperästhetisierung der Katastrophe als Einzelbild, Hell/Dunkel, Chroma und Lumen, wie ein mythischer Jüngling ewig kraftstrotzend und vital. Und es funktioniert sogar konzeptuell: der hohe Einsatz, das äußerste high stakes game von Leben und Tod, verlängert diese Bilder weit ins Bewusstsein. Meine Meinung, liebe Pfingstmontagscrowd.

    Jetzt das Glockengeläut.

  • Mittwoch, 19.05.2021

    15 MINUTEN

    Punkt 12 Uhr war ich durch mit der Erstimpfung, Wirkstoff AstraZeneca, seit dem 25. März 2021 mit offiziellem Markennamen Vaxzevria. Injiziert in den oberen Oberarmmuskel meines linken Arms. Danach noch ein bisschen mit dem Hausarzt geredet. Er sagt einen ziemlich interessanten Satz: ohne Donald Trump hätten wir diese Impfungen nicht, nicht so schnell, nach nur 9 Monaten. Dabei hob er demonstrativ die leere Spritze, bevor er sie in einen extra für die benutzen Impfdosen vorgesehenen Kanister warf. Mein Arzt ist kein Quatschkopf, er ist ein ruhiger und seriöser indischstämmiger Mann, der in England ausgebildet wurde. No drama and fuss here. Er skizziert mir kurz das Szenario, das unter dem Namen Operation Warp Speed und mit von Trump im Eilverfahren bewilligten Dollarmilliarden die großspurige Impfstoffentwicklung mit auf den Weg gebracht hatte. Als er noch anfügt, dass Trump wohl gerne gehabt hätte, daß man es auch “Trump vaccine” nennt, lächelte er feist.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass auch ein Präsident Biden diese Dollars freigegeben hätte, scheint groß, aber der Punkt ist: he didn’t. Anerkennung ist eine harte Währung geworden, die an, in ihrer Natur extrem kleinbürgerlichen Gesinnungsgrenzen, ihren Wert verliert.

    Aus “15 minutes of fame” werden: bitte bleiben sie noch 15 Minuten nach der Impfung in der Praxis.

  • Sonntag, 16.05.2021

    BEST OF SPARGEL

    Jetzt zieht doch ein erfrischend kühlnasses Lüftchen in meinen Nacken, fast schüchtern, gedämpft piepsen draußen die Vögel ihre Schnörkel und Ornamente, vielleicht sehen sie schon den nächsten Regenguss kommen, und wollen da nicht…

    Am Freitag also nach der sog. Eröffnung, wo manchen der SCHOCK der Sozialsituation in den Gesichtern und Bewegungen stand und lag (wie trinke ich nochmal 1 Bier auf der Straße? Wo gucke ich hin, wenn jemand mit mir redet?), noch auf eine hübsche Dachterrasse, wo es sogar noch eine steile Eisentreppe gab, die hinauf führte auf eine durchaus Aussichtsplattform zu nennende Konstruktion. Zu FÜSEN lag mir die Stadt, in der ich geboren. Die Wetter kamen und gingen, und so war auch der Himmel an diesem späten Freitagnachmittag ein perverser Malertraum gewesen: wo rechts alles in einem Grau verschwand, da wurde es, je mehr man sich nach links drehte, hellblauer, weißer, und da brach ein Spalt auf, und die Sonne, der vielleicht irgendwann mal ganz final der Saft ausgehen würde, für immer, aber noch nicht jetzt — diese Sonne explodierte förmlich durch diesen überweißen und bauschigen Wolkenspalt hindurch und ich sah es auf meinem iPhone Display, weil auch ich nicht umhin konnte, das alles mit einem Gefühl von Glück (wie sagt man?) aufzunehmen, für einen kleinen Zwanzigsekundenfilm. Eine Aussicht auf Toledo, hier die Christuskirche, und da hinten, in einer Schlucht, die zwei kleinen Spitzen des Doms, Gotham City.

    Auch der achtzigjährige Peter Brötzmann stand auf einmal da oben, gab sich diesen Ausblick, hielt dabei ein Weinglas mit stillem Wasser, und wirkte, wie auch schon beim Aufbau und die ganze Zeit der Eröffnung, auf eine stille und extrem angenehme Art in sich gekehrt, kaum ablesbar, dabei aber nicht unnahbar, sondern lieb einfach. Mochte ich sehr, den Mann. Auf der Terrasse verteilten sich die Leute, kleine Gruppen und Verbünde, man holte sich einen kleinen Teller mit Häppchen, ich trank auch ein eiskaltes Krombacher, rauchte ein paar Zigaretten, unterhielt mich. Bei den Unterhaltungen ging es oft darum, wie lange man sich nicht mehr unterhalten hatte, auf diese Art. Kühler Wind macht klar, daß man ihn nicht zu vergessen hatte.

    Mit Albert Oehlen teile ich also ein Faible für Ariel Pink. Außerdem erzählte er mir eine lustige Geschichte, er war neulich noch in Los Angeles gewesen, und dort hätte man, aufgrund der Einreiseregularien Pandemie Edition, einen sehr sehr berühmten Architekten nicht ins Land gelassen. Also die Mächtigen gewinnen nicht immer.