DRAWING ROOM E, CAR 3901
Im Bett liegen, North By Northwest gucken. Zum ersten Mal? Ich weiß es nicht, ich bin ein Land ohne Geschichte.
Was ich weiß, ist, daß es einer besonderen Form der Abstraktion bedarf, diese brutal alten Filme wie FILME zu schauen, akzeptieren zu können. Jedes Gemälde der Totfeind des Vorherigen, jeder Film von Gestern in Konkurrenz zum Film von Heute. Es ist ja nicht das Alter, sondern die verschwundenen Gesellschaften, aus denen sie jetzt zu uns Lebenden kommen, und uns etwas mitteilen wollen, die, von heute aus gesehen, Limitation der Mittel, ästhetische Konventionen der Darstellung usw., kompliziert, begründbar, gewachsen, deep – 1959, ich meine wie unendlich, unendlich lange ist das bitte her?
Wie fühlt sich ein Kameraschwenk, der im Jahre 1959 fortschrittlich, revolutionär war, im Jahre 2021 an, wo der Schwenk längst ins erweiterte Repertoire des filmischen Auges integriert ist? Wie genau aber läuft diese Abstraktion nebenher? Ich kann nicht wirklich sagen, daß sie unspürbar verläuft. Aber sie macht sich auch nicht zum Chef, wird zur zentralen Stelle des Erlebens des Films. Die Über-Künstlichkeit der Situation. Die Über-Künstlichkeit der veralteten Darstellung. Als Cary Grant sich im Zug nach Chicago vor zwei Polizeimännern versteckt, geht alles viel zu schnell, die Szene läuft zu schnell, man spürt es mit dem ganzen ästhetischen Bewusstsein, dass sich durch drei Jahrzehnte Filmeschauen in einem angereichert hat. Kaum sind die Polizisten um die Ecke, tritt Cary Grant schon aus seinem Versteck wieder auf den Gang. Es fehlen diese unbestimmten Sekunden des Zögerns, die man heute als real empfinden würde. Alte Filme, das ist Bewegungshektik.
Die Titel-Sequenz von Saul Bass hingegen, ist in ihrer absoluten Klarheit fast autoritär und most valuable. Das kann man retromässig betrachten, oder anhand der Richtlinien, was gute Grafik sein soll. Egal. Es steht lebendig da.
Im Bett liegen. Über North By Northwest losdenken. Zum ersten Mal? Bin sicher.
Die neue Zeit, es ist Zwölfuhreins.