MIT GUERILLATALENT ZUM SOMMERNOTSTAND
Durch die Mittagssonne, über die Rheinbrücke, nach Süden hin, zu den Eltern, das war gestern. Diese ersten warmen Sonnentage, sie tragen manchmal eine Abgedämpftheit in die Wahrnehmung, als ob das Übermaß an Licht ausstrahlte, auf den Geist, auf die Ohren sogar, Geräusche wie an den Enden abgerundet, und wenn man lange genug in den Tag schaut, in so ein wolkenloses, milliardenfach beschriebenes Himmelblau, ist da ein extrem angenehmes und zartes Versprechen von Schläfrigkeit. Dennoch kann man gut bisschen daliegen und Scholschenizyn lesen, die Idee eines Straflagers wird sogar noch echter, noch realer, wenn man auf den gemähten Rasen schaut, der würzig duftet, und sich kurz vorstellt, was es alles zu verlieren gäbe. Aber heute ist die Sonne, ist das SCHÖNE WETTER, nicht zur Arbeit erschienen. Da les ich dann lieber weiter bei Joan Didion über Kalifornien.
Was ich gar nicht wusste: dass Narzissen und Osterglocken dasselbe sind. Gott, wie dumm bin ich, wo war ich denn da? In der Sowjetregierung. Das ist die Antwort.
12:18h. Kaputti Noon. Eben torkelte rotzenvoll ein junger Mann mit Fenerbahce-Fan-Mundschutz seitwärts in den REWE, die Kassierein, MEINE Kassiererin hob mahnend den Arm, großes NEIN, erhob sich dann resolut aus ihrer Kassierparzelle, dem Kaputten hinterher, der mit dem speziellen Ehrgeiz eines Schwerbesoffenen aller Außenwelt den Minikrieg erklärt hatte und weiterlief ins REWE-Innere. Meine Waren und ich, wir ruhten geduldig auf bzw. vor dem Laufband. Was war los. Würde das jetzt hier eine ganz unschöne Wendung nehmen, würde hier jetzt eine ganz spezielle memory kreiert werden, oder würde sich das jetzt hier ganz bald, einfach so, auflösen. Da führte ein großgebauter Mitarbeiter im hellblauen REWE-Shirt den Fenerbahce-Mann am Ärmchen durch die automatisch öffnende Ladentüre wieder hinaus. Der Kaputte schien nicht so richtig einsehen zu wollen, warum er denn jetzt nicht, ganz friedlich, aber eben leider auch voll wie ein Staudamm, hier einkaufen dürfe. Ich sah ihn schließlich die Straße runterwackeln. Es war nicht mal Zwölf. Man könnte sich auch fragen, warum das nicht dauernd passiert.