• Samstag, 20.02.2021

    HELD DER SOWJETUNION

    In der ZEIT hat Nils Markwart, 34, kurz den Deckel vom Wurstkessel hochgehoben, und, hoppla, eine Klassengesellschaft darin gefunden! Das ist allerhand, und jetzt, wo es diese “alte Phänomen” (Markwardt) wieder “gibt”, muss die Frage folgen: wenn Adam Curtis in einem jüngst geführten Interview sagt, er wolle das “N-Wort”, also “Neoliberalismus” deshalb nicht benutzen, weil allein schon der Sound und die Rezeptionsgewohnheit dieses Kompaktbegriffs dazu führe, daß die Leute “nicht mehr zuhören”, warum muss ich dann in einem als Essay benannten Text über die Klassengesellschaft schon wieder original den Satz “weil die Schere zwischen Arm und Reich gesamtgesellschaftlich größer geworden ist” lesen? Ist es nicht genau dieser Satz, der signalisiert, dass hier mit bereits bekannter Stumpfheit, die sich BUCHSTÄBLICH über die Faulheit dieses Satzes tief in die Rezeptionsrealität des Textes hämmert, über ein leider brutal aktuelles Thema geschrieben wird? Ist nicht eigentlich dies das “alte Phänomen” (Markwardt)? Kann mir nicht vorstellen, dass Anke Stelling in ihrem Interview auch die Schere rausgeholt hat?

    Ganz still und ohne Mucks ging hier in der Stadt der Karneval, einfach so, vorbei. Donnerstag und Montag sah ich, ohne, dass ich erst wusste, warum, vier, fünf Kostümierte. Wie extrem seltene Tiere bewegten sie sich durch die Stadt.

    Im Bücherschrank im REWE, zwischen Utta Danellas und Konsaliks und Stephenie Meyers, den suhrkamp-Band “Tagebuch einer Schizophrenen: Selbstbeobachtungen einer Schizophrenen während der psychotherapeutischen Behandlung” von Marguerite Sechehaye gefunden und mitgenommen, außerdem ansprechenden amerikanischen Hollywood-Roman-Trash und “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch” von Solschenizyn, worin ich direkt zu lesen begann. Nach ein paar Seiten schon ist klar: groß ist die Schere zwischen Häftling und Lagerbrigadier.

  • Mittwoch, 17.02.2021

    ES IST DIE ZEIT DER FEINDBERÜHRUNG

    In der peer group war eine wie synchronisierte Aufmerksamkeit zu vernehmen   – so las ich es, auf den Seiten, aus den Zeilen im Browser heraus – gerichtet wie dereinst SAURONS übergroßes, hypernervöses Flammenauge (nostalgischer Einschub) auf etwas Konkretes: Adam Curtis’ neue sechsteilige Reihe “Can’t Get You Out Of My Head”.

    Es klafft bekannntlich in der Seuchenzeit besonders bedrohlich der tiefe und dunkle Abgrund des Monitors, und manch einer glaubt, meint, ja hofft, dort entweder absolut NICHTS über die Welt da draußen zu erfahren, ein anderer wiederum möchte wissen, wie kaputt unsere Welt, unsere Städte und Menschen wirklich sind. “I needed this” schreiben sie dann in die Kommentarspalte von Youtube. Aber wie heißt es in Wall Street: man schaut so lange in den Abgrund, bis man seinen Charakter zu erkennen meint. Dieser sei die einzige Rettung vor dem Abgrund. Aber ich habe auch erst zwei Episoden gesehen.

  • Samstag, 13.02.2021

    LARRY FLYNT, PORNOGRAPHER AND SELF-STYLED FIRST AMENDMENT CHAMPION, DIES AT 78

    Minus 6 und kristallinblau der Wintermorgen. Weit hinten, am Horizont, wo die Naht der Steppe verläuft, da sehe ich die Wisent grasen.

    Obwohl ich so einen schönen Morgen schon kenne, will ich niemals nichts von ihm wissen. SO lebe ich, und SO ist der, der mit der Kunst rummacht. Aber wie leben die anderen? Gestern zu Fuß ins Atelier, wie im letzten Frühjahr und Sommer. Draußen waren Menschen, vielen steht der Wahnsinn deutlich im Gesicht. Keine Maske kann das verstecken, keine PFC-freie Funktionskleidung mit wasserabweisendem Finish den Eindruck trügen. Die Hunde scheinen dafür umso glücklicher. Und die Rotkehlchen. Die sah ich höchstselbst, Donnerstagnachmittag, im Garten meiner Eltern, sich dem immer gut beladenen Vogelhaus so tänzelnd nähern, und man sah einfach: da war eine Bombenlaune da, bei denen.

    Ein Langzeitgedanke: das ganz ganz Grausige, das ist eben oft, leider (oder nicht leider) das ganz ganz Komische. Leute, die das ganz ganz Komische im ganz ganz Grausigen ablehnen, weigern sich im Prinzip, ihre Hemisphären im Schädel ein bisschen frei arbeiten zu lassen, dabei zu beobachten, wie sie eben noch gegen- und dann zusammenarbeiten. Sich selbst als große Instanz der Steuerung zu ernst zu nehmen: PROBLEMATISCH.

    Er starb

    wie er lebte

    Unersättlich am werten dran