HELD DER SOWJETUNION
In der ZEIT hat Nils Markwart, 34, kurz den Deckel vom Wurstkessel hochgehoben, und, hoppla, eine Klassengesellschaft darin gefunden! Das ist allerhand, und jetzt, wo es diese “alte Phänomen” (Markwardt) wieder “gibt”, muss die Frage folgen: wenn Adam Curtis in einem jüngst geführten Interview sagt, er wolle das “N-Wort”, also “Neoliberalismus” deshalb nicht benutzen, weil allein schon der Sound und die Rezeptionsgewohnheit dieses Kompaktbegriffs dazu führe, daß die Leute “nicht mehr zuhören”, warum muss ich dann in einem als Essay benannten Text über die Klassengesellschaft schon wieder original den Satz “weil die Schere zwischen Arm und Reich gesamtgesellschaftlich größer geworden ist” lesen? Ist es nicht genau dieser Satz, der signalisiert, dass hier mit bereits bekannter Stumpfheit, die sich BUCHSTÄBLICH über die Faulheit dieses Satzes tief in die Rezeptionsrealität des Textes hämmert, über ein leider brutal aktuelles Thema geschrieben wird? Ist nicht eigentlich dies das “alte Phänomen” (Markwardt)? Kann mir nicht vorstellen, dass Anke Stelling in ihrem Interview auch die Schere rausgeholt hat?
Ganz still und ohne Mucks ging hier in der Stadt der Karneval, einfach so, vorbei. Donnerstag und Montag sah ich, ohne, dass ich erst wusste, warum, vier, fünf Kostümierte. Wie extrem seltene Tiere bewegten sie sich durch die Stadt.
Im Bücherschrank im REWE, zwischen Utta Danellas und Konsaliks und Stephenie Meyers, den suhrkamp-Band “Tagebuch einer Schizophrenen: Selbstbeobachtungen einer Schizophrenen während der psychotherapeutischen Behandlung” von Marguerite Sechehaye gefunden und mitgenommen, außerdem ansprechenden amerikanischen Hollywood-Roman-Trash und “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch” von Solschenizyn, worin ich direkt zu lesen begann. Nach ein paar Seiten schon ist klar: groß ist die Schere zwischen Häftling und Lagerbrigadier.