• Sonntag, 04.04.2021

    PUBLISHING WATER

    Bei herrlicher Morgensonne, gestern, lese ich: Giancarlo DiTrapano, founder and publisher of Tyrant Books, New York, has died. He was 47. Jede Todesmeldung a piece of realist writing. Grade bin ich noch in ausgedehnter McClanahan-Lektüre, stirbt auf einmal, im Schlaf, wie es heißt, dieser interessante Mann, Verleger, Initiator, ebenfalls aus West Virginia, wie McClanahan, und doch weiß ich wenig über ihn, ein paar Interviews, aber was muss man da schon groß wissen. Mir wäre lieber, andere würden stattdessen sterben.

    Im Vogelhaus meiner Eltern ist die Hölle los. Jetzt kommen schon Tauben und picken die Reste von der Wiese. Meine Mutter ist schon einen Tag vorher aufgeregt, wenn ich zu Besuch komme. Eben fragte sie mich, ob meine “Ex” sich nochmal gemeldet habe. Ich sagte, nein. Und: “So sind die jungen Leute heute”. Sie schüttelt mit dem Kopf. Sie versteht die Menschen oft nicht. Mir geht es genauso. Menschen haben Gründe, dachte ich dann. Aber Gründe sind meist nicht viel besser als der ganze random Scheiß, sie sind lediglich verbalisierte Randomness. Weiße Löcher klaffen im Himmel.

  • Sonntag, 28.03.2021

    DRAWING ROOM E, CAR 3901

    Im Bett liegen, North By Northwest gucken. Zum ersten Mal? Ich weiß es nicht, ich bin ein Land ohne Geschichte.

    Was ich weiß, ist, daß es einer besonderen Form der Abstraktion bedarf, diese brutal alten Filme wie FILME zu schauen, akzeptieren zu können. Jedes Gemälde der Totfeind des Vorherigen, jeder Film von Gestern in Konkurrenz zum Film von Heute. Es ist ja nicht das Alter, sondern die verschwundenen Gesellschaften, aus denen sie jetzt zu uns Lebenden kommen, und uns etwas mitteilen wollen, die, von heute aus gesehen, Limitation der Mittel, ästhetische Konventionen der Darstellung usw., kompliziert, begründbar, gewachsen, deep – 1959, ich meine wie unendlich, unendlich lange ist das bitte her?

    Wie fühlt sich ein Kameraschwenk, der im Jahre 1959 fortschrittlich, revolutionär war, im Jahre 2021 an, wo der Schwenk längst ins erweiterte Repertoire des filmischen Auges integriert ist? Wie genau aber läuft diese Abstraktion nebenher? Ich kann nicht wirklich sagen, daß sie unspürbar verläuft. Aber sie macht sich auch nicht zum Chef, wird zur zentralen Stelle des Erlebens des Films. Die Über-Künstlichkeit der Situation. Die Über-Künstlichkeit der veralteten Darstellung. Als Cary Grant sich im Zug nach Chicago vor zwei Polizeimännern versteckt, geht alles viel zu schnell, die Szene läuft zu schnell, man spürt es mit dem ganzen ästhetischen Bewusstsein, dass sich durch drei Jahrzehnte Filmeschauen in einem angereichert hat. Kaum sind die Polizisten um die Ecke, tritt Cary Grant schon aus seinem Versteck wieder auf den Gang. Es fehlen diese unbestimmten Sekunden des Zögerns, die man heute als real empfinden würde. Alte Filme, das ist Bewegungshektik.

    Die Titel-Sequenz von Saul Bass hingegen, ist in ihrer absoluten Klarheit fast autoritär und most valuable. Das kann man retromässig betrachten, oder anhand der Richtlinien, was gute Grafik sein soll. Egal. Es steht lebendig da. 

    Im Bett liegen. Über North By Northwest losdenken. Zum ersten Mal? Bin sicher.

    Die neue Zeit, es ist Zwölfuhreins.

  • Freitag, 26.03.2021

    OUT THERE

    Der Morgen heute war ein Schimmer, und weich und kühl war die Luft, die den Gesang der Rabenartigen herüber trug. Ihre Schnäbel blitzten im Sonnenlicht wie ultrapoliertes Carbon. Diese schönen Vögel sind nur unerheblich dümmer als mancher Künstler. Die Natur wird sich dabei natürlich nichts gedacht haben, sie ist die Indifferenz schlechthin. Ich sah mir also die Vögel an, wollte aber eigentlich was hier in dieses Fenster schreiben, heute Morgen, aber ich hatte zu viele Sätze im Kopf, die alle gleichzeitig zwischen Stirn und Hinterkopf pinballten. Das ist trotzdem nicht mein ICH, das da spricht, glaubt die Wissenschaft, das ist nur das Bewusstsein und seine Inhalte, die einfach entstehen, einfach auf einmal da sind. Unbeirrbar entstehen, die ganze Zeit. Ich schaute länger und gedankenlos auf mein Mousepad, das ich erst seit ein paar Wochen habe: Alice Cooper, Paranormal (ear music). Ich finde Alice Cooper sympathisch, immer schon. Ich habe natürlich keine einzige Platte von ihm. Er ist zwei Jahre älter als mein Vater, aber wesentlich reicher.

    Ständig sehe ich Karl Lauterbach in der Innenstadt. Der tut mir doppelt leid, wegen der Hassscheiße, und weil er dauernd in beschissenen Fernsehstudios der abgefuckten Öffentlich-Rechtlichen rumhängen muss. Aber muss er das wirklich? Er verdient wahrscheinlich auch so viel Geld, wie noch nie zuvor. “Pandy als Schangse”.

    Wie zu nah unter der Decke hängende Zwillings-Lampions: die Hoden einer französischen Bulldogge von hinten.

    Sentimental heart breaking
    Everything is my fault