• Mittwoch, 03.02.2021

    DURCH DIE ELFRINGHAUSENER SCHWEIZ

    Raus aus der Stadt, in der man lebt, und auf keinen Fall sterben will, rein in den Zug, durch den Regen, mal eben nach woanders. Dann stand ich ein paar Minuten später vor dem Bahnhof des Zielorts, blickte in die sich vor mir öffnende Schneise zur Fußgängerzone dieser 160.000-Einwohner-Stadt, sah Figuren sich unter einem alles Leben absaugendem Grau bewegen und fühlte, logisch, eine ganz besondere, deutsche Beklommenheit sich durch mich durchbohren. Der kalte und dünne Regen beglaubigte all das. We should never live this way.

    Dann sah ich den silbernen Audi von Klaus, und ich stieg ein, wir waren zum Wandern durch die WÄLDER verabredet. Nachdem ich Hündchen “Tonki” kennenlernte, gingen wir los, durch tief vom Regen durchdrungene und aufgeplatze Landschaften, durch Morast und von Getier aufgewühlte Erde, über Stock und Stein, während sich Nebel vor das dunkle Grün schob. Moosflechten leuchteten fast neongrün auf dem glitschigen Gehölz. Bei schönem Wetter kann ja jeder, und das stimmte auch, denn wir begegnetem fast Niemandem in dieser schönen Landschaft. 19 Kilometer und viereinhalb Stunden später, zeigte Klaus mir noch etwas stolz den Zweitteich, in dem die von ihm geliebten Molche leben.

    Außerdem kam Post aus Aberdeen, von Eirik. Wie ist es da wohl, in Aberdeen?

    Heute morgen dann ein unrühmliches Telefonat mit Marc, der sich meine Luft anhören musste, die ich, als frustriertes Ventil, abließ. Aber ich kann nicht mehr zurückhalten, ich bin wütend und die Wut ist wie ein pinball, der durch mich durchtitscht, alle Organe berührt. Ich denke an meine eigene Zeichnung von vor ein paar Jahren: what is a man who stops venting his rage on paper?

    Hopkins schickte ein Buch: Hernan Diaz “In The Distance”

  • Montag, 01.02.2021

    KAMPEN, DEN 21. JUNI

    01.01.2021-11.01.2021-12.01.2021-20.01.2021-21.01.2021-22.01.2021-02.02.2021 usw. Und so fühlt es sich auch an.

    Heute vollkommen indifferent, matt, leer. Nicht schlimm, aber leer. Im Bett liegen, weil ich keine Couch habe, und nicht NICHTS tun, sondern LESEN. Früher war Lesen mal eine Tätigkeit, keine Ahnung, wie das heutzutage bewertet wird. Aus Lust bisschen im Raddatz-Tagebuch, entstaubt. Drin steckte als Lesezeichen eine Postkarte mit einer Zeichnung von Thomas Schütte vorne drauf, aus der Serie “Depri Notes”, zwei gelbe Kissen, darunter in Bleistift Nett im Bett. Sag ich ja.

    Nach fast einem Jahr der Abgeriegeltheit ist das Raddatz-Tagebuch wie Fremdmaterie, seine Berichte wie noch glühende Kometstücke, abgeschleudert aus anderer Zeit und Welt, und das Glühen ist der irritierendste Teil. Man kann diese Zeit und Welt sogar noch erkennen, sie hängt wie ein Schemen, ein von unbestimmter Distanz eingeschwärzter Mond noch sichtbar und schwer in der Sphäre, über dem Land, über dem Wetter, über uns allen. Eine Zeit und Welt, in der sich Menschen begegneten.

    “Ich war in San Francisco, habe dort eine Oper geschrieben, bin dort in Ohnmacht gefallen, (…)”

    Das Raddatzsche Gespreize (”2 lustige Miszellen”) aus der Champagnerzeit: ich spüre einen generellen Mangel an und Sehnsucht nach Hedonismus (mit Bildung), nach Unterschied, nach Ungleichheit der individuellen Erfahrung nicht als Kampfbegriff, sondern als Qualität. Außerdem The Exorcist von William Peter Blatty begonnen, ich glaube, das wird mein Jahr der Genre-Literatur. Die Dämmerung ist jetzt da. Wie die Decke über der Voliere, die Vögel zu beruhigen.

  • Sonntag, 31.01.2021

    IM PALAST MEINES JUDOPARTNERS

    Kill the Poor singt der vielstimmige Chor der Hedge Funds-Supergroup “Market Instability”, aber nicht den Song der Dead Kennedys, sondern die eigene, die Wall Street-Version. Dabei verlässt hin und wieder eines der Bandmitglieder die Performance um vor einer Fernsehkamera von CNBC wie ein kleines Baby mit randvoller Windel bitterlich zu weinen. Tränen fallen auf ein Peloton-Workout-Bike, in die Rillen einer Patagonia Daunenweste. Anderswo entsteht bereits der nächste wegweisende Song für unsere Zeit, Titel: So frei ist der Markt nun auch wieder nicht.

    Es sind 3 Grad, die Sonne scheint.