BUCH-JAHR IM SCHÜTZENGRABEN
In Analogie zur Behauptung, den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft könne man dadurch ermessen, indem man sich dessen Gefängnisse (und somit die Behandlung der Insassen durch den Staat, den die Gesellschaft bildet) anschaue, erweitere ich wie folgt: auch die Art und Weise, wie man mit Obdachlosigkeit und deren Prävention verfährt weist darauf hin (wer weiß etwas darüber?), und man muss sich die vorherrschende Ästhetik der Illustrationen in den Zeitungen, aber eher den digitalen und Bewegtbildmedien (Stichwort “Arte Doku”) ansehen, da erfährt man auch viel. Drückte mich also durch eine Instagram Story des Suhrkamp Verlags, (”Welches Buch kann ich Papa schenken, um ihm klarzumachen, dass der Kapitalismus doof ist”), da wird eine Neu-Ausgabe von Max Frisch’s Montauk (”suhrkamp pocket”) mir angezeigt, deren Optik ziemlich exakt, ja wesenhaft andeutet, was das Problem ist mit dem neoliberalen Kapitalismus (die Eroberung des Nationalstaates durch multinationale Großkonzerne, zwinker), da muss Papa gar nicht Buchstaben für dekodieren, der muss sich nur dieses scheußliche Buch anschauen, was da vorne drauf ist, wie das rüberkommt. Auch Suhrkamp also, Willi Fleckhaus ist lange schon für immer tot, setzt auf den an der Tech-Company geschulten Hohlstil, den wir hier fürs Protokoll den Startup Microschaum-Matratzen Stil nennen, flache, zurechtinfantilsierte Asepsis, gemacht für den modernen, jungen, ahistorischen Erwachsenen als Massenmenschen, ästhetisch aus Durchpolitsierung bis zur Unkenntlichkeit verdorrt und ausgeschabt. Tech-Firmen wollten keine normalen Gehälter und Gagen für Illustratoren zahlen, darum regelte man dies INHOUSE (Alarmwort), die Vorgabe lautet: mach’s so wie da, aber anders, damit keiner klagen kann, und hier, im Jahre 2020, sehen wir die Breitenergebnisse, selbst im Hause Suhrkamp, des wirklich ernstzunehmend ersten, brutalen Jahrzehnts der neoliberalen, kannibalistischen Rekursion. Big Daddy oder Mommy TECH schaut sich ganz gelassen an, wie sich die Freien und Kreativen gegensetig ausbeuten und ausrauben, und der Phänotyp, das ist die Ästhetik all dessen, das ist eben genau die infantile und unterkomplexe Scheiße, die selbst Suhrkamp jetzt dem Max Frisch da vorne aufs Cover drückt, und wer denkt, ich übertreibe hier, der…
Ich klage an
3 Grad, bewölkt. Beim nächsten Ton 10:09h.