• Freitag, 27.11.2020

    BUCH-JAHR IM SCHÜTZENGRABEN

    In Analogie zur Behauptung, den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft könne man dadurch ermessen, indem man sich dessen Gefängnisse (und somit die Behandlung der Insassen durch den Staat, den die Gesellschaft bildet) anschaue, erweitere ich wie folgt: auch die Art und Weise, wie man mit Obdachlosigkeit und deren Prävention verfährt weist darauf hin (wer weiß etwas darüber?), und man muss sich die vorherrschende Ästhetik der Illustrationen in den Zeitungen, aber eher den digitalen und Bewegtbildmedien (Stichwort “Arte Doku”) ansehen, da erfährt man auch viel. Drückte mich also durch eine Instagram Story des Suhrkamp Verlags, (”Welches Buch kann ich Papa schenken, um ihm klarzumachen, dass der Kapitalismus doof ist”), da wird eine Neu-Ausgabe von Max Frisch’s Montauk (”suhrkamp pocket”) mir angezeigt, deren Optik ziemlich exakt, ja wesenhaft andeutet, was das Problem ist mit dem neoliberalen Kapitalismus (die Eroberung des Nationalstaates durch multinationale Großkonzerne, zwinker), da muss Papa gar nicht Buchstaben für dekodieren, der muss sich nur dieses scheußliche Buch anschauen, was da vorne drauf ist, wie das rüberkommt. Auch Suhrkamp also, Willi Fleckhaus ist lange schon für immer tot, setzt auf den an der Tech-Company geschulten Hohlstil, den wir hier fürs Protokoll den Startup Microschaum-Matratzen Stil nennen, flache, zurechtinfantilsierte Asepsis, gemacht für den modernen, jungen, ahistorischen Erwachsenen als Massenmenschen, ästhetisch aus Durchpolitsierung bis zur Unkenntlichkeit verdorrt und ausgeschabt. Tech-Firmen wollten keine normalen Gehälter und Gagen für Illustratoren zahlen, darum regelte man dies INHOUSE (Alarmwort), die Vorgabe lautet: mach’s so wie da, aber anders, damit keiner klagen kann, und hier, im Jahre 2020, sehen wir die Breitenergebnisse, selbst im Hause Suhrkamp, des wirklich ernstzunehmend ersten, brutalen Jahrzehnts der neoliberalen, kannibalistischen Rekursion. Big Daddy oder Mommy TECH schaut sich ganz gelassen an, wie sich die Freien und Kreativen gegensetig ausbeuten und ausrauben, und der Phänotyp, das ist die Ästhetik all dessen, das ist eben genau die infantile und unterkomplexe Scheiße, die selbst Suhrkamp jetzt dem Max Frisch da vorne aufs Cover drückt, und wer denkt, ich übertreibe hier, der…

    Ich klage an

    3 Grad, bewölkt. Beim nächsten Ton 10:09h.

  • Montag, 23.11.2020

    WORKING CLASS

    Bei Gyrosland im Fenster blinkte es bereits asynchron in die Dunkelheit hinein, die erste Lichterkette, der erste konkrete Gedanke an das Ende. Des Jahres. Es war trocken und kalt, gut zwei Stunden vorher, da blickte ich noch in den vollkommen wolkenlosen, der Dämmerung sich entgegen neigenden Himmel, in Winterblau aufs ansprechendste sterbend. Wolkenlos bringt Kälte, das weiß jeder, und auch ich hatte es in diesem Moment nicht vergessen. Im Atelier hörte ich gleich zweimal hintereinander die Platte “Eden” von Everything But The Girl, 1984. Die klingt überhaupt nicht nach 1984, vor allem dann, wenn man sonst nur die schwer und kantig nach vorne walzenden Synthesizer oder den hypernervösen Wave dieser Zeit zu hören gewohnt war. Es ist fast eine Art Proto-Lounge-Pop, lushly produziert, angenehm komplexe Harmonien, und Tracy Thorn natürlich. Im Guardian las ich neulich, die beiden von Everything But The Girl sind immer noch verheiratet, drei Kinder. Haben sich beim Studium in Hull kennengelernt. Von Hull City kam auch 2017 Andrew Robertson, der nunmehr weltberühmte Linksverteidiger des FC Liverpool, Schotte, ultrasympa, zum jetzigen englischen Meister, für eine heuer lächerliche Ablöse von ca. 8 Millionen Pfund.

    Robertson was released by Celtic as a youngster for being too small and was picked up by amateur side Queen’s Park. A famous tweet of his went viral a while back from when he was 17, which read: “Life at this age is rubbish with no money #needajob.

    Outside Tunnel now

    we watch limousines try to make left turns onto the West Side Highway

  • Freitag, 20.11.2020

    LOVE COLDER THAN DEATH <3

    Menschen im Jahr des Herrn 2020: ihren Hunden, die nichts dagegen sagen aus ihren Schnäuzchen, drücken sie den Job des “emotionalen Supporters” auf, lassen es sogar auf die Hundekleidung drucken, und ihre boyfriends oder girlfriends, die Menschen, die sie lieben und mit denen sie den Kraftakt der Verständigung eingehen, nennen sie “Partner”. Verstehe ich nicht. Das ist doch die sprachliche Eingliederung der Liebesverbindung in einen nutzgedanklichen Kapitalismus der Privatheit. Partner werden ständig ersetzt, mit dem Ziel, das Verhältnis des Tausches/Handels zu optimieren. “Werder Bremen findet einen neuen Werbepartner: den Wurstgiganten Wiesenhof”. Ich bin dagegen, es ist falsch, es ist kalt, es ist kaputt. Aber ok, hakt euch ein bei eurem geliebten Wurstgiganten, bei euren “Partnern”. “Partner” liebt man nicht, mit “Partnern” macht man Verträge. Keine Verträge, man macht Risiko.