BOSCHETTO DI QUERCE CON DICHTERKLAUSE
Palmsonntag. Gestern Abend, gegen halb Neun, gab es ein Feuerwerk, rote und grüne Spritzer stiegen im Süden auf, knackten durch die Nacht, woraufhin aus allen Ecken die Hunde zu singen anfingen.
Dahinter, wo jetzt, am Morgen, ein Nebelschleier zwischen den Lepinischen Bergen liegt und als silbriges Band verdampft, schwirrten die Lichter der Autos und Häuser wie stark betäubte Insekten umher. Hier leben wir.
Ich bin im Latium. Freitagabend, beim Essen, meinte einer, hier leben die Faschisten. Ich bin einerseits nicht überrascht, denn schliesslich, das weiss man vom Fussball, ist die Lazio Roma der Verein, der bekannt ist für seine Neo-Fascista-Szene, der römische Gruss ist in der Curva nicht gerade unüblich, und irgendwo müssen die Faschisten ja leben. Andererseits, und da war ich mir mit der Person, die mir das mit den Faschisten erzählte, einig, muss man solche Informationen wie eine anonyme Zahlenreihe aufnehmen.
In der Trattoria jedenfalls, da verspeiste ich, auch nicht gerade überraschend, ein Tiramisu der Champions-League, Note des Eigelbs ging wie eine Lotosblüte auf usw.
Da mein Kühlschrank hier in meiner kleinen Villa auf dem Hügel unmissverständlich leer, musste ich, wie ich es im Übrigen noch viele Male werde machen müssen, absteigen ins Tal, auf das ich hier, von meiner Terazza aus, mit einer hundertjährigen Aussicht hinabblicke – „Deutsche Ärzte Künstler hassen lieben diesen Trick“
Im Supermarkt dann die erste Phase der Fremdheit: der Trottel. Sprachbehindert, unsicher, unorientiert, zu viel auf einmal verarbeitend. Die Leute aber sind süss. Einmal redet eine Signora auf mich ein, ich lächle lieb und stumm, es funktioniert! Grazie!
Die Reise hierhin, sie dauert länger als nach New York zu gelangen. Das ist die Mystik der Welt. Wenn der Mensch sich Dinge ausdenkt, dann muss man manchmal mit dem Bus dorthin, und der Bus fährt nicht so oft und seine Haltestellen tragen keine Namen. Jedenfalls äusserlich. Nach einer Fermata folgt die prossima Fermata.
Hier spielen die jungen Menschen nicht mit dem Handy. Hier sind es die Greise, die mit den Handys hantieren. Die jungen Menschen scheinen vor allem an sich gegenseitig interessiert und sind demonstrativ nicht autistisch. Die Mädchen, die ich sah, sind alle kleine queens und sie sind: Frauen. Sie geben ihren Brokkoli-Haircut Boyfriends einen Kuss, bevor sie in den Bus steigen, dabei wirbeln ihre Haare und sie hinterlassen einen Duft von Erdbeeren im schmalen Gang des Busses. Später steigen sie an einer völlig wahllos wirkenden Haltestelle aus, wo ein kleines Auto wartet, in dem die Mutter sitzt, und die jungen Frauen wechseln das Fahrzeug quasi fliessend. Bei den Greisinnen klingelt derweil 20mal ultralaut das Telefon. Der Klingelton ist das Geräusch von zwei gleichzeitig durchdrehenden Flipperautomaten.
Hinter der Villa, Richtung Norden, erhebt sich in sanfter Steigung ein Steineichenwäldchen. Hier fügen sich, bei entsprechendem Licht, die verschiedensten Grüntöne und Brauntöne zusammen, kalt und bläulich und violett, warm und gelblich, graue und rötliche, durchzogen von feinen Zeichnungen eleganter wilder Linien. Gehe ich etwa hundert Meter eine schroffe Steintreppe hinauf, befindet sich dort eine Steinhütte mit Kamin und Designmöbeln. Nachts streifen hier Wildschweine von beachtlicher Grösse umher, heisst es.
Das Bett ist sehr gut. Tag 3 von 83.