• fr, 18.4.2025

    RADIANCE

    daß ein Mensch würde umbracht für das Volk.

    Karfreitag. Grosser Lacher am Morgen. Also lautlos, nach innen rein. Endlos nasse Tage, kalt, und seit gestern die Heizung abgestellt. Das ist—die Heizperiode—wie ich jetzt auch weiss, in Italien staatlich geregelt. Je südlicher es geht, desto kürzer die Heizperiode, sogar die Obergrenzen der Raumtemperaturen sind vorgeschrieben und bei Vergehen drohen Geldstrafen. Okay.

    Die letzten Tage musste ich viel an Basic Channel denken, aus dem „Nichts“ heraus, wie man sagt. Wahrscheinlich waren es die Nebelschwaden, die zu mir sprachen. Und jetzt lehne ich mich auch ganz bewusst hinein, während eine Regenfront nach der anderen anrollt und ihre Schleier mitbringt, die Winde plötzlich lospeitschen um genau so plötzlich wieder zu verschwinden. Die Neumann KH 80 DSP Studiomonitore, die ich hier vorfand und nun aufgebaut habe, formulieren diese Musik auch auf eine Art, die man nur als „angemessen“ bezeichnen kann.
    Die Leere, die ich hier—ich bin jetzt sieben Tage oder 168 Stunden hier—empfinde, ist keine leere, ich würde sie eher als ein in Limbo deuten, ich weiss noch nicht, wohin es geht, und die Träume werden zunehmend wirrer.

    Die erste Woche ist also rum. Sollte ich nicht eigentlich „Bilder“ machen? Ich sass die meiste Zeit am Klavier. Ein Bechstein mit schönen Mitten und Bässen.

  • mi, 16.4.2025

    OGNI GIORNO QUALCOSA DI NUOVO

    Gestern ging ich am Vormittag den Hang in Richtung Bosco etwas weiter hoch, sah mir das Terrain rund um die Dichterklause an. Die Erde dort war, nach links hin, etwas aufgeworfen, Eicheln lagen verstreut herum, aber deutliche Wildschwein-Spuren waren für mich nicht zu erkennen. Später am Tag sollte ich die Wildschweine aber tatsächlich kurz sehen, erwischen vielmehr, jedoch auf der linken Seite des Hangs, als ich ins untere Geschoss gehen wollte, und grade um die Ecke zur Aussentreppe abbog. Verhuschte Konturen. Vorgestern konnte ich sie zum ersten Mal hören.

    Ich möchte die Funktion am iPhone, dass ich bestimmte Emojis unterdrücken kann, dass sie mir nicht a n g e z e i g t werden. Von anderen. Es gibt, spüre ich, bei mir eine Thumbs-Up-Schwelle. Wenn diese überschritten wird, kann ich für nichts mehr garantieren. Moronic Gestures Of The 21. Century.

    Pflanzen hier ums Haus, die ich mir von PlantNet bisher identifizieren liess: Banksrose, Schwertlilie, Dolden-Milchstern, Rosmarin, Lorbeerbaum, Sauerklee, Blaurote Steinsame, Borretsch und Persischer Flieder.

  • so, 13.4.2025

    BOSCHETTO DI QUERCE CON DICHTERKLAUSE

    Palmsonntag. Gestern Abend, gegen halb Neun, gab es ein Feuerwerk, rote und grüne Spritzer stiegen im Süden auf, knackten durch die Nacht, woraufhin aus allen Ecken die Hunde zu singen anfingen.
    Dahinter, wo jetzt, am Morgen, ein Nebelschleier zwischen den Lepinischen Bergen liegt und als silbriges Band verdampft, schwirrten die Lichter der Autos und Häuser wie stark betäubte Insekten umher. Hier leben wir.

    Ich bin im Latium. Freitagabend, beim Essen, meinte einer, hier leben die Faschisten. Ich bin einerseits nicht überrascht, denn schliesslich, das weiss man vom Fussball, ist die Lazio Roma der Verein, der bekannt ist für seine Neo-Fascista-Szene, der römische Gruss ist in der Curva nicht gerade unüblich, und irgendwo müssen die Faschisten ja leben. Andererseits, und da war ich mir mit der Person, die mir das mit den Faschisten erzählte, einig, muss man solche Informationen wie eine anonyme Zahlenreihe aufnehmen.
    In der Trattoria jedenfalls, da verspeiste ich, auch nicht gerade überraschend, ein Tiramisu der Champions-League, Note des Eigelbs ging wie eine Lotosblüte auf usw.

    Da mein Kühlschrank hier in meiner kleinen Villa auf dem Hügel unmissverständlich leer, musste ich, wie ich es im Übrigen noch viele Male werde machen müssen, absteigen ins Tal, auf das ich hier, von meiner Terazza aus, mit einer hundertjährigen Aussicht hinabblicke – „Deutsche Ärzte Künstler hassen lieben diesen Trick“
    Im Supermarkt dann die erste Phase der Fremdheit: der Trottel. Sprachbehindert, unsicher, unorientiert, zu viel auf einmal verarbeitend. Die Leute aber sind süss. Einmal redet eine Signora auf mich ein, ich lächle lieb und stumm, es funktioniert! Grazie!

    Die Reise hierhin, sie dauert länger als nach New York zu gelangen. Das ist die Mystik der Welt. Wenn der Mensch sich Dinge ausdenkt, dann muss man manchmal mit dem Bus dorthin, und der Bus fährt nicht so oft und seine Haltestellen tragen keine Namen. Jedenfalls äusserlich. Nach einer Fermata folgt die prossima Fermata.
    Hier spielen die jungen Menschen nicht mit dem Handy. Hier sind es die Greise, die mit den Handys hantieren. Die jungen Menschen scheinen vor allem an sich gegenseitig interessiert und sind demonstrativ nicht autistisch. Die Mädchen, die ich sah, sind alle kleine queens und sie sind: Frauen. Sie geben ihren Brokkoli-Haircut Boyfriends einen Kuss, bevor sie in den Bus steigen, dabei wirbeln ihre Haare und sie hinterlassen einen Duft von Erdbeeren im schmalen Gang des Busses. Später steigen sie an einer völlig wahllos wirkenden Haltestelle aus, wo ein kleines Auto wartet, in dem die Mutter sitzt, und die jungen Frauen wechseln das Fahrzeug quasi fliessend. Bei den Greisinnen klingelt derweil 20mal ultralaut das Telefon. Der Klingelton ist das Geräusch von zwei gleichzeitig durchdrehenden Flipperautomaten.

    Hinter der Villa, Richtung Norden, erhebt sich in sanfter Steigung ein Steineichenwäldchen. Hier fügen sich, bei entsprechendem Licht, die verschiedensten Grüntöne und Brauntöne zusammen, kalt und bläulich und violett, warm und gelblich, graue und rötliche, durchzogen von feinen Zeichnungen eleganter wilder Linien. Gehe ich etwa hundert Meter eine schroffe Steintreppe hinauf, befindet sich dort eine Steinhütte mit Kamin und Designmöbeln. Nachts streifen hier Wildschweine von beachtlicher Grösse umher, heisst es.
    Das Bett ist sehr gut. Tag 3 von 83.