• Donnerstag, 02.07.2020

    THE ARTIST’S CURRENT INVESTIGATION

    Im Kisch & Co Buchladen auf der Oranienstraße kaufte ich das kleine neue Reclam-Buch von Dath Dietmar über GWF “Kein Schwätzer” Hegel, 100 Seiten steht vorne drauf, wie als Gütesiegel, süß, aber macht mich auch was traurig. Warum? Vielleicht für unsere Internetmenschen, deren Intelligenz man natürlich niemals unterschätzen darf, aber deren Kohärenzapparat im Bezug auf Informationsumfang vielleicht auch nicht mehr zu überschätzen sey, keine Ahnung, die kleinen Amseln singen vielleicht davon, ich kann sie auf Ästen und Regenrinnen sitzen sehen. Ich bin, wie immer eigentlich wenn ich da bin, über die Unsortiertheit des Ladens irritiert, ich weiß auch nicht, warum sowas sein muss, und bin (deswegen?) für längere Zeit auch der einzige Kunde im Laden, was auch hart ist, an so einem Mittwochmittag. Und dann kauf ich nur für 10 Euro, bitter.

    Auch mal bei Kraupa Tuskany Zeidler vorbei, nach der KOW Katastrophe neulich, dachte ich am Morgen, dann ging ich auf deren Webseite, um zu sehen, was da so los ist, und war dann wieder vollkommen angewidert vom Kunst-Text zur Ausstellung, dieser wirklich ganz speziellen Texttragödie BEGLEITTEXT, das sind Texte wie Krieg, da ist einfach wirklich alles erlaubt an Schweinereien und entmenschlichter Grausamkeit – alles der Feind, der sich unsere Uniform von den Gefallenen geklaut hat, und jetzt damit herumläuft und sich in Sicherheit wiegt. Aber bei Krieg ist da am Ende zumindest IRGENDWAS, zumindest Ruinen und Schutt. Entschuldigung, Berlin macht mich immer so WAR, pur War.

    Aber da kam dann schon meine Frau und wir kreierten den Frieden, und im Comicladen kaufte ich ihr Ghost World, und mir was mit Ficken von Gilbert Hernández, Blubber #4.

  • Samstag, 27.06.2020

    UNTERSCHIED ALS ORNAMENT

    Donnerstag hatte ich Kasper König dabei beobachtet, wie er
    Postkarten, die er bekanntermaßen leidenschaftlich gerne versendet, wie
    ich ja auch, vom Postkartenständer direkt in die Taschen seines
    Leinensakkos gleiten ließ. Freute mich schon, ihn beim Klauen zu
    beobachten, zumal an seinem alten Arbeitsplatz, die Geste fand ich
    sympathisch und gut. Er zahlte aber dann doch noch.

    Zweieinhalbstündiges
    Telefonat mit B. über die leider kaum spürbare “Vernunfterzeugung durch
    Debatte”, über K-Gruppen und die Tatsache, dass die Affekt-Linke den
    “radikalen” (alle zu jeder Zeit immer) Progress fordert, aber mit dem
    ultraalten, piefigen und totgeistigen “Alle Bullen sind Schweine” Thema
    arbeitet. Building a shtick.

    Entdecke beim Rumgehen im
    Sport-Outdoor-Großladen Decathlon eine kleine Ecke, da sind diese
    gerollten schönen Papier-Objekte: Zielscheibenauflagen, für
    Bogenschießen. Jasper Johns für Bürokraten.

  • Freitag, 26.06.2020

    TANGERINE MOON AND WINE DARK SEA

    Sommer. Fernweh mischt sich in die Hitze. Finde ich schön, fühlt sich angenehm melancholisch an. Manchmal, wie aus ewiger Vergessenheit, ein laues Lüftchen an den Armen und im Gesicht.

    Hier in echt aber paar Tage Atelierpause. Wie Ambient Drones nach zu viel Barockmusik, um die Ohren zu reinigen. Gestern in die Museums-Bibliothek, nach Terminmachung, “bitte Tisch 6 für Sie”, da sitzen dann meistens schon fleißige Frauen vor ihren MacBooks und geben keinen Mucks von sich. Ich ging gestern mal ohne meine technische Bewaffnung, quasi mit Leichtgepäck, nur Heft und Stifte. Zu Milton Avery: By the mid-thirties he was so thinning his oil paints with turpentine that he could make a tube of paint cover more canvas than virtually any other artist. Ja, sag ich ja, die reale Ökonomie der Künstler als Abbild in der Materialökonomie der Kunst, und wie das dann, von AUSSEN, einfach so STIL genannt wird. “Das ist jetzt der Stil von dem”. Glaube, das ist oft einfach ein großer Irrtum. Sowas interessiert mich, grade jetzt, wo es so viel Wissen um das Material gibt, um das visuelle Signal, um “Wertigkeit” usw.. 

    Was noch: es scheinen erst die Ölbilder ab den späten 1920er Jahren zu gelten bei Avery, da war er schon über Vierzig. Ich erinnere noch den Satz aus den letzten Avery-Studien von vor paar Monaten: at 38 he was working at American Tire and Rubber Company.

    Morgens, beim Kaffeetrinken draußen, saß auf einmal der Fernsehmann Kai Pflaume neben mir, im Gespräch mit einem kurzbehosten Jungfotografen, es ging ständig um Apps und Memes und Filter und Productions, wie alt ist eigentlich Kai Pflaume, keine Ahnung, er roch aber gut, und ich las währenddessen in Weinbergers Kaskaden: “Die Römer haben rothaarige thrakische Sklaven; rotes Haar wird zum Zeichen des Sklaventums und Rufus (Rotschopf) zum typischen Sklavennamen; Schauspieler auf der römischen Bühne tragen rote Perücken, wenn sie Sklaven spielen. Im klassischen Altertum werden unter anderem auch Gallier und Britannier zu Sklaven und versklavten Völkern. Als die Britannier und Gallier zu Engländern und Franzosen werden, kommen die Sklaven, die versklavten Völker aus dem Kaukasus, und die Kaukasier werden zu einer Art “Untermensch”. Im späten Mittelalter liefert der Balkan die Sklaven; in den meisten westeuropäischen Sprachen kommt das Wort “Sklave” von “Slawe”, ähnlich dem arabischen Wort für Eunuch und dem spanischen Wort “eslabón” für das Glied einer Kette.”