• Sonntag, 05.07.2020

    DAS POLSTERN EINER LAUBE

    Brief von Benn an Gertrud Zenses, Anfang 1922: “…Es mag auch sein, daß ich menschliches Leid nicht mag, da es nicht Leid der Kunst ist, sondern nur Leid des Herzens. Sehe ich menschlichen Gram, denke ich: nebbich; sehe ich Kunst, Erstarrtes aus Distanz u. Melancholie, aus Trauer u. Verworfenheit [nicht ganz sicher zu entziffern], denke ich: wunderschön. Vielleicht ist das Artistentum, vielleicht eine angeborene u. primäre Einstellung, die hinter allem Vergänglichen das Gleichnis u. hinter dem Chaotischen die Form sucht, vielleicht auch schreibe ich hier sehr oberflächlich u meine ganz etwas anderes, was zu formulieren mir im Augenblick nicht möglich ist.” 

    Und auch man selbst – ich selbst – wenn ich, wie es dort heißt, l e i d e, fühle mich unangenehm verkleinert zu etwas, zu etwas von letztlich bizarr schmalem Spektrum, einer monogefühligen Schwundform, die ich schnellstmöglich wieder ablegen möchte, weil sich auch das Sichtfeld so stark verengt, für die Dinge, die sonst noch der Fall sind. 

  • Samstag, 04.07.2020

    NO NEED TO COCK THE PISTOL oder MORE TRASH LESS ART SAGTE FRANCO, DER ITALIENER, ABER NICHT ALS FORDERUNG SONDERN ALS FESTSTELLUNG UND ICH NOTIERTE ES UND WUSSTE, DASS ICH DEM NOCH NACHHÄNGEN WÜRDE UND EVENTUELL WÜRDE ICH VERGESSEN OB ES EINE FORDERUNG ODER EINE FESTSTELLUNG WAR

    An unserm Charlottenburger Thementag kehrten L. und ich im Gasthaus Stelzeneder ein, einem, wie wir bald erkennen sollten, heiligen Ort des Friedens, und hier stimmt diesmal die Formulierung “kehrten ein” besonders, also ist in einem fast romantischen Sinne als exakt zu verstehen. Wie ein Geheimbund-Tempel erhob sich dieser Ort, plötzlich, aus dem scheinbaren Charlottenburger Nichts, offenbarte sich direkt vor uns, in einem Effekt, der ähnlich schien wie der des Stealth-Modus des Predator, wenn er anhand eines alientechnischen features an seiner Jagd-Rüstung auf Unsichtbarkeit schaltete, diesmal eben nur: umgekehrt.

    Allein wir, L. und ich, wurden durch leichten Hunger und Wasserabschlagwunsch zu Sehenden – und was wir sahen, waren im Innenhof gemütlich und leise speisende Greise vor einer österreichischen Flagge, was uns an Ort und Stelle, an diesem fruchtbaren Ufer, konvertieren ließ zu diesem Glauben. Und so banden wir unsere treuen Pferde, Brian Uno und Alexy, fest und gingen hinein.

    Drinnen fanden wir ebenfalls sog. Silberzwiebeln, also greise Damen in Blousons, spärlich an der Zahl zwar, und dennoch ganz eindeutig materialisiert und gutgelaunt, ja ausgelassen über Schnitzelteller oder kleine Schnapsgläser gebeugt, enorm würdevoll und dezent. Sie musterten uns kurz. Dies hier war eindeutig u n s e r Ort, sagten entweder L. Äuglein zuerst, oder meine, aber ganz sicher trafen sich diese mit Augen geschriebenen identischen Nachrichten genau in der Mitte zwischen uns, mitten in diesem Raum, von dessen linker Flanke her nun schon die Bedienung uns begrüßte, ja fast beglückwünschte zu unserer Wahl. Unsere Revolver würden wir hier nicht brauchen, und so gingen wir zu den Tischen draußen, unter Charlottenburger Mittagswetter.

    Dort saßen ein einzelner Greis, der Zeitung las und sein Bier mit einem Holzdeckel abgedeckt hatte, sowie zwei Dreier-Frauen-Gruppen, die eine zwar insgesamt stark greiser als die andere, jedoch sollten wir später lernen, dass eine der Damen an dem insgesamt agiler wirkenden Tisch schon 94 war, während der andere Templerinnen-Tisch durchweg von den Altvordersten besetzt schien. Zu diesem Tisch sollte später sogar etwas erotische Spannung entstehen, da ich den Damen meine nicht benutzte Kaffeesahne rüberwachsen ließ, um einerseits der freundlichen Bedienung den erneuten Gang ins Innere zu ersparen, und andererseits den Damen am Tisch eine subtile Aufwartung zu machen, die, so war ich sicher, sogar L. imponieren würde. Ich möchte mich ungern hier erheben, aber wenn ich eines sicher weiß, dann, dass man zuerst in den Kopf und somit den Geist einer Frau dringen muss, um sie ganz zu erobern. An den kühlen Felsen derweil brach die Kraft der Sonne, und wir sahen, wie der Tag länger wurde auf dem Charlottenburger Grund.

    Der einzelne Greis sprach fast kein Wort, er war tief in seine Zeitungen und somit die Restwelt gelehnt, allein zum Kaffee, der ihm, wie mir schien, fast rituell dargereicht wurde, blickte der Mann auf zu der Frau, die L. und mich, die uns alle wie wir dort waren bediente, uns alle die der Hunger und der Durst an diesen Ort gebracht hatte, und obwohl alle sich immerzu unterhielten, ich die Münder sich bewegen sah, herrschte eine Faststille, eine Lautlosigkeit, wie sie nur die Ältesten beherrschten, die entlegendste Pfade und Erden schon beritten.

    Und so kam es auch, dass uns, L. und mir, ohne, dass direkt davon gesprochen wurde, oder ein Freudenschuss fiel an diesem Mittag, das Wohlwollen der Anwesenden zuteil wurde, nicht zuletzt durch den kleinen roten Hausschnaps, den wir nach dem Kaffee gebracht bekamen, und den auch alle Greise wie selbstverständlich nach einigen Mittagsbieren noch problemlos leerten, und die Blicke, die von den Tischen der Altvorderen herüberwehten wie Winde, die man in Gold tauschen könnte. Den verbliebenen Greisinnen wünschte ich halbverführerisch einen schönen Tag, und wir empfahlen uns, und wir verließen das Gasthaus und unsere Stiefel waren wieder auf terra damnata und wir ritten weiter.

  • Donnerstag, 02.07.2020

    THE ARTIST’S CURRENT INVESTIGATION

    Im Kisch & Co Buchladen auf der Oranienstraße kaufte ich das kleine neue Reclam-Buch von Dath Dietmar über GWF “Kein Schwätzer” Hegel, 100 Seiten steht vorne drauf, wie als Gütesiegel, süß, aber macht mich auch was traurig. Warum? Vielleicht für unsere Internetmenschen, deren Intelligenz man natürlich niemals unterschätzen darf, aber deren Kohärenzapparat im Bezug auf Informationsumfang vielleicht auch nicht mehr zu überschätzen sey, keine Ahnung, die kleinen Amseln singen vielleicht davon, ich kann sie auf Ästen und Regenrinnen sitzen sehen. Ich bin, wie immer eigentlich wenn ich da bin, über die Unsortiertheit des Ladens irritiert, ich weiß auch nicht, warum sowas sein muss, und bin (deswegen?) für längere Zeit auch der einzige Kunde im Laden, was auch hart ist, an so einem Mittwochmittag. Und dann kauf ich nur für 10 Euro, bitter.

    Auch mal bei Kraupa Tuskany Zeidler vorbei, nach der KOW Katastrophe neulich, dachte ich am Morgen, dann ging ich auf deren Webseite, um zu sehen, was da so los ist, und war dann wieder vollkommen angewidert vom Kunst-Text zur Ausstellung, dieser wirklich ganz speziellen Texttragödie BEGLEITTEXT, das sind Texte wie Krieg, da ist einfach wirklich alles erlaubt an Schweinereien und entmenschlichter Grausamkeit – alles der Feind, der sich unsere Uniform von den Gefallenen geklaut hat, und jetzt damit herumläuft und sich in Sicherheit wiegt. Aber bei Krieg ist da am Ende zumindest IRGENDWAS, zumindest Ruinen und Schutt. Entschuldigung, Berlin macht mich immer so WAR, pur War.

    Aber da kam dann schon meine Frau und wir kreierten den Frieden, und im Comicladen kaufte ich ihr Ghost World, und mir was mit Ficken von Gilbert Hernández, Blubber #4.