• Samstag, 27.06.2020

    UNTERSCHIED ALS ORNAMENT

    Donnerstag hatte ich Kasper König dabei beobachtet, wie er
    Postkarten, die er bekanntermaßen leidenschaftlich gerne versendet, wie
    ich ja auch, vom Postkartenständer direkt in die Taschen seines
    Leinensakkos gleiten ließ. Freute mich schon, ihn beim Klauen zu
    beobachten, zumal an seinem alten Arbeitsplatz, die Geste fand ich
    sympathisch und gut. Er zahlte aber dann doch noch.

    Zweieinhalbstündiges
    Telefonat mit B. über die leider kaum spürbare “Vernunfterzeugung durch
    Debatte”, über K-Gruppen und die Tatsache, dass die Affekt-Linke den
    “radikalen” (alle zu jeder Zeit immer) Progress fordert, aber mit dem
    ultraalten, piefigen und totgeistigen “Alle Bullen sind Schweine” Thema
    arbeitet. Building a shtick.

    Entdecke beim Rumgehen im
    Sport-Outdoor-Großladen Decathlon eine kleine Ecke, da sind diese
    gerollten schönen Papier-Objekte: Zielscheibenauflagen, für
    Bogenschießen. Jasper Johns für Bürokraten.

  • Freitag, 26.06.2020

    TANGERINE MOON AND WINE DARK SEA

    Sommer. Fernweh mischt sich in die Hitze. Finde ich schön, fühlt sich angenehm melancholisch an. Manchmal, wie aus ewiger Vergessenheit, ein laues Lüftchen an den Armen und im Gesicht.

    Hier in echt aber paar Tage Atelierpause. Wie Ambient Drones nach zu viel Barockmusik, um die Ohren zu reinigen. Gestern in die Museums-Bibliothek, nach Terminmachung, “bitte Tisch 6 für Sie”, da sitzen dann meistens schon fleißige Frauen vor ihren MacBooks und geben keinen Mucks von sich. Ich ging gestern mal ohne meine technische Bewaffnung, quasi mit Leichtgepäck, nur Heft und Stifte. Zu Milton Avery: By the mid-thirties he was so thinning his oil paints with turpentine that he could make a tube of paint cover more canvas than virtually any other artist. Ja, sag ich ja, die reale Ökonomie der Künstler als Abbild in der Materialökonomie der Kunst, und wie das dann, von AUSSEN, einfach so STIL genannt wird. “Das ist jetzt der Stil von dem”. Glaube, das ist oft einfach ein großer Irrtum. Sowas interessiert mich, grade jetzt, wo es so viel Wissen um das Material gibt, um das visuelle Signal, um “Wertigkeit” usw.. 

    Was noch: es scheinen erst die Ölbilder ab den späten 1920er Jahren zu gelten bei Avery, da war er schon über Vierzig. Ich erinnere noch den Satz aus den letzten Avery-Studien von vor paar Monaten: at 38 he was working at American Tire and Rubber Company.

    Morgens, beim Kaffeetrinken draußen, saß auf einmal der Fernsehmann Kai Pflaume neben mir, im Gespräch mit einem kurzbehosten Jungfotografen, es ging ständig um Apps und Memes und Filter und Productions, wie alt ist eigentlich Kai Pflaume, keine Ahnung, er roch aber gut, und ich las währenddessen in Weinbergers Kaskaden: “Die Römer haben rothaarige thrakische Sklaven; rotes Haar wird zum Zeichen des Sklaventums und Rufus (Rotschopf) zum typischen Sklavennamen; Schauspieler auf der römischen Bühne tragen rote Perücken, wenn sie Sklaven spielen. Im klassischen Altertum werden unter anderem auch Gallier und Britannier zu Sklaven und versklavten Völkern. Als die Britannier und Gallier zu Engländern und Franzosen werden, kommen die Sklaven, die versklavten Völker aus dem Kaukasus, und die Kaukasier werden zu einer Art “Untermensch”. Im späten Mittelalter liefert der Balkan die Sklaven; in den meisten westeuropäischen Sprachen kommt das Wort “Sklave” von “Slawe”, ähnlich dem arabischen Wort für Eunuch und dem spanischen Wort “eslabón” für das Glied einer Kette.”

  • Dienstag, 23.06.2020

    NIX ZU WOLLEN, KEIN MENSCH DA

    Im Atelier die fast drei Stunden Wolfgang Welt vom Deutschlandfunk gehört, zu seinem Todestag neulich. Ein paar Liveausschnitte von einer Lesung von WoW, man erfährt leider nicht, von wann (oder ich habs verpasst), er liest hektisch, außer Atem, wie im Anrennen gegen einen Steilhang, gegen die brutale Pathologie, gegen die normalen Widerstände, wenn man keine Lobby hat und es irgendwie alleine versuchen will. In der Stimme diese schöne Ruhrgebiets-Würde, die ich echt gerne höre, und es sind eben auch SEINE Worte, und deshalb landet das. Er liest sich fast bewusstlos, geschrieben hat er sich verrückt, so war es wirklich. Vier Jahre tot also. Kurze Rückerinnerung, als ich mit Marc Degens und Hanna Engelmeier in Düsseldorf die Wow-Ausstellung besucht hatte, und warum ich so ein bisschen enttäuscht bin, von dem Deutschlandfunk-Feature. Ich wollte mehr. Vielleicht will ich zu viel.

    Draußen die Wirrnis. Ich versuche, über den Bahners-Text zu lesen, Twitter? keine Ahnung, irgendwo les ich ihn, in dem er versucht, in diesem Fall LEIDER in seiner Bahnershaftigkeit zu erklären, warum diese taz-Polizei-Satire doch “urkomisch” sei? Les ich das richtig? Ja, so ist das in Deutschland, dass man hier die gags, die nicht zünden, erklärt. Und da wir Juni 2020 haben, lese ich diese taz-Kolumne nicht, weil ich glaube, dass sie son bisschen diesen taz-Nervsound hat, Entschuldigung. Affektland BRD könnte mal bisschen in reflexiver Lähmung erstarren, alle mal bisschen die janzen Jefühle abschütteln.

    Bekomme kurz mit, dass die 80jährige Greisin den Bachmann-Preis bekommen hat? Ist das so? Das war doch die, die auch Friederike als Favoritin hatte? Dann ist es doch okay, oder.