• Samstag, 21.03.2020

    RAVE ON

    “Doch viel stärker als derartige Einwände war schließlich die Faszination gewesen, eine mir selbst nur schwer erklärliche und um so unheimlichere Faszination. Welche von Vernunft gut unterdrückten Sehnsüchte hatte “Paare, Passanten” wieder geweckt?” – und das ist, wie Rainald Goetz hier in seiner Rezension von Strauß Botho’s “Paare, Passanten” für den Spiegel geschrieben hatte, Oktober 1981, auch ein eigentlicher Punkt in Sachen Kunst ü b e r h a u p t: GEGEN die eigenen Einwände, DURCH die eigenen von Einwand in Ablehnung gemorphten Empfindungen hindurch lesen, schreiben, zeichnen, malen. Manchmal ist es so: dass in der Faszination, die in Spannung steht mit den eigenen, von mir aus: biases, dass darin ein Lernen liegt, eine Erweiterung.

    Nachdem ich vor ein paar Tagen wieder die alte Kulturtechnik des Telefonierens auszuüben begonnen hatte, und gestern dann auch gleich Herrn Marc Degens am Telefon hatte, wo einiges besprochen werden konnte, verwies mich Marc noch auf diese frühe Rezension von Goetz, da speziell in dieser Strauß-Episode, zwar anonymisiert, aber doch erkennbar, die intellektuelle Dynamik mit dem Ehepaar Rutschky skizziert wird. Komplettieren kann man das mit dem Wackwitz-Text aus der ZEIT, August 2019, nachlesbar und archiviert auf waahr.de. I guess I love that shit.

    Speaking of Goetz, Sina wies mich am Telefon darauf hin: We’ ll never stop living this way – das klingt jetzt natürlich auch ganz anders, und plötzlich fällt scheckiges Märzlicht auf den revisionären Geist.

  • Donnerstag, 19.03.2020

    ÜBER WIESEN, VORBEI AN DEN FRÜHBLÜHERN 

    Die Natur erholt sich, so liest man jetzt häufig, in verschiedenen Texten zu und wegen… – die Natur erholt sich, die Sonne scheint, das Wasser klart auf, die Tiere singen und überall schweigen die Industrieschornsteine, die Kompressoren und Motoren. 

    Gestern am späten Nachmittag wieder zu Fuß ins Atelier, über Wiesen, vorbei an satt blühendem Krokus, an Kirschblüten, 3,2 Kilometer laut Google Maps. Im Park sitzen junge Menschen, in großen Gruppen teilweise, und trotzen der ansteigenden Flanke einer exponentiellen Wachstumskinetik. Ich kann nicht einschätzen, ob das jetzt schon unvernünftig ist oder irgendwie grade noch in Ordnung geht. Gemessen daran, dass die Bundeskanzlerin am Abend eine Rede “an die Nation” halten will, scheinen mir die Straßen und Cafés etwas zu voll. Ist es so, dass die Menschen in der Mehrheit intuitiv EHER falsch handeln? Auch dieser sportive Sex, den halbnackte, yogabehoste Frauen und Männer joggenderweise aussenden, kommt mir nochmal bescheuerter vor als sonst. Ich mache das Beste daraus und suche mir die schönsten Ärsche heraus. Im Atelier zeichne ich mechanisch-diszipliniert, weil das Denken auch bisschen Pause hat grade.

    Ständige Verwechslung von gaslighting und ghosting, kann mir einfach nicht merken, was was ist. 

  • Sonntag, 15.03.2020

    DIESES JOURNAL BLEIBT GEÖFFNET

    Habe ich Fieber? Spüre ich da was im Hals? Oder wirkt hier ein psychologischer Effekt, der mich in diesen allumfassenden, aktuellen Zusammenhängen dahingehend beeinflusst? Mir geht es ja gut, ich zeige keines der genannten Symptome, andererseits liest man von sehr verschiedenen Verläufen einer Infektion. Es ist einfach zu viel Information, zu viel Variabilität, die man wahrscheinlich automatisch deuten zu müssen meint.

    In der FAZ von Samstag schrieb Kaube: “Es zeichnet diese Gesellschaft, mit anderen Worten, eine historisch völlig einmalige Differenzierung des sozialen Handelns aus. Zu ihren Bedingungen gehört, dass in dieser Gesellschaft nicht alles mit allem zusammenhängt. Und auch nicht alles von den Leistungen oder der Unfähigkeit einer einzigen Instanz abhängig ist, sei es nun die Politik, die Wirtschaft, das Recht oder die Wissenschaft. Die Pandemie greift in diese Bedingungen ein.” 

    Um Viertel vor Vier heute Nacht drehte hier, irgendwo im Areal des Hinterhofs, irgendein HuSo ultralaut Musik auf, riss mich (und sicher nicht nur mich) aus dem Schlaf. Die Musik absolut geschmacklos und beschissen, und das ärgerte mich, im Halbschlaf, am meisten.