• Donnerstag, 12.03.2020

    DEUTSCHE GOTHAM CITY

    Gestern war ich, glaube ich, etwas streng zu meiner Mutter am Telefon. Es ging um den Virus. Was sie alles zu lassen hätten, bzw. was sie doch einsehen sollten, jetzt vielleicht eher nicht…usw. Ja, kann man auch zarter sagen. Diese spezielle Härte und Strenge gegenüber Menschen, die eigentlich alle Nettigkeit und alle Nachsicht dieser Welt verdienen, besonders von mir. Ich befürchte, ich meine es gut mit JEDEM.

    12:22h. Der Dossier-Ordner über Michael E. Smith, der hier vor mir liegt, ist eigentlich leer. Zwei Zeitungsrezensionen aus 2014 liegen darin, aus kunstaspekte und Welt, und beide Texte beginnen mit eben der Hölzernheit, die sich ergibt, wenn die in diesem Falle sog. Doofheit des Faktischen den freien Gedanken blockiert. Folgerichtig versuchen beide Texte einen Einstieg zu finden über die Herkunft des Künstlers, Detroit, den Verfall der Stadt über den Umweg des Verfalls von General Motors und Ford, und den Wunsch (?), dies in den Skulpturen Smith’s wenn nicht sogar mindestens gespiegelt zu sehen.

    Im Schatten der Dombauhütte
    da ist pedestrian movement
    da presst der Wind den Leuten die Kleidung an den Körper
    da kommt der Kuchenhunger

  • Dienstag, 10.03.2020

    ALLES IST WEIß UND BEREIT, BESCHRIEBEN ZU WERDEN

    Gestern wohl der blaueste Himmel seit Messung des Himmelblaus? Ich musste dennoch essen, wurde nicht satt vom Blau allein. In der Jackentasche das neue Kanada-Tagebuch von Marc Degens, Hamburg’s neuem Stolz.

    Und so trat er vom Zeichentisch weg

    Beim Iranischen Imbiss – ich war der einzige Gast – spielte ein iranischer Radiosender 90er-Jahre-Songs der oberen Charts-Sphären, als es noch die sog. Single-Charts gab. Ist ca. 100 Jahre her. Hungrig betrat ich den Laden zu Annie Lennox’ “Saved the world today”, gefolgt von einem Lied, das ich auch kannte, aber dessen Titel und Interpretin mir nicht mehr einfiel. Präsent war da nur eine Ahnung, eine Erinnerung, die mit einem brutalem Gauß’schen Weichzeichner an die Rückseite meines Schädelknochens projiziert wurde. Man weiß, man existierte schonmal mit diesem Lied in einem Raum. Abends konnte ich das nachsehen: der 1992 auf Platz 12 der Deutschen Single-Charts peakende Song “Sleeping Satellite” von Tasmin Archer, handelt von our human priorities and arrogant attitude towards the planet we inhabit. Alles klar.

    Einige Rowohlt-Autoren und Autorinnen, darunter Sascha Lobo und Margarete Stokowski und dings, fordern öffentlich, Dietmar Hopp sofort nach Holland zu zwangszuexilieren.

    2 vacuum cleaners sucking at each other

  • Freitag, 06.03.2020

    ABER WAS IST ANTIMUSEAL?

    Mit den Skulpturen (bzw. vielleicht eher: Skulpturalen Arrangements) von Michael E. Smith war und ist es für mich wie mit einer schön empfundenen und völlig fremden Sprache: ohne konkret Sinnesinhalte- oder Zusammenhänge zu empfangen, ist da einfach die Präsenz von luftigen Vokalen und gestauchten Konsonanten, deren Abfolge, Zusammenspiel und Klang einen einnehmen für die Sache. Erstmal nur Verführung durch Eindruck.

    Die Skulpturen und Arrangements aus zumeist bei eBay gefundenen, oftmals richtig fiesen, verlebten Materialien mit allerlei gegenläufigen Ausstrahlungen funktionieren nach dem Prinzip von Charme: sie überzeugen ohne Logik, zeigen sich einfach. Sie sind nicht aus Mangel averbal, sondern weil ihr Signal, ihr skulpturales Wesen so stark ist. Jedes verarbeitete Teil wird bei Smith durch das Gesamtarrangement über die Klippe der eigenen Aura gehievt.

    Drei getrocknete Seesterne, zu einer Art Edgy Heraldik hängend angeordnet, Tennissocken über Kreuz gelegt, lange und einzelne Dreadlocks, auf den Armlehnen eines verwitterten Monoblocs angeordnet, eine präparierte Krokodilkralle, die am Kopfende eines Instrumenten-Hartschalenkoffers (Trompete? Querflöte? Melodika?) befestigt ist. Alles ansprechend buzzy, manchmal kinetisch, manchmal statisch, stets derb vital, weil marode, und weil marode eben nicht Tod bedeutet, da nur das so grade eben noch Lebendige marodiert, sind Smith’s Skulpturen von dieser berührenden Kaputtheit, extrem komisch und aus der eher düsteren Nische wahrer Originalität kommend. Skulpturale Cousins einer Rube-Goldberg-Idee.
    Bei erster physischer Begegnung können diese Arbeiten leicht resignativ in die Echtwelt wirken, wenn diese Skulpturen sich im Verhältnis zum Gesamtraum eher bescheiden geben, wie vom Laster gefallen, sich oft am menschlichen Maßstab orientieren und stets so ein bisschen an den Rändern der Aufmerksamkeit platziert, dabei sehr geradeaus aufs universelle WEITERMACHEN verweisend – dass man ES, also ALLES, halt auch immer irgendwie ein bisschen anders angehen kann. 

    “I don’t really like artists for the most part,” he said.

    Meine Mutter hat gestern, im 64. Lebensjahr, vom Optiker erfahren, dass sie schielt. Das kam für uns alle überraschend. Danach Bruschetta beim Italiener.