• Freitag, 07.02.2020

    ERFRISCHUNGEN 

    Mittwoch in der Zeitung Jürgen Kaube über George Steiner, ich in der Bahn in Richtung Bundeskunsthalle, im Fenster ein blauer Winterhimmel. Der Rhein stand hoch, das Wasser braun und muskulös. Auf mich wartete der Dienst am Singulären. Nicht Kill Time, nicht Make Time, nur das schöne und erfüllende Gefühl von zielgerichteter Aufmerksamkeit.

    Nach zwei Stunden mit dem Deutschen Eierknaller und seinen Geschwistern trat ich durch das kleine Rechteck, einem Feierlärm folgend, aus der Ausstellung in die Vorhalle der Bundeskunsthalle zurück, und wie in einer Kippenbergerschen frontalen Pointe stand dort in großem lautstarkem Brimborium, in vollem Ornat und recht unerwartet: das Bonner Dreigestirn der Session 2020! Allerlei werktätige Bevölkerung stand drumherum, aber lachen konnte ich nicht darüber. Ich habe für solcherlei Situationen schon viel vorgelacht, in der Vergangenheit.

    Der Rückweg über

    Sechtem – Merten – Brühl Süd

    mit allerlei Teenagern, die aus den Schulen kamen und in ihre ländlichen Elternhäuser zurückkehrten. Die starke Nachmittagssonne strahlte in das Fahrzeug, und mit ihr strahlte mich auch eine angenehme Müdigkeit direkt an, ein warmer Strahl, zwischen meinen Augen ins Gehirn. 

    “Dass der für ihn wichtigste Romancier des 20. Jahrhunderts, Céline, der furchtbarste Antisemit war, bezeichnete er (George Steiner), als unerklärlich.” So der schönste und realistischste, also der die Realität am genauesten fassende Satz, an den ich mich, in diesem Moment der Rückfahrt, zurückerinnerte, von der Hinfahrt noch. 

  • Mittwoch, 01.01.2020

    DIE GRIECHEN HABEN EIN WORT DAFÜR

    12:52h. Da steht es: zweimal die Zwanzig. Es sieht gut aus, spacy, big, unendlich. Aber stimmt das? Vielleicht ist nicht mal das Universum unendlich, so schrieb doch neulich David Deutsch, nein, so las ich es da neulich, wo er über die Interferenz schrieb, oder erinnere ich das jetzt falsch, wo hier der erste Himmel des Jahres so schön zurückhaltend Blau strahlt. Wenn ich lange genug hineinsehe, erkenne ich das strahlende Weiß einer dorischen Säule, tiefe Schatten in den Kanneluren. So wird es mir hier geliefert, so sieht das Denken aus, ich kann nichts dabei. 

    Ich weiß nicht mehr genau, wo wir uns da gestern Abend befanden, ablauftechnisch, zwischen dem Essen und dem Dessert, als Sascha ins Gespräch brachte, es könne durchaus sein, dass sein Großvater, der Niedersachse F. Gorski, der Erfinder des Wurmsuchgeräts sei. Auf einem ausgebleichten Dia sieht man einen Stab in die Erde gerammt, an seinem Ende oben ist der Handgriff eines Bügeleisens befestigt. Das Wurmsuchgerät, so Sascha, gebe Impulse in die Erde ab, der Sensorik der Würmer würde so suggeriert werden, dass ein Gewitter sich andeutet, und so getäuscht begeben sich die Würmer nichtsahnend an die Oberfläche, wo sie, ja was eigentlich erwartet? Ihr Ende? Highly likely.

    Später, als ich zu Fuß durch die kalte Nacht nach Hause ging, hing der Geruch von Schwefel noch schwer in den Straßen, kein Wind räumte hier auf, und wie ich mich so umsah, kam mir die Stadt so ruhig und unbenutzt vor, wenig Müll, kaum Menschen und nur vereinzelte Überreste der noch vor wenigen Stunden orchestrierten Feierei, als ein ganzes Land, ein ganzer Erdteil eine Zeitenschwelle überschritt.

    Ich dachte darüber nach, wie all dieses Erlebte die Arbeit wird, die eigene Arbeit, it’s all Work.

  • Fr, 13.12.2019

    WRECKERS COAST OF NORTHUMBERLAND

    – ist eine Frontalskulptur von Giovanni Lorenzo Bernini, ca. 1652. Sie zeigt die heilige Theresa im Augenblick erregender Nachwirkung ihres durch eine Augenbinde verstärkten Psilocybin-Rausches (nach Timothy Leary), in voller hysterischer Kollision mit der Erkenntnis des wahren Ausmaßes ihrer eigenen mentalen Areale. 

    Nasse Kälte, Regen fast ununterbrochen, einfach nur böse das Wetter. Tory gewinnt, Johnson gewinnt, in a “landslide”, wird hier geschrieben. Corbyn, das nasse Handtuch, auf dem Foto sieht er mal wieder aus, als würde er gar nichts kapieren. Man muss wohl akzeptieren, dass viele Menschen sich wirklich nicht sonderlich für Fakten interessieren, dass die sog. Wahrheit für viele nicht das Zentrum ist, an dem man sich ausrichtet, was andere wiederum usw.

    Im dunklen dunklen Ehrenfeld – ich telefonierte grade im GEHEN – sah ich auf einmal, links in meinem Sichtfeld, sich hoppelnd und aufleuchtend hell vom Regenmodder- und Braunton-Untergrund abhebend: ein weißes Kaninchen! Es schaute mich direkt an. Ich nahm in dem Moment an, es sei ausgebüxt, das Tier gehörte offensichtlich nicht in diese Ecke, da, wo die Hunde immer neben die Bäume scheißen. Aber was konnte ich tun? Nichts kannst du tun, sagte die Stimme im Telefon, und so ging ich weiter und hoffte, es möge keine Konsequenzen haben, dass ich dem weißen Kaninchen nicht folgte.