• SO, 5.1.2025

    AMATEUR SOCIETY

    Regen spült den Flaum an Schnee, der in der Nacht gefallen war, durch die Mulden der Dachziegel, wo er selber wieder Wasser wird und in dünnen Rinnsalen abfliesst. Auch ein deutsches Problemchen: der Winter ist hier ein schlaffer Gag über den Winter. OK, kannste nix dafür, Deutschi.

    Schon jetzt befinde ich mich zur Hälfte in der Wetterzone der transatlantischen Ostküste, checke mehrmals am Tag die sich immer wieder updatenden Informationen, Icons und Ziffern darunter. Windsymbole, Sonnensymbole, Schneeflockensymbole.
    „Lange Unterhose“ denke ich mehrmals am Tag. Ein New Yorker Hochhaus-Schluchten-Blizzard wäre ein Traum, eine große weiße, alles dämpfende Glocke, gerne nach der Eröffnung, wie als Belohnung, wie als Antrag. Wenn’s passiert, werd ich sagen: „ich dreh durch!“

    Ich frage mich auch, ob die FAZ-Startseite mittlerweile auch content-mässig individualisiert operiert? Spinne ich? Ich seh seit Wochen nur noch crazy GELDtexte, die mich völlig als Bewohner eines anderen Planeten ausweisen, Kann ich schon in Ruhestand mit nur 3 Millionen? Kauf doch ein Haus, aber reichen 4 Millionen? So legen Sie ihre lächerlichen Hunderttausend an! Wo ist denn die FAZ für les Amateurs?

    Wenn, aus Versehen zB, der Blick beim Scannen der Zeitung doch mal über einem Text zu gewissen deutschen Angelegenheiten des Innern™ sich verfängt, bin ich erleichtert, dass Deutschland und ich mittlerweile getrennt leben. Anderes Viertel. Auf der Straße grüsst man sich.
    Who the fuck ist Mischke? Und den gibt es schon wie lange? Super lange Texte suggerieren, der hat eine Vergangenheit. Irgendwo sitzt ein Schweizer Mann, der früher Dieter hiess, und fühlt es, vielleicht, durch ihn hindurch waschen: they miss me already. „Du kommst auch noch in Mode!“ (M. Kippenberger)

    Ist schon richtig so.

  • Sa, 4.1.2025

    SOZUSAGEN EWIG

    Diamonds out of tears. Und so hat das erste Wort in „Twentyfive“ der Häftling Knut Hamsun.
    Ich bin Untersuchungshäftling mit Unterbringung im Altersheim, aber auch wenn ich in einem Gefängnis säße, gäbe es nichts Größeres als hier, um darüber zu schreiben, höchstens vielleicht was Kleineres.

    Was ist das: eine fast kindliche Lust zum Etablieren von Routinen. Am liebsten möchte ich andere mitziehen. Beispiel: mit dem Anwalt lange Spaziergänge machen. An Weihnachtstag II, der bis dahin vielleicht schönste Wintertag des Jahres, der blaueste Himmel, der gelbstichigste Schatten, hier das von der Sonne ins Spotlight gesetzte Unterholz, dort, schaut her, an der Wegkreuzung, die „Kaisereiche“. Ich bemängelte, gutgelaunt und in bestem Sauerstoff, ihre vermeintliche Kaiserlichkeit. Wir tauschen Realberichte, Anekdoten, Gefühlslagen aus der bürgerlichen Welt aus, und ich, vielleicht wir, sind uns im Unklaren darüber, wie wir darin oder dazu verortet sind, und vielleicht ist es gut so, es dabei zu belassen, und schon geht mein Blick, geht mein Denken wieder mehr auf den Weg, der vor einem liegt, das Braun und das Grün zum Rand hin, und dahinten hin, da läuft es zu, da gehen wir lang. Wir begegnen nur wenigen Menschen, dafür, dass der Wald so groß ist. Achso, und was war mit dem Bürgerlichen: was ich da heraus höre, was ich da höre ist, wie man bluten muss dafür.

    Und führt der Weg von nun an nur noch tiefer in den finstren Wald?

    Eine Feststellung zum Journal hier: lustigerweise, fällt mir jetzt auf, habe ich mich noch nie gefragt: Was soll das!?

    Lektüren zur Zeit zurzeit: Ehe Aktuell Zweite Ausgabe (Haupt/Bessing), Oaxaca Journal (Oliver Sacks), Werkausgabe I.B.4 (F. Kittler), Cat’s Cradle (Vonnegut), Plays: One (D. Mamet), reddit.

  • Mi, 18.12.2024

    ENTRANCE TO SUBWAY

    Grade dem Hallo-Mann noch ein Wasser beim dm gekauft, vor dem er stundenlang hockt. „Dankechu“ sagt er dann. Er spricht nur Romani, das weiß ich jetzt, da ihn neulich meine Brocken Rumänisch, ich berichtete, unbeeindruckt ließen. „Naturale“. Das Wasser, darauf besteht er. Zuerst musste ich überlegen, ob das nun ohne oder gerade mit Kohlensäure bedeutet. Merkwürdig, dabei weiß ich es ja eigentlich? Eigentlich ist aber ein sehr wichtiges Wort. Es trägt ja die Relativität des Wissens und seiner allg. Anwendbarkeit sozusagen in sich, von der anderen Seite her, von der Ich-weiß-zwar-aber-es-könnte-auch-anders-sein-Seite, die, das liegt an der stetigen, chaotischen, keinem wirklichen Schema folgenden Veränderung der Welt, für die jetzige Zeit eine vielleicht sogar bessere wäre, the fittest. Variantenreich ist zweifellos auch die Ontologie. Was also, wenn in seiner, des Hallo-Manns, Romani-Welt „naturale“ eben mit Kohlensäure bedeutet? Es kann sein, I’ve seen queerer things…

    Das Oaxaca-Journal konnte ich endlich abholen, die Frau von dem artbooks-Laden rief auch an, sie hätten das von mir Samstag zwar gesehene, zu meinem Unmut aber dann doch nicht gekaufte Buch wieder finden und mir zurücklegen können. Ich haben einen schönen Rothko-Katalog aus Zürich 1971 gekauft, dessen Textlayout, natürlich, also für meinen Geschmack, mal wieder 1 A schweizerische Arbeit ist. Vielleicht, so fiel mir schon die Tage, beim WOLF HALL – The Mirror and the Light schauen, wieder ein, ob sich da mein ganz privater Protestantismus mit der Zwingli-Schule sozusagen ästhetisch einfach treffen bzw. finden, forever and ever. Scheint mir sehr gut möglich.

    Ein Fan von Rothko bin ich nicht unbedingt. Mittlerweile, das bringt das Malerleiden mit sich, habe ich allerlei Zugang zu seinen sog. Entscheidungen, was nicht bedeuten muss, das ich jene im Angesicht der Bilder vergessen könne, seligwärts. ABER.

    ABER, und sonst wäre der Zürcher Katalog freilich nicht seriös zu nennen, aber n a t ü r l i c h ist die Nummer 1 des Rothkoschen Werkverzeichnises auch mit abgebildet, und dieses Bild, Entrance To Subway aus dem Jahre 1938, gehört zu meinen absoluten Lieblingsbildern überhaupt. Man soll eine Platte wegen eines Liedes, ein Buch wegen eines Satzes, und einen Rothko-Katalog wegen Entrance To Subway kaufen.

    Ein Film, der mir sehr gut gefallen hat: Red Rooms aus Kanada. Ein Text, der mit sehr gut gefallen hat: Sean Tatols Cornering The Critics. Und noch eine Sache: ich musste in letzter Zeit oft an Fotografie denken, zurückdenken an das Fotografieren mit der Mittelformatkamera, als Student noch. Wie ich mit dem Auto rausfuhr, hohen Gräsern entgegen, ein bisschen vertraut mit der Kamera, aber nicht zu vertraut, das die Aufregung keine Aufregung mehr war, was wohl werden würde aus den Schüssen, die ich dort gemacht hatte. Die Schönheit der Farben bei den Dias. Also was ist, möchtest du wieder fotografieren, Junge??