• Mi, 22.05.2019

    ALLES ZU SPÄT, UND TROTZDEM JETZT ERST

    M o r g e n wird in Terre Haute, Indiana, der sog. American Taliban,
    J.W. Lindh (38), Detainee #001 in the Global War On Terror, aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrt in eine Welt zurück, an der er 17 Jahre nicht teilgenommen hat. 

    H e u t e entlassen in die Welt: das Buch zu diesem Journal. Es heißt auch wie dieses Journal und erscheint bei Sukultur, Berlin. 112 S., 18 EUR. Hrsg. Marc Degens.
    ISBN 978-3-95566-103-8

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  • Sa, 18.05.2019

    Ich trat gerade als Menschenfreund in Jeans aus der Ubahn hinaus in die öde und traurige Untergrund-Fliesenszenerie der Station Friesenplatz, als ich hinter mir, im Innern des Fahrzeugs, einen Obdachlosen seinen Text aufsagen hörte – “Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich bin obdachlos…” – den Rest des Textes kennt man, hundertfach gehört, und ich fragte mich, ob ich selbst auch den Mut hätte, mich da hinzustellen, wenns mit meiner Obdachlosigkeit soweit wäre. Man weiß, ALLE sind genervt davon, ALLE wissen, was kommt, und dennoch spricht man den Text zu Ende, bleibt freundlich, “und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit”. Die lebende Rube-Goldberg-Maschine: Ich.

    Mit der Sonne kommt in Deutschland
    der Lärm der Maschinen

    Auf dem Nachbardach, hier im Innenhof, stehen jetzt zwei Frauen in fuchsiafarbenen Oberteilen, sowie ein Bart-Typ in Arbeitshose und kariertem Hemd, 1 Kameramann in bunten Kindershorts, und spätestens beim Kameramann wird klar: es wird hier CONTENT kreiert, Gartenarbeits-Content. Um sie herum stehen säckeweise Blumenerde, Tontöpfe und kleine Pflanzen, Blümchen in klappbaren Plastikboxen, die in ihr neues Leben, en plain air, transplantiert werden wollen. Ein Großbeet wird angelegt, Samstag vormittags, der Himmel leicht bedeckt, letzter Spieltag der Bundesliga, Dortmund kann noch Meister werden. 

    Meine Mutter sendet eine Nachricht mit Foto: “Der Mohn ist aufgegangen”

    Judith Kerr, 95, im Guardian auf die Frage “What keeps you awake at night?” – 
    “Everything.”

  • Mi, 15.05.2019

    “Angefaßt das Ding.” Kempowski

    Sonne. Lesen: MORGENS (weil ich neulich mit Thomas darüber redete: wann und wo man noch lesen kann, frei und offen und empfänglich, die Zeit findet, den Kopf nicht zugemüllt mit Tag). Die Fenster dreckig, silbern leuchten meine Fingerabdrücke. Ja, ich bin wohl hier in meiner Wohnung jederzeit als Täter zu überführen.

    Frische Luft und das angenehme, weil nicht scharfkantige Geräusch der fahrbaren Rasenmäher (es ist ein an den Spitzen kupiertes Flappern, würde ich sagen), die hier jetzt grade, paar hundert Meter weiter, auf den großen Wiesen zwischen den Ringstraßen, ihre Runden drehen, bringen Normalität rein. Und dann dieser Moment, wenn sie den Motor abstellen, diese Ruhe: immer neu und überraschend schön. 

    Gestern die Meldung, irgendein Torero habe in der Arena dem bereits durchbohrten und daniederliegenden, sterbenden Stier die Tränen abgewischt, mit einem blütenweißen Tuch, und ich glaube, es stand da wirklich: dem vor Schmerzen weinenden Tier (mit dem den Hinweis, ob Tiere wirklich aus Schmerzempfinden weinten, sei wissenschaftlich uneindeutig).
    Ein Bild für das Siglo do Oro, oder für jetzt.

    Stunde Tischtennis mit Lukas, Michael und Bastian. Hellblauer Ball auf hellblauer Platte.