Ich trat gerade als Menschenfreund in Jeans aus der Ubahn hinaus in die öde und traurige Untergrund-Fliesenszenerie der Station Friesenplatz, als ich hinter mir, im Innern des Fahrzeugs, einen Obdachlosen seinen Text aufsagen hörte – “Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich bin obdachlos…” – den Rest des Textes kennt man, hundertfach gehört, und ich fragte mich, ob ich selbst auch den Mut hätte, mich da hinzustellen, wenns mit meiner Obdachlosigkeit soweit wäre. Man weiß, ALLE sind genervt davon, ALLE wissen, was kommt, und dennoch spricht man den Text zu Ende, bleibt freundlich, “und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit”. Die lebende Rube-Goldberg-Maschine: Ich.
Mit der Sonne kommt in Deutschland
der Lärm der Maschinen
Auf dem Nachbardach, hier im Innenhof, stehen jetzt zwei Frauen in fuchsiafarbenen Oberteilen, sowie ein Bart-Typ in Arbeitshose und kariertem Hemd, 1 Kameramann in bunten Kindershorts, und spätestens beim Kameramann wird klar: es wird hier CONTENT kreiert, Gartenarbeits-Content. Um sie herum stehen säckeweise Blumenerde, Tontöpfe und kleine Pflanzen, Blümchen in klappbaren Plastikboxen, die in ihr neues Leben, en plain air, transplantiert werden wollen. Ein Großbeet wird angelegt, Samstag vormittags, der Himmel leicht bedeckt, letzter Spieltag der Bundesliga, Dortmund kann noch Meister werden.
Meine Mutter sendet eine Nachricht mit Foto: “Der Mohn ist aufgegangen”
Judith Kerr, 95, im Guardian auf die Frage “What keeps you awake at night?” –
“Everything.”