• Mi, 03.04.2019

    PINSETTER

    Tief unter altrömischer Erde, da fiel gedämpftes, farbiges Kunstlicht auf die seidige Ölung der Bowlingbahn Nummer 3. Die rätselhafte nahe Ferne, in der diese Pins akkurat hingestellt sind, von MASCHINENHAND, deren Tun und Wirken von einem herunterhängenden Kunststoff verdeckt wird, als sei all dies ein Geheimnis. Schon als Kind fand ich Kegelbahnen irgendwie interessant, auch unheimlich, diese schmale Holzbahn, und wie das Licht in der Flucht abnahm, und am Ende, heller erleuchtet, dieser Kuckkasten, in dem diese Figuren stehen, so genau und streng… von dünnen maschinengesteuerten Seilen wieder aufgerichtet. Ich bin als Kind ständig neugierig dahin gelaufen, dahinter gekrochen, wollte sehen, was da passiert, und war immer verwundert, dass es die Erwachsenen so gar nicht interessierte. 

    Meine Performance war beschissen. Meine Bowls suckten, mit 7er Kugeln, mit 9er Kugeln, mit 11er Kugeln, mit 13er Kugeln, mit größeren und kleineren Löchern, gelb, orange, blau, grün, wollten auf frischer Bahnölung partout nicht in diese magische Lücke zwischen 1 und 3 hämmern, um mit wuchtigem, aber präzisem Impact möglichst großen Pin-Schaden anzurichten, wie bei einer kontrollierten Sprengung. Der unmittelbar und real gratifizierende Krach eines guten Wurfs. 

    Überall hingen Bildschirme in dieser ultrakünstlichen Einrichtung mit 12 oder 13 Bowling Lanes, auf denen sich im Laufe des Abends bunte Animationen und Punktestände in durch Süßkartoffelpommes und Heinecken-Bieren zerbröselten Aufmerksamkeitsspannen hinein mauselten. Die Süßkartoffelpommes hatte ich zuvor bei Sandy bestellt. Mir war das Namensschild erst gar nicht aufgefallen. Ich dachte am Abend noch ein paar Mal an Sandy, nicht weil sie superhübsch war oder ich auf sie stand, je nun: eine Sandy, die auf einer Bowlingbahn arbeitet, dabei aufrichtig freundlich und nett wirkte, deswegen vielleicht auch verletzlich, uns nicht mit dieser Verachtung begegnete, nur weil wir Gäste waren, ich empfand das ganze Konstrukt im Nachhinein irgendwie zärtlich, ja, es ließ die Welt etwas zärtlicher wirken, insgesamt, Weltfrieden.

    Immerhin 1 Strike warf ich in gut drei Stunden dann doch.

  • Fr, 29.03.2019

    BESTER FREMDSPRACHIGER FILM

    Kalter Wind blies mir ein Skalpell in den Hals, das sich zwei Tage lang bei jedem Schlucken im Hals umdrehte. Heranziehende Erkältung, Haltung dazu entwickeln, vielleicht schon mal die 2, 3 Tage vorausplanen, wie man diese inhouse nutzen könne, welche Arbeiten zu erledigen, welche Arbeiten zu ignorieren seien, was man noch hatte lesen wollen. Nach zwei Tagen aber, das weiß ich ja, bekomme ich einen Rappel und muss LOS.

    Der Zahnarzt, der auch Porträt-Fotograf ist, rief an, diesmal: Edouard Louis, der für eine Lesung in der Stadt war. Man müssen den Louis, kurz bevor er die Lesung gegenüber mache, da irgendwie kurz abgreifen und die Nummer in drei Minuten durchziehen. Und wie er da mit routinierten Handgriffen die Großformatkamera aufbaute, mitten auf der Straße, und ich mich kurz als stand-in vor die weiße, mit Gaffer-Tape an die Fensterfront eines Reisebüros befestigte Papierrolle stellte, sieht man in den Gesichtern der Leute immer dieselbe Frage prozessieren: WER ist das denn nochmal, der da fotografiert wird, woher kenne ich den denn?
    Später kommt ein Greis mit seiner Frau und fragt im Vorbeigehen: “Kann man hier GEMA verdienen?”

    “Darüber verläuft die erotische Agitation. Dass man den eigenen Körper reizend findet. Und darüber schwindet sie auch: der alternde Körper verliert sukzessive alle Reize, und zwar zunächst für den alternden selbst. Weil es für ihn selbst unvorstellbar wird, dass er attraktiv sein könnte, verlieren die anderen ebenso alle Attraktivität, welchen Alters immer.”, Rutschky am 22. Mai 2003 in seinem Tagebuch. Den zweiten Teil verstehe ich nicht, ist das wirklich so? So gäbe es doch keinen Konflikt. Liegt der fatale Gag nicht eher darin, dass (dann) nur der andere begehrenswert erscheint? Und ist dieses SELBST, das öffentliche Selbst, nicht auch an zeitbasierte Annäherungen und Theorien gekoppelt, so dass es das private Selbst durchaus beeinflussen kann, zu einer geupdateten Vernunft hin?

    Gestern “Werk ohne Autor”. Unfassbare Beleidung für den Verstand, vollkommen gaga der DonnerGraf, wirklich, viel gelacht. Comedy Gold.

  • So, 24.03.2019

    FRÜHLINGSSONNE FÄLLT AUF DIE SMOTHERBOX

    Im Currywurstbuden-Franchise. Da werden völlig überdrehte Endlos-Sets von Billig-House-Music über die eintönigen Arbeitsabläufe der durch beschriftete Arbeitstextilien noch zusätzlich erniedrigten Mitarbeiter (”Ich bin Weltmeister”) in die Eck-Immobilie gepumpt. Geisteskranker Lärm wie in diesen Prollboutiquen auf der Ehrenstraße, fällt einem aber erst auf, wenn man zuhause die ruhige Wohnung betritt, dann erst bemerkt man, wie man da mit Sound zusammengeprügelt wurde, während man DAUERSTIMULIERT seine kleine Wurst aufpickte. 
    Zum Gebrauch der Schöpfkelle eine extrem blutleere Coverversion des 93er Smashers “Show me love” von Robins S, aber der housy Moll-Akkorde beraubt, jetzt völlig formloser, niederproduzierter Trash, der ganze Charme des Tracks rausrationalisiert und abgesaugt. Fuck ist das anstrengend.

    Am Journal-Buch. Marc schickt eine Nachricht aus Berlin, wo er beim Rutschky-Abend las. Rutschky, ich weiß gar nicht, WAS ich da eigentlich erwartet hatte, von dem Tagebuch, bisher ist es ein bisschen – ja, betulich, was ich da lese, ich hatte ihn irgendwie lockerer in Erinnerung. 

    Im BEE Podcast die Journalistin Lili Anolik, superlustige Stories vom ehemaligen Porno-Produzenten Al Goldstein, der in den 70er Jahren steinreich war, und später nicht mehr, und wie er ihr, der 40 Jahre jüngeren Anolik, als Greis diese endlosen Stories auf den Anrufbeantworter laberte, von wegen: er habe da diese Vorstellung, er würde ihr gerne 1 Anilingus “schenken”, und später, wenn ihr Mann dann tragischerweise bei einem Autounfall ums Leben käme, haha, würde sie sich an den Anilingus erinnern und aus Dankbarkeit zu ihm, Goldstein, ziehen, um ihn zu pflegen, und da hätten ja dann beide was von usw.

    Jetzt kommt die Sonne raus.