• Do, 15.11.2018

    A FEW ROOT BEERS

    Bill Mauldin, so Charles M. Schulz, bzw. so Snoopy, habe den besten Matsch gezeichnet. Matsch, metertief durchfurcht, otherworldly, durch den amerikanische Soldaten trotten, aufgeplatzte deutsche Panzer, halb eingesunken in den Bodenschleim, braun glänzend, durch die schwarze Tusche hindurch.
    Und auch in dem neuen Film They Shall Not Grow Old, über den ersten Weltkrieg, oder The Great War, gänzlich aus alten Frontaufnahmen britischer (oder eher: commonwealth’scher) Provenienz bestehend (und somit die sog. deutsche Perspektive komplett ausklammernd), ist der Matsch, ist diese unglaubliche Verwüstung der Landschaft, der STAR. Ungefähr 80 Prozent des Films sind nachkoloriert, zum Teil sind kleinere Szenen dezent nachsynchronisiert, was, wie ich finde, echt ganz gut gelungen ist, weil es sich, wie Otto sagen würde, embedded ins Ganze. Keine technisch-inszenatorische Aufdringlichkeit, eher Augmentation, Erweiterung des (dokumentarischen) Wahrheitsbegriffs. Jede Nachkolorierung indes hat diesen Übersaturierungseffekt, da diese FARBE relativ wenig Dynamik besitzt, es ist ja eigentlich eine Übermalung, und doch ist der Effekt, wie ich fand, wirkmächtig, trotz der Abgeklärtheit, mit der wir grade historisches Material besehen, die wir alle haben für die technische Erweiterung des BILDES, denn unser Gehirn und der dazugehörige Apparat ist – dare I say it – fast immer intelligenter als der Teil, der das nach innen hin gerichtete Sprechen produziert.

    Das Grün und Braun der britischen Uniformen, verblüffend in Bewegung, ja die bewegen sich, hundert Jahre alte junge Männer, Teenager, bewegen sich, machen Kniebeugen, sitzen auf einer Holzstange, drei, vier Mann nebeneinander, und scheißen an der Front in eine kaum sichtbare Rinne aus, natürlich: Matsch. Die stumpfe Mattheit, dieses unglaublich Robuste und Grobe von Kanonenwagen, die Dachziegel einer Scheune, die wild zitternd und im Dutzend herunterfallen, durch die Wucht der abgeschossenen Kanone, Richtung Deutsches Heer. Alte Gasmasken, in Sommersonne blinkende Bajonette, fast komplett von Wundbrand zerfressene Füße in dunkelsten Violetttönen, die tagelang in mit Regenwasser zugelaufenen Gräben und Kulen harrten, verwesende Pferde, von Granatsplittern tragen sie riesige klaffende Wunden, durch sie kann man tief ins Weiche hineinsehen. Englische Soldaten, deutsche Soldaten, mit wächsernen und starren Gesichtern, die Augen von Vögeln und Ratten weggefressen, oder von den ersten Panzern überrollt, weil man sie wegen laufender Gefechte nicht begraben konnte. Das Entsetzen der jungen englischen Soldaten, als sie sehen, dass die Deutschen eine Waffe benutzen, die viele noch nie zuvor gesehen hatten: Flammenwerfer. Und manchmal, da sieht man einen, dessen grüne, nachkolorierten Augen durch all das hindurchgehen.

    Man kann ruhig kurz festhalten: ich sitze hier, die Heizung auf Stufe 3, wirklich: die absolute Gnade der ganz späten Geburt, betrachtet von 1918 aus. Inshallah.

    Und wo kann ich jetzt einen Reifenschoner, Größe 255/70R18, bedrucken lassen?

    Roy DeCarava, Man sitting on stoop with baby (1952)

    Contrary to the idea that
    money can’t buy happiness
    Data shows
    on average
    it kinda does

  • So, 11.11.2018

    WILDNIS

    Donnerstag im Zug nach Bonn, Georg Stefan Troller Interview in der FAZ: “Man sagte damals: Die Deutschen sind Antisemiten, weil sie Nazis sind. Die Österreicher sind Nazis, weil sie Antisemiten sind.”

    Sinéad O’Connor
    die sich seit ihrer Konversion zum Islam
    Shuhada’ Davitt nennt

    Spätspäter Frühling in Bonn. Trotz Sonne und 14 Grad kam mir Bonn gestern wie ein einziger, begehbarer Weihnachtsmarkt vor, kurz bevor der eigentliche Betrieb eröffnet wird, das Saallicht noch nicht abgestellt wurde. Im Koreaner war es voll, wir setzten uns an die Theke und unser Essen kam schnell. Beim Kaffee danach besprachen wir diverse Personalien, und immer, wenn man das macht, spricht man ja – ganz angenehm eigentlich – auch von sich selbst, und bisschen erleichtert dann: ich bin ja doch SOZIAL.
    Im Comicladen NICHTS gekauft!

    “Und auch Michael Rutschky wird, was er sich so sehr gewünscht hat, schließlich bekommen haben, die Nichterfüllung seiner Wünsche.” Abfall für Alle, S. 736

    Freitag empfing mich O., etwas nervös, meinte gar “ein Infarkt” drohe, und da macht er sich schon eine neue American Spirit an. Kommenden Montag werden die Bilder abgeholt für die Messe, und es gibt eben keine Routine mit den Bildern, mit der Malerei. Ich danke dem 85-jährigen, diesen sog. Prozess so offen zu legen. Abends, bei Sascha, wir schauten grad dritte Liga, Würzburg gegen Zwickau, in HD (!), meinte er, sein Name ginge auch weiblich, und als ich sagte Hallo meiner ja wohl auch?! da sagte er: achja stimmt.

    Kenny Schachter: “Forget the speed of sound—one should measure the speed of money.”

    Im Kontrast zum kaltgrauen Schleier, der die bewegten Wolken umgibt, senden die hellblauen, sichtbaren Flächen des Himmels: Zuversicht, Bürschchen, Zuversicht!

    Ein Kunstprojekt: Sachsen

  • Mo, 05.11.2018

    RISE EARLY WORK HARD STRIKE OIL

    11:09h, 11 Grad. Von der Ärztin bekam ich mal eine Postkarte – beigefügt einer anderen Sendung – eine von diesen schönen, alten und bereits benutzten Postkarten, wo hinten schon was drauf steht, in irgendeiner Landessprache werden Freunde oder Verwandte gegrüßt, also ein reales Objekt, der realen und lebendigen Verbindung mindestens zweier Menschen entnommen, und vorne drauf war ein herbstlich gülden und hellgrün leuchtender Laubbaum. Genau diese Farbe, sendet das Gehirn, haben jetzt die Bäume im Innenhof, in der Straße. OKAY.

    Der Weltraum
    Unendliche Weiten

    Heute verschlafen, eine irgendwie deutlicher als sonst sich in der Körpermitte befindliche Liege-Schwere hatte mich runter gehalten. Auch: OKAY.

    Gestern Abend, auf dem Weg zum Thai, an der Burger-Braterei vorbei, da saßen die Menschen bei Dunkelheit und Kälte Anfang November in Daunenjacken und Mützen und in Decken gehüllt draussen und aßen ihr Zeug und ich dachte, so geisteskrank können nur Deutsche sein, mit ihrer pathologischen Draußensitzerei immer. Nun in bester undeutscher Laune, setzte ich mich TIEF TIEF ins Innere des Thai-Imbiss.