• Do, 24.10.2024

    IM MORGEN-DELTA

    Als ich hier eben die Buchstaben aus dem blinkenden Portal des Cursors treten sah, einer nach dem anderen, konnte man draußen in der Frühe noch nicht viel erkennen. Die noch belaubten grossen Bäume da hinten im Innenhof, die im Sommer Schatten spenden, sind selbst noch Schatten, schwankende dunkelblaue Formen.
    Jetzt aber sieht man das Gelbgrün der oberen Blätter sich aus der Ferne schälen, es wirkt frisch und müde gleichzeitig, satt und ausgelaugt, und direkt darüber rollen winzige schwarze Kügelchen hinweg, wie in eine drehende Schale geworfen, und plötzlich bekommen sie Spitzen und Kanten und werden größer und dann sind sie als Schwarm hier überm Haus verschwunden.

    Realistisch ist halt auch immer etwas kompliziert, etwas wirr. Sollte klar sein, oder?

  • Fr, 18.10.2024

    IT’S ALL PIPES, JERRY

    Wer wartet, kann sich ja was einfallen lassen. Mir fiel ein, ich könnte mir mal im Ludwig-Zeitschriftenkiosk am Hauptbahnhof einen Eindruck von den neuesten Magazinausgaben einholen, schauen, wie der Wind weht, von den Covern her. Ich ging durch zur C-Section (Culture) und wenig später, nach erstem ziellosen Fummeln, hatte ich dann dieses wunderschöne Heft in der Hand, gutes Format, dick, schwer, teuer, scharfes und klares Layout, das in sich gefestigt auf jedweden Spøkes verzichten konnte, alle Fotos wunderbar gedruckt auf einem Papier, das mir sinnvoll ausgewählt schien fur diese Art von Produkt. Natürlich duftete es auch besser als die anderen. Ich war so angetan, dass ich garnicht sah, was der Inhalt eigentlich war. A Rabbit’s Foot heisst dieses Magazin, und ich hatte noch nie davon gehört. Film, Art, Culture and Confessions. Vielleicht sollte ich mal was für die schreiben?

    Jetzt war ich mal auf der Webseite. Durch den Monitor stellt sich dann (doch) schnell ein visual standard ein, very corporate, „schick“, das sah im Heft alles wesentlich besser aus, nicht so platt, nicht so template. In den klickbaren Überschriften diese vulgären, selbstverständlich gewordenen Adjektive aus der Welt des infantilen Erstaunens („extraordinary“, „intriguing“, „incredible“, „powerful“ usw.). Das tausendjährige Reich des Promotiontextes. Auch der obligatorische Rick Rubin („He can’t use a Soundboard“ – „He can’t use shoes, either“) und sein gebräunter Kopf ploppen aus dem Scroll heraus. Ein Foto von Daniel Craig und George Clooney, schwarzweiss, die Haut der beiden Männer so gesund straff, dass sie wie closeted Krebskranke aussehen, die berühmte letzte Blüte vor dem Ende, aber nehme an: it’s all just visuals. Vielleicht sollte ich mal was für die schreiben?

  • Di, 15.10.2024

    PRIX MARCEL DUCHAMP

    Die Luft am Morgen, wenn das Gewölk noch blassviolett und zerpflückt die Leinwand teilt: very good. Die sardische Fischsuppe: very good. Birdsongradio: very good. Eine kleine Nachricht von der Rennreiterin: very good. Beim Didion lesen an Pettibon-Zeichnungen denken müssen: very good. Postkartenbusiness: very good. Achso, übrigens, funny: der eine Typ von der (H) Körnerstr. sprach mich an, der der seinen Rollstuhl von der längst auskurierten Fussverletzung immer noch vor sich hinschiebt, vielleicht zum Relaxen, vielleicht für den Effekt (like a true artistic type), ob ich rauchen würde, ob ich….und er würde deshalb fragen, weil er sich vorher anschaut, wie die Haut sei von einem, da wisse er dann, wen er fragen könne. Haha. Moment mal, hast du gerade gesagt, ich habe schlechte Haut? Das so sanft zu sagen, das geht doch nicht, aber er ist ja obdachlos, darum bin ich natürlich nicht böse, sondern befühle, kaum war ich in die U-Bahn eingestiegen und er hinter mir verschwunden, mein Gesicht und komme zum Schluss, dass ich es mir eigentlich nicht leisten kann, schlechte Haut zu haben.

    Eine Sache noch vom deutschen Herbst. Als ich beim Amt anrufe, des Termins für die Reisepass-Beantragung wegen, meint die Frau am Telefon zu mir, wenn ich kein biometrisches Passfoto hätte, könne ich mich auch dort im Amt vor die Wand stellen.

    Es ist jetzt 9:13h.