• Mi, 18.12.2024

    ENTRANCE TO SUBWAY

    Grade dem Hallo-Mann noch ein Wasser beim dm gekauft, vor dem er stundenlang hockt. „Dankechu“ sagt er dann. Er spricht nur Romani, das weiß ich jetzt, da ihn neulich meine Brocken Rumänisch, ich berichtete, unbeeindruckt ließen. „Naturale“. Das Wasser, darauf besteht er. Zuerst musste ich überlegen, ob das nun ohne oder gerade mit Kohlensäure bedeutet. Merkwürdig, dabei weiß ich es ja eigentlich? Eigentlich ist aber ein sehr wichtiges Wort. Es trägt ja die Relativität des Wissens und seiner allg. Anwendbarkeit sozusagen in sich, von der anderen Seite her, von der Ich-weiß-zwar-aber-es-könnte-auch-anders-sein-Seite, die, das liegt an der stetigen, chaotischen, keinem wirklichen Schema folgenden Veränderung der Welt, für die jetzige Zeit eine vielleicht sogar bessere wäre, the fittest. Variantenreich ist zweifellos auch die Ontologie. Was also, wenn in seiner, des Hallo-Manns, Romani-Welt „naturale“ eben mit Kohlensäure bedeutet? Es kann sein, I’ve seen queerer things…

    Das Oaxaca-Journal konnte ich endlich abholen, die Frau von dem artbooks-Laden rief auch an, sie hätten das von mir Samstag zwar gesehene, zu meinem Unmut aber dann doch nicht gekaufte Buch wieder finden und mir zurücklegen können. Ich haben einen schönen Rothko-Katalog aus Zürich 1971 gekauft, dessen Textlayout, natürlich, also für meinen Geschmack, mal wieder 1 A schweizerische Arbeit ist. Vielleicht, so fiel mir schon die Tage, beim WOLF HALL – The Mirror and the Light schauen, wieder ein, ob sich da mein ganz privater Protestantismus mit der Zwingli-Schule sozusagen ästhetisch einfach treffen bzw. finden, forever and ever. Scheint mir sehr gut möglich.

    Ein Fan von Rothko bin ich nicht unbedingt. Mittlerweile, das bringt das Malerleiden mit sich, habe ich allerlei Zugang zu seinen sog. Entscheidungen, was nicht bedeuten muss, das ich jene im Angesicht der Bilder vergessen könne, seligwärts. ABER.

    ABER, und sonst wäre der Zürcher Katalog freilich nicht seriös zu nennen, aber n a t ü r l i c h ist die Nummer 1 des Rothkoschen Werkverzeichnises auch mit abgebildet, und dieses Bild, Entrance To Subway aus dem Jahre 1938, gehört zu meinen absoluten Lieblingsbildern überhaupt. Man soll eine Platte wegen eines Liedes, ein Buch wegen eines Satzes, und einen Rothko-Katalog wegen Entrance To Subway kaufen.

    Ein Film, der mir sehr gut gefallen hat: Red Rooms aus Kanada. Ein Text, der mit sehr gut gefallen hat: Sean Tatols Cornering The Critics. Und noch eine Sache: ich musste in letzter Zeit oft an Fotografie denken, zurückdenken an das Fotografieren mit der Mittelformatkamera, als Student noch. Wie ich mit dem Auto rausfuhr, hohen Gräsern entgegen, ein bisschen vertraut mit der Kamera, aber nicht zu vertraut, das die Aufregung keine Aufregung mehr war, was wohl werden würde aus den Schüssen, die ich dort gemacht hatte. Die Schönheit der Farben bei den Dias. Also was ist, möchtest du wieder fotografieren, Junge??

  • So, 8.12.2024

    FREIHEIT

    This is Alpha Boys School Radio

    And still be a lady

    Ich habe einen neuen Job. Und ich teile mir meinen Arbeitsplatz mit drei Frauen. Ich gehe so vor, dass ich mich ganz ruhig und brav gebe. Das hat gut funktioniert schon, denn die Frauen reden nun fast ungehemmt. So wollte ich es. Donnerstag fielen sogar die Begriffe „Schwanz“ und auch „Klitoris“, natürlich nicht zusammenhangslos.
    Morgen mehr.

  • So, 1.12.2024

    SEE YOU NEXT WEEK

    Mehr und mehr legen die Tage selbst ihre winterliche Amtstracht an. Morgens jetzt die ersten weissen Überwürfe auf den Flächen, wie im Gehen einfach abgestreift.
    Von Menschenseite legt sich eine Industrialisierung über die Welt, kleine Dampfmaschinen überall, thrust and pull, mit Beinen gehen sie, schieben Fahrbares durch die kalte Luft, tragen Tragbares durch dünner werdendes Licht.
    Verstärkt ist der Eindruck von einem allgemeinen Innen und Aussen, in der Bahn verbreitet sich der Geruch einer frisch geschälten Orange wie das neueste Gerücht. So be it, dann denke ich eben an das Werk von Charles M. Schulz, oder an Eyes Wide Shut.

    Und die Tiere—unruhig sind manche, heißt es, und in anderer Tiere Augen liegt ein Trost für die krankesten Momente. Fast immer, glücklicherweise: Tiere kreuzen seinen Weg.
    Es war gegen halb Zehn am späten Abend, ich war zuvor einen japanischen Aal essen mit meinem Anwalt. Der Aal lag bronzefarben gegrillt und so gedreiteilt, dass er akkurat ins Rechteck der Schale passte, auf seinem Totenbett aus köstlichem Reis. Und jetzt, da ich in der Bahn stehend wieder an den Aal von nur wenige Minuten vorher dachte, fiel ein flirrender schwarzer Fleck ins Sichtfeld, von rechts her. Ich sah, wie auch andere das sahen, und gemeinsam stellten wir fest: ein Falter, ein Schmetterling, ganz schwarz, orangene Effekte auf den Flügeln, heftig flatterte er umher. Alle lächelten, und ich glaube, ich auch. Mussten unsere Menschengeräusche für ihn wie das Rattern von Waffen klingen? An der Haltestelle Hansaring stieg er aus.

    Im Januar New York.