• Sa, 11.08.2018

    LIKE A HUNGRY GREAT WHITE

    11:03h. Geduldig und hingehalten wartete ich im Song, der da im DriveNow Mietauto aus dem Radio kam, auf die entscheidenden, den Titel nun endlich ins Gehirn zurückrufenden lyrics, von einer jungen Madonna eingesungen im Jahre 1986 oder 1987, und als es endlich kam und mir kam und ich stumm ein “Ach ja” in mich hinein dachte – Who’s that girl – erst da war es mir möglich, dieses Lied auf die Musik hin abzuhören. Volle und satte analoge Arpeggios mit kurzem sustain, die aus diesem ultradichten, 80er-Jahre-kompakten Mix herausragten wie glänzende Messer.

    Zu Madonna wiederum fiel mir dann ein, weil ich seit dem mittäglichen Anruf von Joachim Bessing die Kopplung “Bowie-Balthus” im Kopf hatte, das bei mir noch eine Playboy-Ausgabe aus dem Oktober 1994 liegt (die ich vorletzte Woche im Zuge eines Aufräumens bei Otto fand), in der Madonna von Norman Mailer (!) interviewt wird, also die Kopplung “Madonna-Mailer” schon irgendwo abgelegt war in meinem Organ. Vom Einfluss, den Norman Mailers Werk auf den “Düstermann” (R. Goetz) Matthew Barney haben sollte, ist noch nichts zu erahnen. Madonna übrigens, ist zum Zeitpunkt des Interviews, 1994, so alt wie ich jetzt. Ich nehm dies als knusprigen Zufall hin.

    (…) Mailer: Na ja, der Künstler ist ein anderer Mensch als der, der das alltägliche Leben lebt. Der eine sagt zum anderen: “Unter der und der Bedingung gestatte ich dir….” Und die andere Seite sagt: “Laß du mich meine Sachen machen, dann lasse ich dir deinen Frieden.”

    Madonna: Stimmt. Das ist interessant.

    Mailer: Je älter man wird, desto näher kommen sich die beiden Hälften.

    Madonna: Tatsächlich? Ich freu’ mich darauf, mit mir selber zusammenzukommen.

    Paar Seiten weiter baut Mailer noch eine komplette Dekonstruktion des Kondoms ein, warum sie, Kondome, Teil einer “Verschwörung” seien, Ziel: Kettung der Menschen an die “gesellschaftliche Maschinerie”. 

    Sprung hinüber: Madonna im Dick-Tracy-Film, der mich als Kind so wahnsinnig beeindruckt hat, dieses andere Gotham/Prohibition City in einem anderen Kunst-Amerika, düstere Straßenzüge, Hochbahntrassen aus ölig schwarzem Stahl, diese gesichtsdeformierten Gangster, Warren Beatty in einem neapelgelben Trenchcoat, überhaupt diese satten Farben der Kostüme, der Hüte und Mäntel. Für mich damals, 8 oder 9 Jahre alt, ein erster ästhetischer Schauer, aber ohne Bezeichnung. Heute weiß ich das.

    EXPRESS meldet, der Brunnen muss kommende Woche wieder stillgelegt werden, Wasserdruck lässt nach, unterirdische Filteranlagen müssen geprüft werden. EBERTPLATZMITHUMOR

    18:01h. Wo ich sie grade anhöre: schreibe gestern eine SMS an Olaf Karnik, ob er schon die neue – wie ich finde – superschöne Laurel Halo (Ambient-)Platte gehört habe. Antwort Olaf: “Nee also Halo is bei mir unten durch seit Artist Talk mit Oberdepp Phil Collins (der Videokünstler, nicht der Genesis-Schlagzeuger, Anm. d. Red.) beim letzten Weekend”, woraufhin ich nur noch LOL hinzufügen konnte. Ganz unrecht hat Olaf nicht. 

  • Di, 07.08.2018

    MERKUR IM AUGUST

    07:58h. Vor einem Jahr: Atelier Bouchestraße, die sich türmende Hitze dort, die Ratte, die mir fast ins Gesicht gesprungen wäre, die Sonne, die hinter dem Baukran unterging, der Geruch von Wasser, das auf erhitzten Beton gespritzt wird, die Einschusslöcher in Kopfhöhe in der Wand im Innenhof, und die große Kastanie in der Mitte, die Gesichter der Hunde, die vor dem Edeka angeleint sind, die braunen Radiatoren im Treppenhaus wie klobige Raumschiffe eines Set-Designs aus den 70er Jahren, das grüne Linoleum, die Fruchtfliegen….

    Mittwoch Boule gespielt bis in die Dämmerung hinein. Fiel dabei ein, wie viel mehr man draußen war, als noch JUGEND und ADOLESZENZ war.

    Der Buchhändler erzählt, mein Ex-Chef und Prof sei da gewesen, habe nach mir gefragt, sogar gesagt, er würde sich “Sorgen machen”? Ahja, denn neulich hat er doch noch gesagt, um mich “müsse man sich keine Sorgen machen”. Was denn nun?

    Die beiden Kataloge (Blake/Basquiat) will ich zu Geld machen, weg damit. Danach einen Campari-O bei Babak und Amin, über die Sache mit Özil und den Almans. Auf den Straßen überall kleine Ärsche, die aus winzigen Hotpants herausschauen, oder Pflanzen, die aus Fugen und Spalten herauswachsen.

    Kurt Scheel verstorben, Passig-Text über Scheel. Weiter bei Thomas Melle, Lust, den letzten Knausgard-Mein Kampf-Band zu lesen (bisher nur den zweiten Band gelesen. Das erste Buch, das ich komplett auf dem Computer gelesen habe.)

  • Di, 31.07.2018

    SOMMERHAUS DER STARS

    Neuer Anlauf eines Eintrags heute, weiterhin Kleinkindterror in gefährlichsten Frequenzbereichen hier ab halb Acht Uhr.

    Morgens wieder in den Herrndorf-Tagebüchern, 2010, 2011, es gab viel mehr Regen, fällt mir auf. Acht Jahre her. Abstraktheit vergangener Zeit. In gut vier Wochen ist er fünf Jahre tot. Etwas wie eine Dimension bekomme ich erst, wenn da steht: WM 2010. Ach ja, DANN war das, dann stellt sich dieser Effekt ein, wie auf dem iPhone in den Fotos, und man den Zurück-Pfeil drückt, man droppt immer weiter raus, bis da dieses Mosaik aus Kleinstbildern die Fläche des Displays füllt, und oben drüber steht, ganz trocken: 2017.

    Bei Otto am Freitag wurden Kataloge entsorgt, Peter Blake, Mel Ramos, weitere Künstler, von denen ich nie gehört habe, und denen man wegen des Covers schon ansieht: das ist vorbei und tot, falls es überhaupt mal gelebt hat. Ich nahm u.a. einen Playboy von 1994 mit, Madonna auf dem Cover, so alt wie ich jetzt, und im Heft wird sie von Norman Mailer interviewt.

    Im Atelier in einer der vielen Kisten finde ich die Postkarte von Kapielski wieder, da steht nur drauf: VIELEN DANK! Ihr T.K. 11.4.11. Das Rattelschneck-Autogramm auf dem Sepiafoto vom Flohmarkt, noch länger her.

    Würden mir die Leute Geld geben, wenn ich hier einen PayPal-Donation-Button einbaue? Geil wäre das.

    Two Entrepreneurs as Bums