• So, 08.07.2018

    ES IST ALLES EINE PINSELFRAGE

    Bei Otto im Atelier am Freitag, ich trat durch seine Einfahrt, und dann saß er da, der unverwüstliche Kunst-Greis, mildsüß auf die Sitzfläche seines Rollis hingegossen, die Zigarette so weit im Mündchen, dass der Filter nicht mehr zu sehen war. Freute mich sehr in mich hinein und wünschte, dass es die Ärztin auch sehen könnte jetzt. Außerdem trug er ein rotes Hemd mit kleinen weissen Pünktchen, passenderweise kam er später noch auf Maikäfer zu sprechen: die könne er nicht richtig, da habe er nochmal nachschauen müssen, wie die aussehen…. unglaubliche Zartheit des Daseins, echt. Ich schlug außerdem vor, wir sollten der Waltraud eine Postkarte schreiben vielleicht, ihr eine kleine freude machen, die Regenerationskräfte stärken, einfach süß aus der Ferne wirken? Die kleine zarte Waltraud.

    Otto war natürlich für Frankreich, aber dass die in Weiß spielen mussten, das sei “natürlich nicht so schön”, ästhetische Kritik, und in der Tat: die Trikots sahen aus wie Schlafanzüge für 6jährige Jungens.

    Bachmannpreis gesehen netto: 10 Minuten. Ganz spezielle Form von Ödnis, die Ödnis des Willens, unbedingt Literatur zu handwerken, und dann auch noch dieses Zeug, das anscheinend ganz viele Leute im sog. deutschsprachigen Raum für HUMOR halten. Elend. Aber der Himmel wolkenlos und unverändert: himmelblau.

    Wind beruhigt den Lärm, und das geht in Ordnung.

  • Do, 05.07.2018

    PSYCHEDELIC SENIORS

    Es ist so, dass ich – kein Witz – hier jetzt eine Frauenstimme die amerikanische Nationalhymne singen höre, und im nächsten Augenblick ist es weg, ein Flugzeug fliegt in das Geräusch hinein, ein Staubsauger jault kurze Zeit später auf. Kurze Pause. Die Luft ist kühler als gestern, ich bin dankbar.

    Gestern Besuch von Herrn Dégens, écrivain moderne, dem feuchten Pelz namens Hitze trotzend, ein bisschen Austausch über Bettina Wilperts Buch, über den umfassenderen Eindruck, es mit einer Infantilität zu tun zu haben, mit einer sprachlichen Schlichtheit, die fast generisch wirkt, ich weiß auch nicht, verstehe ich es einfach nicht? Ich glaube eigentlich schon, dass ich verstehe. Dann bekommt der écrivain einen Anruf: Zusage für die neue Wohnung, die “Wunschwohnung”, und man mag es ja kaum glauben, aber: manchmal ist gut einfach

    Am Abend Telefonat mit B., der von einer Unterhaltung mit Veganern erzählt, und an einem Punkt habe B., so laut den ganzen Strang der vorgebrachten Argumentation zu Ende denkend die Veggies gefragt: dann müsstet ihr aber auch gegen Abtreibung sein, oder? Das hätten die gar nicht verstanden, was er damit meinte, schon den rein theoretischen Gedanken konnten die nicht aushalten. Berichte B. dann von dem sog. Offenen Brief, den eine freie Dramaturgin aus Berlin an Frank Castorf schreiben will, Unterschriften Unterstützung usw., die fühlte sich von einigen Aussagen aus Castorfs Interview mit der SZ von letztem Freitag so in ihrem Dasein und Schaffen angegriffen, das sie diese “Provokation nicht unbeantwortet lassen” wollte, so in der Art. Meine Frage wäre: warum nicht weiter Kunst machen, anstatt jetzt diese super zeitraubende Empörungs-Nummer zu machen? Warum verleiht sie selbst Castorfs launischem Gelalle dermaßen Wucht und Wirkung, und auch Ernsthaftigkeit? Ich verstehe es wirklich nicht. Sie fällt ja genau drauf rein. Wo ist der kalte Geist hin? Networken an der Hysterie. Bitter.

    Sind Menschen, die sich oft die Zähne putzen, von den nunmehr offiziell als Nervengift deklarierten Fluoriden schon unrettbar beschädigt?

  • Mo, 02.07.2018

    THE DUKE CITY RECLINERS LIVE AT SANKT KUNIBERT

    Früh schon war da ein Flirren in der warmen Morgenluft, Mauersegler fliegen hier, anscheinend den Sozialverbund irgendwie gleichzeitig stärkend, spielend in Formationen herum, und da hätte ich jetzt auch Lust drauf. Ein erfrischender Wind geht, man möchte seinen Kopf darin waschen. 

    Die Nachbarn mit dem Nervkind sind leider doch nicht verreist, ich hatte schon die Abwesenheit des Geblökes fest eingeplant, naiv von mir, jetzt wird wieder geheult und geschrien, im Hintergrund Sägen und Bohrmaschinen.

    Die Stille, die manchmal nur zwei Straßenzüge weiter zu finden ist: geil. Gestern sah ich mir St. Kunibert etwas genauer an, Sonne, Hitze, Ruhe, diese spezielle Behaglichkeit, die von diesen bräunlichen Gemäuern ausgeht, und wie sie seelischen Unrat und Stress einsaugen und absorbieren: I feel it. Von leichter Luft bewegtes Vollgrün der Bäume, die massive Pforte der Basilica, das von der hellen Nachmittagssonne beschienene Relief darauf.

    Der Legende nach befinde sich auf seinem Grund eine Art Paradies, in dem Kinder spielten und von der Jungfrau Maria mit Brei gefüttert wurden.

    In der Sprachmelodie allein ist doch nicht ganz der GANZE Mensch enthalten.
    Es gibt da noch diese kleinen Konstruktionen, diese most versatiles, die jeder drauf hat, drin hat, sich zu eigen gemacht hat. Weitere Ideen für die WORD PORTRAITS.