• So, 11.03.2018

    PURER LUXUS ODER DIE TOLLWÜTIGEN SOUFFLEURE AUS DÜSSELDORF

    10 Uhr, 1. liturgische Handlung, Glockengeläut für drei Minuten

    Mehr Licht drängt jetzt durch das Mischweiß der Wolken, es ist ungewöhnlich ruhig, höre nur Tiere oder Flugzeuge. Schön. Mild sind Luft und Vogelgesang, absolut willig Geist und Körper.

    Die Krefelder haben gestern Nacht ein Feuer gemacht, und als ich die zweite von zwei Zigaretten rauchte, stellte ich mich ein bisschen neben das Feuer und ich hatte vollkommen vergessen, wie warm es neben einem Feuer ist. Dass es so warm ist, und wie gut es riecht. Im Schuppen nebenan hing ein vietnamesischer Strohhut am Haken, daneben, im Zentrum des Schuppens, glänzte matt der schwarze Lotus. 

    H. hat 8 Kilo abgenommen in Indien. Das Meiste wegen “Scheißerei”, so H., die besonders hartnäckig sich darstellt. Immer noch, zurück am Niederrhein. Später schreien Männer aus Ekstase am Kickertisch, ich hingegen habe diesmal gar nicht gekickert. Ayk stand lauernd daneben, vielleicht hat er sich Opfer gesucht, die er dann zermalmen kann. Junge Menschen reden jetzt mit mir, wie ich damals mit Menschen geredet habe, die so alt waren, wie ich jetzt. Ich rede mit F.C. über Filme, und dabei fällt mir auf, dass ich doch mehr Filme sehe, als ich glaube, zu sehen. Ein Jüngling, mit dem K. in einer Band spielt, fragt mich, was ich “für Kunst mache”. Ich sage dann immer: “Bilder”.

    Ein Frosch verlor sein Leben NICHT

    Als F.C. und ich gehen, sagt ein Typ, den wir beide nicht kennen, so seriös beiläufig aus seinem Lehnstuhl heraus: Lasst euch nicht verrückt machen.

    Im Auto viel über den Puren Luxus. Möge er weiter wesen, somehow

    Die Nacht, aus der Sicht der AUTOBAHN

  • Do, 08.03.2018

    WIRD IN BRONZE GEGOSSEN

    Die maßgebliche Stelle, die die Sonne einschaltet, schaltet die Sonne ein. Ja, es sieht so aus, als könne Leben hier bald wieder möglich sein, sogar gute Laune. Ein neuer Tag in den Städten, auch der MARKT ist schon wach, dort jedoch stellt man sich ganz andere Fragen. Irgendwo bellt nicht nur ein Hund – irgendwo erliegt ein Künstler seiner inneren, neuronalen HETZE und…

    Jetzt dann doch großer Spaß beim Tagebuch von Krausser. Es musste aber erst Mitte August 1995 werden. Alle paar Seiten muss ich drank denken, dass er 30 war, als er das schrieb, nicht 56. Irgendwie sympathisch, sympathisch harmlos, wenn einer über Proust hatet, einfach so, selbst wenn man es anders sieht. Diese Lust auf so eine ANSAGE allein, irgendeinen Kanon zu zersägen, als WELTKRITIK. Der Menschheit mit feistem Fingerchen zeigen, auf dem ausgeklappten Kultur-Leporello, wo falsch abgebogen wurde. Auch Joyce, Nabokov und “in Teilen Thomas Mann” (Krausser) sind “kaum mehr korrigierbare Fehlgriffe unsres Jahrhunderts”. Lässt sich jemand von sowas provozieren? Ich denk ja, darin liegt ja, glaube ich, der Gag. Zu Klagenfurt sagt er Klagenfurz. FREEDOM

    Vögel zwitschern, bis man sie abschießt, Bäume wachsen, bis man die Himmel umzäunt

    EIL: Sigmar Gabriel wird neuer Bundesregierung nicht mehr angehören, pusht FAZ.NET auf das Display. Achso, das war noch nicht klar?

    Beim Amt muss ich 55 Euro Verwarngeld zahlen, zu spät umgemeldet. Den halben Tag schäm ich mich dafür, keine Ahnung, was da wieder los war. Eigentlich ja ein guter Kurs, wenn ich das aufrechne, fair.

    Gestern die Witwe zweimal am Knie berührt und Atelierpause eingelegt. Nachmittags geschlafen, und wieder von dieser Frau geträumt, die, glaube ich, nicht existiert, sondern aus Einzelteilen zusammengebaut ist. Ihr Gesicht kommt mir vertraut vor, aber ich kann es nicht genau zuordnen und ich merke, wie ich eher an drei Personen denke, als an eine. Also eine ist mindestens drei.

    M. schickt Fotos aus New York, Cosima von Bonin, Danh Vo, Moira Davey. Mit Goethe-Stip. nach New York, da dann erotischen Roman über Dogwalker.

  • Mo, 05.03.2018

    WAHRHEIT UND DICHTUNG AUS SICHT DES DEUTSCHEN SCHÄFERHUNDES

    Ja, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber – 

    abends vernahm ich den ersten Duft von Frühling, jetzt singen die Vögel davon, dass sie dasselbe vernehmen, nehm ich an. Eine tiefe, fast ins Essen hängende Wolkendecke mahnt jedoch, die Erwartungen heute nicht zu hoch….
    ich bin guter Junge, weil ich der Müllabfuhr die Tür aufbuzze.
    Die Lilien, die ich gekauft habe, sind riesig, frühstückstellergroß, die schönsten, die ich bisher hatte. Sie riechen auch einfach geil. Sagt man so?

    Wie mir vorgestern, bei nunmehr 1 Grad, der Gedanke kam beim Zufußgehen: ah, schön warrrm heute – wie die EISIGEN Tage vorher sich in den Körper reingezeckt hatten, das Gehirn merkt sich keinen Schmerz, aber die Kälte. STALINGRADCHEN

    Im Museum für Ostasiatische Kunst: Das Gedruckte Bild, japanische Farbholzdrucke aus ca. drei Jahrhunderten. In so eine Ausstellung will ich mich reinlegen. Kurtisanen, Schauspieler, Trinkrunden, Wartende vor einem Restaurant, halbdurchsichtige Kimonos. Social media aus Edo, besser coloriert als Instagram. Sōshin, einer der Protagonisten der 24 Musterbeispiele für konfuzianische Kindesliebe, eilt auf einer Brücke seiner Mutter zur Hilfe, die ihren blutenden Finger im Fluss kühlt. Und überall diese kleinen Embleme, Siegel, Zeichen, Textfelder. Das Wort “Kartuschen” wird oft benutzt, stimmt ja, superschönes Wort. 

    So, jetzt geht’s aber weiter. 10:38 Uhr.