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EIN JUNGER FALKNER MIT EINEM FALKEN UND EINE JUNGE FRAU MIT EINEM KORB AUBERGINEN, IM HINTERGRUND DER FUJI-BERG. ANSPIELUNG AUF DIE REDEWENDUNG “EIN FUJI, ZWEI FALKEN, DREI AUBERGINEN”, WELCHE ALS INGREDIENZIEN EINES GLÜCKLICHEN TRAUMS AM NEUJAHRSMORGEN GELTEN
Mit dem kleinen Job, das Ticket-PDF für die bevorstehende Zugreise nach Hannover vorher noch auszudrucken, verließ ich Mittwochmorgen die Wohnung mit USB-Stick Richtung Copyshop. Froher Mut und schöne Sonne. Mein Drucker die dumme Sau weigerte sich, da irgendeine Farbe leer ist. In meinem Copyshop des Vertrauens hängt ein Zettel in der Tür, Leider muss unser Geschäft heute aus…. geschlossen bleiben…. Danke für ihr usw. Okay, kein Problem, plurimediale Gesellschaft diesdas, druck ich das am Hauptbahnhof aus, NOPROBLEM.
Am Hauptbahnhof dann, überraschenderweise: Problem. Es gibt am ganzen Kölner Hauptbahnhof keine Möglichkeit, etwas auszudrucken. Zumindest mir nicht. Niemand kann oder will mir helfen, Postfiliale, Autovermietung, sogar in der großen Filiale für Schreibwaren und Presseerzeugnisse, haben wir nicht, können wir nicht, dürfen wir nicht, sogar ein: ICH WÜSSTE NICHT WIE bekam ich als Antwort von einer dummen Fotze und die Abfahrt des Zuges drohte unangenehm, und ich war durchflutet von einer Mischung aus Hass, Unglauben und Verzweiflung, Jahr 2018 usw., aber fing an zu lächeln, klar.
Man sieht mich an wie einen Irren, der etwas absolut Unglaubliches verlangt, und ich muss zugeben, es tut ein bisschen weh zu wissen, dass es so laufen kann. Dieses erbärmliche Drama findet seinen Höhepunkt, als mir die Bahn-Mitarbeiterin in der INFO-Hütte in einem Tonfall, der mich als Idiot adressiert, sagt: Sie können es im Reisezentrum probieren, aber das schaffen sie nicht. Ich renne. In zwei Minuten geht der Zug. Im DB-Reisezentrum fällt ohne Trompeten die finale Pointe in den Morgen hinein: Wir können hier nichts ausdrucken, von einem USB-Stick schon gar nicht! – Achso, ja ist auch kompliziert, Danketschüss. Das war Level Vorhölle. Der Zug ist weg. In gut 40 Minuten Zeit konnte man mir am Hauptbahnhof nebst Peripherie der viertgrößten Stadt Deutschlands kein PDF ausdrucken. Deutsche-Bank-Tattoo in veganer Tinte aufs Scrotum kein Ding, aber Papierchen ausdrucken unmachbar.
Ich brauche einen Espresso und eine gute halbe Stunde, bis die Wut, ein glutheißer Fleck in der Mitte der Stirn, sich auflöst, auch, weil man NATÜRLICH weiss, was die Leute sagen werden, denen ich diese Story erzähle: Ja musste halt vorher ausdrucken. Danke, danke, gut mitgedacht. Ein Fuji, zwei Falken, drei fucking Auberginen.
Mit dem neugekauften Ticket gehts dann los, und im Zug, nach ein paar Stunden des interesselosen Sitzens, erschrecke ich drüber, wie leicht es mir mittlerweile fällt, einfach nur dazusitzen, zwei Stunden, drei Stunden, auch vier Stunden, ohne, dass es mir etwas ausmachte. Finde das gar nicht gut, sondern denke eher, es hat was mit dem Älterwerden zu tun, dem Tod sozusagen probeliegen, eine vermaledeite Art der Fügung. Ich skandaliere mich selbst – ein SELBSTSKANDAL – aber ich hatte schlichtweg keine Lust, zu lesen, oder irgendwas zu tun. So ziehen mehr und mehr Schneeteppiche an mir vorbei, je mehr ich mich Niedersachsen nähere, im ICE Trainy McTrainface oder Baldur von Schirach, zur deutschen Mittagszeit.
Am Abend friere ich, von Nacht und flachem Land umgeben, bei minus 11 am Bahnhof Gifhorn, wie schon lange nicht mehr. Eine tiefe Traurigkeit löst dieses flache Land bei mir aus, als ob ich dort leben müsste, und erst mit der Zeit stellt sich Milde ein, denn ich weiß ja: hier lebe ich nicht, hier muss ich nicht bleiben. Die eigene Wohnung ist dreieinhalb Stunden entfernt, und in ihr, das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, funktioniert die Heizung nicht.