• Mittwoch, 6. September 2017

    Gefangen im Lärm
    im Namen des Herrn

    Berlin, 15:38h

    Ein Wirbelsturm, dem man den schönen Namen Irma gegeben hat, bewegt sich auf die karibischen Inseln zu. Dargestellt als eine sich im konzentrischen Reindrehen festgefrorene, vielfarbige Blüte, Violett, Blau, Hellgrün, Gelb, Rot. In der Mitte ein mit absinkender Luft gefülltes Auge, vollkommen ohne Ausdruck, indifferent, kilometerweit aufgerissen. Dort ist der friedlichste Punkt des Sturms.

    19:25h

    Ein anderer Sturm pfeift und poltert hier um das Atelier-Gebäude herum, die Gerüste wackeln, die Folien zittern im Zwischenraum der Doppelfenster. Teile des oberen Baugerüsts gegenüber fallen jetzt grade, in diesem Moment, hinunter, aber es sind nur wenige Teile, die sich gelöst haben und nun wie abgeknickt herabhängen. Graue Planen, durch Windböen regelrecht verdroschen, machen einen irren, knallenden Krach. Lange Wolkenbänke ziehen vorüber, das Licht dahinter ist blässlich Grau und Gelb.

    Auf dem Hinweg sah ich ein Eichhörnchen, das hatte noch die Nuss im Mund, damit es beide Händchen frei hatte für’s Klettern.
    Vor zwei Wochen hingegen muss ich eine Ratte beim Betreten des von mir so genannten Gestapo-Innenhofs so dermaßen überrascht haben, daß sie beim Fluchtversuch mit dem Kopf zuerst gegen eine Bordsteinkante rannte, zurückfiel, sich kurz schüttelte, und von neuem Anlauf nahm.

  • Dienstag, 5. September 2017

    Jean Billiard: KOOL ILL

    What year is this? – Special Agent Dale Cooper

    Berlin, 11:08h

    Warum war ich eigentlich noch nicht am Segitzdamm?

    Die Katze freut sich, am offenen Fenster sitzen zu können. Zuerst schaut sie auf der Westseite aus dem Fenster, dann geht sie rüber in mein Zimmer und schaut dann dort aus dem Fenster. 

    Mich packt heute eine Pranke im Nacken, ein Druck, der von zwischen den Schulterblättern kommend, fächerartig nach oben hin ausstrahlt. Ist bekannt.

    Große Wohnung, nie zuhause:
    und jetzt muss es aber auch schon wieder weitergehen

  • Freitag, 1. September 2017

    Monat Neun
    Kalenderwoche 35
    Tag Eins
    Vier Wochen rum

    Berlin, 11:39h. Bewölkt, 18 Grad, Regenwahrscheinlichkeit 10%

    Die rund 12.000 Seiten umfassenden Protokolle,
    die der taz vorliegen,
    oszillieren zwischen alltäglichen Banalitäten und politischen Überlegungen,
    bis hin zu brutalen Gewalt- und Vergewaltigungsvorstellungen.

    EINE MAX-LIEBERMANN-SZENE

    Durch kurz gelagerte Erinnerung etwas verengt, ist da dieser Abend, “der letzte Sommerabend”, die Luft warm, der Himmel früh erdunkelt bis ins Schwarz, die Kastanien im gelben Licht der Laternen in der Fasanenstraße tatsächlich majestätisch, wie sie sich da schützend aufbauen über einem, mit ihren hundert Armen. 
    Und vor der Galerie Buchholz steht auch schon die verschwitzte Kunstmenschentraube, Weißweingläser und Bierflaschen in der Hand, geöffnete Poren in glücklichen Gesichtern. Ein gut gebräunter Diedrich Diedrichsen steht in grünem Hemd auf dem Balkon, in der Galerie selbst ist es schwül und feucht wie in einem Tropenhaus. Moyra Davey/Sam Lewitt.

    Auf einmal steht Valeria vor mir, die ich sehr lange nicht gesehen habe. Sie hat so einen irgendwie verschlüsselten Blick, bei ihr kann ich gar nicht sagen, ob sie mich überhaupt leiden kann oder nicht. Dann mit S. fast alleine oben im zweiten Geschoss. Eine Zigarette auf dem leeren Balkon, dann heißt es auch schon: wir schließen jetzt. Wunderbar, genau richtig, Auf Wiedersehen. Tendenz klar zu den mineralistischen Lampen von Sam Lewitt.

    Dann wieder heimwärts, wo die Matratze zu weich ist, wie ich langsam spüre im Rücken.

    Von ZEIT ins Profane konvertiert.