• Mittwoch, 16. August 2017

    Berlin, 08:55h

    I don’t work in the area

    Ein leichter Regen fällt, da stellt sich hier gleich ein schönes Gefühl ein, beim heterosexuellen Mann, der im Bett liegt und schreibt. Der weiche Klang, in den ein spitzes Vogelgeräusch hineinsticht. Eine irgendwie kitschige Idee von Innehalten, ja warum denn nicht. Sogar die Baustelle ist leiser.

    Geisteskranke auf facebook: Rette Bären in Vietnam und sieh dir hier das noch von Richard David Precht an, über die Zukunft der Arbeit, außerdem ein absolut logisches No! zu Ölpalmen und Japans Nuklearabfall-Loch usw., ist doch klar.
    Diese umher vagabundierende Form der Aufmerksamkeit, die schiere Wahllosigkeit, mit der die Themen ausgewählt werden. Man hat natürlich auch überhaupt keinen Überblick mehr. Ja, ich habe deine Gesinnung verstanden, aber ich bin AUCH ein guter Mensch, echt! Ich vermisse die Ambivalenzen, das Aushalten. Dinge schweigend aushalten. OK, ich verstoße selbst dagegen.

    OH SWEET HASS

    Gestern, Torstraße: heiß, etwas drückend. Mit öligen Körpern durch Mitte, mit H.J., der ein weißes T-Shirt trägt, mittig auf Brusthöhe eine kleine Zeichnung von einem Wölkchen mit Gesicht und Ärmchen, und mit den Ärmchen macht sie:
    Gesten leerer Verweisung (nach dem Wüschner-Archiv).
    Und wie in einem lustigen Berlin-Film lief dann auch wirklich Ai Wei Wei noch an uns vorbei. Zur Freude wirklich aller.

    S. war auch mit, sie war eigentlich der Boss, der Leim. Der Boss und ich bekamen Bock auf Bier, das war nach der Pirici-Performance im NBK, und ich trank zwei Radler beim Vietnamesen, das fand S. völlig inakzeptabel, also Radler. Gefiel mir dann schon wieder, daß sie mir da mit vor Prinzipientreue nahezu bebenden Äuglein klarzumachen versuchte: fuck you wenn du denkst, Limo gehört in Bier. Dazu vietnamesischer Pop. 

    LEIDEN WARUM –
    LEIDEN WOZU.

    Ja,
    wenn Mané und Salah über die Flügel kommen
    wird’s ungemütlich
    Spiel mau, Endstand HOF-LIV 1:2

  • Donnerstag, 10. August 2017

    Berlin, 08:48h

    Erfindungen, die unsere Welt verändert haben

    Bei – liebe Mutter – Hanne Darboven im Hamburger Bahnhof. So richtig drin in ihrer Arbeit/ihren Arbeiten nie, was mich fasziniert, ist der Wahnsinn. Je länger ich diese Zahlenreihen – alle Pressetexte ever: “faszinierende Zahlenwerke” – ansehe, desto weniger dringen sie in mich ein, gleichzeitig arbeitet im Hirn die sog. angesammelte Zusatzinformation, d.h. das, was man darüber weiß, aber noch nicht selbst gesehen hat. Andere Welten vom selben Planeten. Erfreulich. Schön. Zum Material: Zuneigung. Millimeterpapier, technisches Zeichnen, Postkarten, Briefe, kleine Schrift und große Schrift. FORMULARISTISCH, kann Spuren von Protestantismus enthalten. Und Nüsschen.
    Es gibt ein sehr schönes s/w-Foto, leicht übersehbar liegt es in einer der zahlreichen, schönen Vitrinen: eine junge, wie ertappt lächelnde Darboven, unter einem schwarzen Damenhut lugen ihre kurzen Haare hervor, ja: eine Treppe herabgehend. Schöner als Jean Seberg. Nein, anders: interessanter. 

    Carl Andre schreibt ihr süße Karten und Briefe, so klar in der Sprache und der Absicht, eine gewisse Zartheit auszudrücken. Waren sie ein Paar, fragt mich S., und ich habe keine Ahnung. Aber hat Andre seine Frau Ana Mendieta aus dem Fenster gestoßen? Ohne zu zögern sag ich: ja klar. Dabei habe ich auch hier null Ahnung.

    Danach noch viel rumgelaufen mit S., Shopping und Frauen gucken, Bier (nicht kalt genug!), Zigarettchen und Zwergbananenkuchen, der in Sperma liegt. 

    Ansonsten: Lichter Ocker fast aufgebraucht. 

    15:08h: Von der Säge daheim geht’s hier ins Atelier zur Großbaustelle gegenüber. Mit einem Ventilator der Marke De Sina versuche ich, die einströmende Luft zu kühlen, und die sich hier im dritten Stock stauende, aufgewärmte Luft zu verdrängen.

    Nahezu exakt in dem Abschnitt der Bouchéstraße, in dem sich das Atelier befindet, verlief die Mauer. Vorgestern sah ich – eher zufällig – in auf Youtube hochgeladenen Super-8-Filmen aus dem Berlin der späten 70er Jahre, den Abschnitt hier, und mit etwas Verzögerung erkannte ich die Straße wieder. Jetzt geh ich hier jeden Tag entlang und stelle es mir mit drei Meter hohen Betonelementen vor, das gleichmäßige Blau des Himmels verwandelt sich in etwas erdrückend Indifferentes. Die Bouchéstraße selbst, sowie der Edeka, in dem ich die Milch kaufe, befinden sich im ehemaligen Todesstreifen. Jetzt kann ich das zum ersten Mal richtig sehen: das Haus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite: der WESTEN. Es sind vielleicht zehn Meter. 

  • Montag, 7. August 2017

    Berlin, 9:03h

    Today’s Light Sheriff Calls

    Kaum geschlafen in der Nacht zu Sonntag, heute dann wieder pünktlich um 7:22h wach geworden, da lief auch schon die Kreissäge im Nebenhaus hochtourig an. Um 7:33h zog der Wecker nach, und ich trotzdem: jetzt schon? Ah, Montag. Hallo. Sieht so aus, als ginge das bis Ende September so mit der Säge. Dr. von Bismarck, die strenge Ärztin, gibt an, sie habe “45 Schallplatten”. Flirtet sie mit mir? Das darf sie nicht. Wohl gerade DESWEGEN

    Zur Kaffeezeit gestern draußen, dort war es mal warm mal kalt. Am Nebentisch eine Frau und ein Mann, sie eine sehr gut gekleidete Greisin, er ein charismatischer, gebräunter Amerikaner mit schwerem New Yorker Akzent. SHOWTIME. Während ich vom Abendessen der Eheleute Plessner bei Gretel und Teddy Adorno lese, bei dem Gershom Scholem die ganze Zeit Traubensaftschorle trank und ordentlich Schwarzwälder Kirsch-Torte aß, kommen von links keywords wie Los Angeles, New York und money herüber geweht. Ein kleiner Rauhaardackel mit grauem Star rennt einem brandneuen Moment entgegen. 

    Die Bedienung ist eine kleine Araberin (?) mit frisch gebräunter Haut und dichten Augenbrauen, sehr sexy, Entschuldigung. Ich muss sie immer wieder anschauen. Später fragt noch ein sehr hübsches Zigeuner-Girl in einem schlimmen Chanel-Stretchkleid und mit Ungeduld im Ausdruck nach konkret “50 Cent”. 

    In der SZ über Thomas Mann’s Sommerhaus auf der Kuhrischen Nehrung in heuer Litauen. Drei Sommer war er da, ein Riesenzirkus. Außerdem in der SZ von Yavus Baydar über die Türkei: “Kurz nach der Gründung der Republik, also nach der Abschaffung des Kalifats, mussten sich die meisten religiösen Gruppen in den Untergrund zurückziehen. Für ihre Enkel symbolisiert das Wirken der Regierungspartei AKP unter Erdoğan einen kollektiven Racheakt.” Am Giebel des Mann-Hauses: die heidnischen gekreuzten Pferdeköpfe in Niddener Blau.