• Sonntag, 11. Juni 2017

    27 Grad, dampfartig transparente Wolken, der Himmel ein extrem helles Kobaltblau

    Dante Gabriel Rossettis Frauen, diese massivschädeligen, mit kernig breitem Kinnwuchs ornamentierten, mit von Wehmut nach jäh vorbeigezogenen, halkyonischen Tagen geformten Lippen, mit den sich wie frisch aufgeschlagene Kissen in die Welt wölbenden Amorbögen ausgestatteten, sind – Entschuldigung: Männer.

    Tolles Interview mit Maxim Biller über die 68er in ZEIT Campus, das ich freilich nicht in Print lese, sondern online, weil ZEIT Campus…ich mein’ come ohn

    Zufällig auf FAZ Online die Videokolumne – ich glaube, so nennt man das – eines jungen Politikredakteurs gesehen, den ich mal kurz in Berlin kennenlernte und von dem ich zwar wusste, daß er Journalist war, hingegen nicht bei der big FAS. Er begegnete mir vor einigen Monden als nicht unsympathisch aufgekratzter Jungmann, mit weit aufgerissenen, vergnügungssüchtigen und substanzengeilen Äuglein. In ihnen flirrte diese gewisse Entschlossenheit, der nun schon angebrochenen Nacht Körper und Geist zu schenken, vollends. Fußballer würden sagen: 120% zu geben.

    In Joachim Bessings Blog lese ich, daß Takis Würger, dessen Namen hin zu schreiben allein – verständlicherweise – für Herrn Bessing eine große, aus Buchstaben gebaute Verlockung darstellen muss, in sozialer Runde Ágota Kristófs Das Große Heft lobt, was unweigerlich dazu führt, daß mir jetzt kleine Szenen aus diesem Buch in den Sinn kommen, diesem unglaublichen, brutalen und wahnsinnigen Killer-Buch, das es eben ist und immer schon war. Herrndorf nennt es, erinnere ich, in Arbeit und Struktur “Weltliteratur”, und das ist wahrscheinlich richtig. Auch in Arbeit und Struktur steht, daß Joachim Bessing “bizarr” sei, so Herrndorf, und auf Balkons “doziere” (nicht strukturell, sondern in dem einen Fall), während ca. zehn Milliarden Deutsche vor dem Fernseher ein WM-Endspiel anschauen, an dessen Ende es keine Deutsche unter den Opfern geben KANN, weil sie nicht mitspielen. 
    Einige Tage später im Sommer des Jahres 2010, bekam ich von S. eine Email, in der sie die Schönheit der Nutten in Sewastopol pries und daß sie die Milchstraße sehen konnte. 

    Käme doch am Abend ein Gewitter, als Dénouement

  • Samstag, 10. Juni 2017

    Im Wind waren Tiergerüche.
                                  – Denis Johnson, Schon tot

    Ich kam gestern Nacht gegen halb Eins nach Hause. Draußen war es noch milde warm. Ich zog mich aus, rauchte im Bett einen Joint, sah mir eine gute Dreiviertelstunde lang auf Youtube die Aussage von James Comey vor dem Untersuchungskommittee des Senats an, wurde darüber müde, machte den Computer aus, schlief, und erwachte heute Morgen – gegen Acht Uhr – traurig. 

  • Donnerstag, 8. Juni 2017

    …Und
    hieße nicht, das verstehen zu wollen, dass man sich eben doch noch
    einmal, wie für eine Übung in Gegenhysterie, vermehrt und mit einer
    gewissen grausamen Leidenschaft den eigenen Idiosynkrasien widmen
    müsste, die da feine Linien der Unerträglichkeit durch die Dingwelt
    und ihre Zwischenräume ziehen wie Elemente einer noch zu
    etablierenden Wissenschaft vom Wunden Punkt?
    – P.W., 7.6.2017

    Durch den dunklen Abendhimmel, das peitschende Knallen von zwei Warnschüssen, abgefeuert von einem Polizisten, der von Drogentypen am Ebertplatz bedrängt wird. 

    Kalt geworden ist die Juni-Luft und grassiert als Wind böig durch Straßen, Felder und thighgaps. Auf der Ehrenstraße, einem der größten Zucht- und Mastbetriebe für konsumistisches Elend in Saisonfarben, schwärmen gebräunte und saturierte Gesichtgeschwader, aufgeschraubt auf Körper, aus Boutiquen-Eingängen aus. Es sind dies die Schleusen zur Vorhölle. Gibt es menschliches Leben hier? Normalität. Auch hier wieder ein vieltafeliges Klappbild zur KRISE DES MANNES: er weiß nicht, was er anziehen soll, er weiß nicht, wie er gehen soll, aber das mit Aplomb. Und ich bin um die Ecke und baue eine Ausstellung auf, und beneide jede dieser Kreaturen um ihr exemplarisches Nutzsignal.

    Hey Welt, warum so wund gelegen?