• Dienstag, 6. Juni 2017

    Kalter Wind an meiner nackten Schulter, der Himmel grau und weiß geflutet. Ewig stampft der Nachbar. Morgen ziehe ich hier fünfzig Meter hohe Redwoods hoch, die dann mit ihrem fünfzig Meter hohen Schweigen vor meinem Fenster stehen und allen Lärm einsaugen. Jetzt geht ein Aufwind.
    “Einsilbig” würde ich den leichten Stumpfsinn beschreiben, den ich jeweils am Ende der letzten Tage gegen die “abstruse Präzision” der Gedanken eingetauscht habe. Stattdessen mal ein Bier und weiter mit Spacey und Wright. Sprechen diese Tage auf flüsternd bedrohliche Art von Resignation?
    Let’s say NO

    S. war in der Stadt um ihre Ausstellung abzubauen, und hat mich nebenbei ein bisschen gerettet. Dafür hat sie dann quasi allen Dank der Welt von mir, aber ich kann es nicht richtig artikulieren, vielleicht auch besser so. Sie könnte denken, ich sei – ja was eigentlich. Bald kauf ich ihr Blümchen. 

    Im Denis Johnson-Roman kommt diese Stelle, wo beschrieben wird, wie eine Frau an “ihren Skulpturen rumwerkelte”. WERKELTE. Da hätte ich fast das ganze Buch schon weggeschmissen. WERKELTE? Was ist denn bitte da passiert? War das der Übersetzer oder schreiben die Amerikaner sowas wirklich in ihre Romane rein?

    Wie ich mir Donnerstagnachmittag die Avery Singer Ausstellung ansah, erfüllte der wunderbar künstliche Geruch von versiegelter Malerei den Raum. Dann grollte draußen, fern, der Donner und der Moment wurde zu einer Matratze, auf der man sich aus- und hinstrecken will. Später schmetterte der Sturm noch den Aufsteller des Kunstvereins auf die Wiese. 

  • Donnerstag, 1. Juni 2017

    Interview mit Mark Grotjahn in der Mai-Ausgabe der BLAU: “Ich beneidete Leute, die Schilder malen. Die einen Hotdog malen, weil es ihnen um Hotdogs geht. Weil sie den Leuten sagen wollen: Wir haben Hotdogs, wenn du einen Hotdog willst, komm zu uns. Wir haben Bier. Wenn du Lust auf ein Bier hast, wir haben Bier in Krügen und Bier in Gläsern. Also begann ich Schilder zu kopieren, Bilder zu malen, die wirklich keinerlei Erklärung brauchten. Ich hing sie auf und zeigte sie meinen Kommilitonen, aber jeder hasste sie.”

    Genau so ist es.
    “schilderen” bedeutet “malen” auf Niederländisch. Kann ja alles kein Zufall sein.

    Ich mach mir noch eben bisschen Sonnencreme drauf und dann aber:
    ICH KLAGE AN! Aber da kommt schon diese würzige Luft herein geweht, die nach Aufbruch riecht, aber irgendwas liegt auf mir zentnerschwer.

    Und was macht der Hysterische Realismus? Ja – das ist was mit “Gesellschaft”. Da häuft sich jeden Tag immer mehr Material an, das ist fast schon unglaubwürdig, in der schieren Masse.

    Die Rückkehr nach Reims ist durch. 

  • Montag, 29. Mai 2017

    Die massive, von Witterung und Verfall wie ein komplexes Dokument beschriebene Betonschale der Fernunterstützungsbatterie “Todt”, ehemals “Siegfried”, kauert wie eine blaugraue Spinne am Cap Griz-Nez. Die Sonne scheint. Dort, wo zu Kriegszeiten das zwanzig Meter lange Geschütz, diese riesige Kriegs-Erektion, installiert war, um tonnenschwere Geschosse über den Kanal hinweg auf Englands Küste abzufeuern, ist nun eine gläserne Front, eingefasst in grünen Stahl. Als wir die Kasematte verlassen und wieder ans Licht treten, klebt an uns die modrige Luft einer einbetonierten, todbringenden, deutschen Idee. Kanadische Truppen beendeten diese im September 1944. 

    Die Sicht ist klar. Die Dünen sind unruhig. Gräser werden vom Wind in eine Richtung gekämmt. Die Landschaft, und das ist das Perverse an diesem Ding, ist so ungemein befriedend, erfüllend schön. Hier müssen also, zu irgendeiner Zeit in den frühen 40er Jahren, deutsche Offiziere aus ihren Fuhrwerken gestiegen sein, die Stiefel auf Sand und Gras gesetzt, die Türen zugeschlagen haben, während das sanfte Licht der Hauts auf ihre schwarzen Ledermäntel fiel. An diesem Tag lag das Meer nicht da, wie Nudeln aus Gold und Silber. 

    Tschechenigel,
    Rommelspargel,
    Belgisches Tor. 

    Ungefähr 73 Jahre später stehe ich, in rotem Flanellhemd und mit weißer Baseballcap der Detroit Tigers, sowie einem weichen Tennisball in der Hand, den ich ab und zu mit Mark hin- und herwerfe, davor, und habe Durst auf ein kühles Bier der Marke Pelforth oder Leffe. Überall ziehen glückliche kleine Hunde mit enormem Drang nach vorne, ja, hier in der Gegend scheint es nur glückliche Hunde zu geben. Gegenüber wird Golf gespielt. Wir fahren weiter nach Boulogne-sur-Mer.

    Immer egaler das Leben, das ich zuhause führe. Ich könnte auch einfach alles absagen jetzt und hier bleiben, es ist doch scheißegal, die Leute reden, um zivilisiert zu klingen, aber es ist wirklich egal, und wenn man stirbt, ist man tot, und wenn ein anderer stirbt, ist ein anderer tot. Fun in the sun.