• Freitag, 19. Mai 2017

    Amid gasps from the crowd…

    Ich öffne die Wetter-App, um in die Zukunft zu sehen, was das Grau am Himmel angeht. Es hat sich abgekühlt, gestern schon, nach drei Tagen Sommer. Die Wärme ist nach Berlin weiter gezogen. Denen gönne ich das.
    Der Geruch von Kälte und Nässe und ein Regen, der lautlos herabfällt. Allein der Gesang der Vögel sagt: daß man schon weit ins Jahr hineingekrochen ist, und es kein Zurück gibt. 

    Entscheidungen: es war Oktober 2004. Mein Studium begann. Germanistik, Theater-Film-Fernsehwisschenschaften, Klassische Literatur. Ich hatte mir im Sommer und in den Monaten zuvor etwas zurechtcollagiert, was für mich nach einem Plan aussah. Eher nach außen hin. Es ging darum, eingeschrieben zu sein für etwas, etwas zu machen aus dem Abitur, der Hochschulberechtigung, weil es alle so machten. Und im Jahr 2004 waren es noch verschiedenste Hemmungen, die mich das machen ließen, was die ANDEREN machten, weil: wer war man schon, daß man dachte, für sich allein denken und handeln zu können? Alle meine Freunde gingen studieren, also ging auch ich studieren. Ich war 22 und nahm an, daß ich eigentlich zu dumm bin für ein Studium. Zu dumm, diese Spannung, die ein Studium einem abverlangte, aufrecht zu erhalten über Jahre. Prüfungen zu schreiben. Dem Druck stand zu halten. All das habe ich gedacht, bevor es losging. Zu keiner Zeit dachte ich an den Aspekt der Klassenflucht, an Zugangsschranken, an Aufstieg, an ein Selbstbild, das ich zu verwirklichen sehnte. (Inwiefern diese Dinge überhaupt zutreffen, realistisch betrachtet, ist eine andere Frage)

    Der Eindruck, der “physische Eindruck”, den die Universität ausstrahlte, mit den merkwürdig disparaten Gebäuden als Körpern und den Körpern in den Gebäuden: dagegen irgendwie anstudieren
    Der Psychobuildings-Effekt: ich wollte dort nicht sein, ich konnte dort nicht. 

    Aus heutiger Sicht ist das ein völlig anderes Leben, das dort von mir damals geführt wurde. Aber sicher kann ich nicht sein, denn das Ich altert, angeblich, nicht.

  • Dienstag, 16. Mai 2017

    Aus drei Metern Höhe in ein Wasserbecken, auf dem Rücken eines lachenden Pferdes? Nein, möchte ich nicht – 

    Halb Acht Uhr morgens, Bohrlärm in Deutschland. Hemmungslos. Wenn sich mit einem Arbeitenden der Soundterror an Dutzenden rechtfertigen lässt: Deutschland. Germania. Bohrlärm – Ackergift unserer Zeit?

    Swantje Karich schreibt in der Welt, ein deutscher Journalist habe den Imhof “Faust” (57. Esposizione Internazionale d’Arte/Biennale di Venezia) auf Facebook als “KZ Techno” beschrieben. Einerseits: dafür ist Facebook ja da. Andererseits: WER denn?
    Kapielski wurde vor etlichen Jahren von der sehr nervösen taz gefeuert, weil er den Begriff “gaskammervoll” im Bezug auf einen Berliner Club verwendete. Weiß jetzt aber nicht, was so KZ-mäßig sein soll bei Anne Imhof.

    Der Unterton Karichs im recht kurzen Welt-Text ist der einer vorsichtigen Feststellung von Stagnation: “…erscheint die gesamte Biennale, die Kunst im Arsenale und Giardini, blass, nichts dringt mehr durch, vieles wirkte betulich und infantil.” Das ist ja aber eine Breitspektrumbeobachtung. Auch ohne direkten Referenzpunkt Imhof-Faust ist viele Kunst heutzutage blass, vor allem infantil. Sobald es in manchen Wald politisch-komplex hineinschallt, hallt es hysterisch-infantil wieder hinaus. 

    Die Vernunft in den Problemen
    lass ich mir nicht nehmen

    aber ein Bier
    nehm’ ich noch

  • Donnerstag, 11. Mai 2017

    White Sands | Sports jacket, $3,395, by Giorgio Armani / Tank top, $240, by Rick Owens / Pants, $790, by Bottega Veneta / Necklace by David Yurman / Ring by Miansai
    – Bildunterschriften aus der GQ Cover Story “Brad Pitt Talks Divorce, Quitting Drinking, and Becoming a Better Man”

    Super unterhaltsames Interview mit dem auf einmal ganz klein, zu heiß gewaschen wirkenden Brad Pitt. Dieser wahnsinnige Effekt, den ostentative Reue und Kleinheit nach dem Knall haben. Alle sind gleich einsam. THE INTERVIEW: MY REDEEMER
    Er töpfert – he throws clay – im Studio von Thomas Houseago. Er hat seinen Winzerbetrieb in den Boden gerammt. Bereits am nächsten Tag höhnische Kommentare (na logo) und quasi Leitartikel darüber, daß er jetzt in Kunst mache, was er, Pitt, so nie behauptet. Einige sahen Pitt schon sog. “richtigen Künstlern” irgendwelche Biennale-Plätze wegnehmen. Zorn. Im großen Weltnetz wird extrem kleinbürgerlich gehasst. LOL. Für mehr kosmopoliten Hass. Fotochens von Ryan McGinley, der bald in Berlin einen Club namens “Nackenflaum” eröffnen wird. Und irgendwo schwitzt ein Bouncer im Philtrum

    Eigentlich Montag schon wollte ich etwas zu der Stelle bei Eribon geschrieben haben, Stichwort Fotografie:

    “Es ist immer wieder bestürzend, wie unmittelbar fotografierte Körper aus der Vergangenheit, viel mehr noch als bewegte oder leibhaftig vor uns stehende, einen sozialen Körper darstellen, den Körper einer Klasse.” (Rückkehr nach Reims, S.17)

    Ich empfand das, als ich es las, sofort als absolute Wahrheit und die Frage ist, ob nicht das Hauptwerk von August Sander der Generalbeweis für diese Beobachtung oder Behauptung wäre.