• Sonntag, 7. Mai 2017

    Daß Realismus – 

    Bericht über einen kurzen Übergriff: Ich stand in dem kleinen Café am Tresen, wartete auf den Kaffee, den ich bestellt hatte, und bekam plötzlich einen Hassanfall. Ich wusste erst gar nicht, warum und von welcher Seite her. Dann hörte ich nochmal hin: es war die Musik, die lief, bzw. es war das Konzept, für das diese Musik stand, die hier – grade noch laut genug, daß sie die Funktionsgeräusche der Kaffeemaschine durchdrang – ihre brutale 2000er Sinnlosigkeit entfaltete. Die Hauptverbrecher dieser Form von Sound waren dereinst die Franzosen von Nouvelle Vague (auch der Name der Band ist schon so unfassbar dumm, weil so abholfertig aufgeladen, ich bekomme echt wieder den Hass jetzt, wenn ich nur dran denke): gnadenlose VERLOUNGEUNG, der wahre Sound des Kapitalismus. Niedergang. Spezifisch perverse, auf Musikdesinteressierte ausgerichtete Konsumierbarmachung von New Wave/Post-Punk Stücken, die Verwandlung von The Cure Stücken in eine Haarwaschlotion mit Mandelduft. Fundamentaler Ekel, der auch Spuren von pointiertem Frankreichhass beinhaltete, leichtes Leben etc, dieser ganze niedrigschwellige, ahnungslose und zu Industriezweig gewordene Lifestyle-Scheiß. Ich wollte diese Band so gerne hintereinander aufgereiht stehen sehen, damit man nur eine Kugel braucht, um direkt alle umzunieten.
    Die Platten von Nouvelle Vague haben sich  – natürlich – unfassbar gut verkauft. Es gibt dann doch so viele Menschen auf der Welt, die sich für wirklich GAR NICHTS interessieren und denen es vollkommen unmöglich ist, reinen Zynismus zu erkennen, wenn er rosa pulverbeschichtet ist. 

    Ansonsten: Rückkehr nach Reims, Seite 79.

    Gestern die Dominik Graf Doku über Michael Althen. Angenehm. Ich freue mich immer, wenn Claudius Seidl irgendwo auftaucht. Olaf Möller kam auch vor, das wusste ich gar nicht, daß er so “bekannt” ist? Charles Schumann habe ich, glaube ich, noch nie sprechen hören zuvor.
    Draußen wurde man von Sommer ein bißchen angeleckt. Die ersten Fliegen, die durchs Kippfenster kommen. Bierdurst.

  • Donnerstag, 4. Mai 2017

    Die Antenne ist in der Displaybaugruppe.
    (aus der Fehlerdiagnose eines Apple-Produkts)

    Aufgewacht. Keinen Aufschrei gemacht. Dafür Kaffee, vorher Banänchen. Wie schön matt silbern die Innenseite der kleinen Spülmaschine schimmert nach dem Waschgang. 

    Man gab mir jüngst den Text von Thomas Ebermann aus der konkret mit, Überschrift nicht notiert. Acht Seiten über Didier Eribons “Rückkehr nach Reims” und paar Thesen/Behauptungen, die im Roman geäußert werden, und was er, Ebermann, von diesen halte. Aber vor allem habe ich jetzt das dringende Bedürfnis, dieses Buch lesen zu müssen, Aussagen zur Form des Romans fand ich superinteressant? Frage an mich selbst. THEORETISCH SCHON. GESAMTGESELLSCHAFT. WELTSTIMMUNGSGEHALT.

    Gestern, im koreanischen Asia-Laden, ein winziger Hund, der mich mit seinem Blick fixierte. Sein aus winzigen Zähnchen bestehender, windschiefer Vorbiss unterstrich den Eindruck, daß ich von ihm einer fundamentalen, ja strengen Generalprüfung unterzogen wurde. Wortlos ging er dann, wurde gegangen. 

    S. fragte mich Samstagabend, warum ich mir nicht eine kleine Sexfreundin suche, ich “interessiere mich doch für Sex”. Ja, ach. 

  • Mittwoch, 3. Mai 2017

    Seit ich da bin,
    weg, weg, weg,

    (M. Kippenberger)

    Kaum aufgewacht, war alles automatisch interessant dumm. Die Sonne, wie sie da ins Zimmer scheint: falsch – die Bäume, wie sie da herumstehen: falsch – Menschen: schlimm, eigentlich auch die Netten. Man muss sich sehr glücklich schätzen, sich nicht selbst beobachten zu müssen bei dem, was man die ganze Zeit macht. Und dann ab ins Hemd und versuchen, den Scheiß zu vergessen. ALLES KLAR: LUTHER-JAHR

    Vorher das: Sonntagabend, nach 21 Uhr, die letzte Phase Blau bereits verschwindend am Firmament, war ich noch losgefahren, rüber nach Deutz, mir ein Atelier anschauen. Patrick, der Hauptmieter, ist ein Kunst- und Sportlehrer aus Düren, der, glaube ich, früher bei der Luftwaffe war, heute: Frau, zwei Kinder, drei und sechs Jahre alt. Er malt Lichtensteins und Picassos nach. Bis an die Decke hängt der “Taubenschlag”, wie er es nennt, damit voll. Ich streife all das nur mit dem Blick, schütze mich so, sonst werde ich zugesendet. Das geht mir immer eigentlich zu schnell heutzutage, mit den Informationen, mit dem Material, das jeder mitbringt in eine Begegnung. 

    Ich mochte den Raum, er ist so schön draußen und drinnen, vermittelt Abgeschiedenheit, ohne mit der potentiell grausamen Stille der Natur allzu verwandt zu sein. An einem Moment drehte ich mich kurz auf dem Stuhl um, sah, wie es nun dunkel war, zog an der Zigarette, derer ich noch zwei weitere rauchte, von Patrick angeboten, und dachte: warum denn nicht. 

    Patrick berichtete außerdem von “Problemen” mit seiner Frau, weil er jetzt die weibliche Nacktheit entdeckt habe (”so schön”), für die Kunst, und nun gäbe es eine “ganze Reihe von Mädels”, die sich von ihm malen lassen wollen. Sagte er. Er wisse, er verlange viel von seiner Frau, die sich unterdessen um die beiden Kindern kümmern müsse, während er im Atelier nackte “Mädels” usw. Ich nickte freundlich, aber innerlich freute ich mich wie ein Babyboy über diesen ultraplakativen Moment, die ganze Einfachheit, die Klarheit. Bei “Mädels” wußte ich eigentlich schon Bescheid. Nachdem ich das Beck’s Bier ausgetrunken hatte, ging ich – bei guter Laune – im Sinne keiner Leitkultur die dunkle Treppe hinunter, ins Freie, ins Wetter.