• Montag, 10. April 2017

    Der erste vollsommerliche Tag. Um zehn Uhr morgens macht die Sonne im Rhein-Sieg-Kreis bereits erste Ansagen, der Himmel wolkenlos und blau und wenige Minuten später sitze ich in einer kleinen evangelischen Kirche mit Spitzdach. Der Pfarrer ein noch recht junger Mann, vielleicht in meinem Alter, auf einer kleinen Empore eine Band aus Kirchenjugendteens, die den Gottesdienst mit modernem Instrumentarium begleiten. Der Schlagzeuger tut mir leid, er muss die ewig gleichen scheppen Achtelrhythmen spielen, der Gitarrist hingegen lässt sein Signal durch einen Chorus-Effekt laufen, und ich muss ein bisschen lachen, daß ich ausgerechnet in einem Kirchengebäude, jetzt, bei sich aufblasendem Sommer draußen, durchspült werde von Euphorie. Lush life, denke ich immer wieder, lush life, was riecht die Welt so gut.

    Ich kann dem Gottesdienst interessiert folgen wie etwa einer Sportveranstaltung, konzentriert, dabei habe ich gar kein Team im Spiel, das ich gewinne sehen will. Ich mag die Struktur, die klaren Abläufe, nicht, weil sonst alles “so chaotisch” ist, sondern weil das einen sonst ständig umlärmende Individualgetue hier vollkommen ausgeschaltet ist. Alle halten die Fresse, manche singen mit, manche nicht, manche beten mit, manche nicht, und eigentlich geht es hier ja die ganze Zeit eigentlich um: Texte. 

    Die Stunde ist schnell rum, kurzweilig. Einmal träume ich vor mich hin und bin auf einmal ein amerikanisches schwarzhaariges Mädchen, das von einem gelben Bus an irgendeinem Lake Tahoe oder den Adirondacks, mit vierzig anderen Kindern, abgesetzt wird, um einen riesigen See herum ragen riesige Bäume in die Höhe und ich bin aufgeregt weil Sommer ist und Zeit noch nichts ist, was mitgedacht wird. 

    Mit der Familie zusammen einen Tag zu verbringen bedeutet, wenn man selbst ein bestimmtes Alter erreicht hat, auch: es wird in so großen Einheiten von Zeit gedacht und geredet, nach hinten hin, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, dreißig Jahre, in die Erinnerung, in das Damals, das es lifecrushing sein kann. Sentimentale Akkorde von etwas auf ewig Verlorenem klingen mit, und wer nach so einem Tag, wie ich ihn gestern hatte, in einem stillen Zimmer nur dasäße und an die Wand oder durchs Fenster sähe, um zu versuchen, den Geschmack und den Geruch eines Augenblicks aus diesen Zeiten nochmal hoch zu holen aus der Zwischenwelt der intensiven Erinnerung, dem KÖNNTE es passieren, das einem die Bilder die Liebe abzapften. 

  • Montag, 3. April 2017

    Psychobuildings, so der Kippenberger, und ich verstehe das. Der erste Morgen in den neuen Wänden, mit den neuen Abständen, neuen Anordnungen, wie die Möbel stehen, wie die Möbel zueinander stehen, das Licht, der Geruch, Geräusche. Ich vergesse auch immer, wie es damals war, als die Wohnung, die nun die alte ist, die neue war, und wie es sich in den ersten Tagen dort angefühlt hatte. Wahrscheinlich genauso. Erster Gedanke heute Morgen: ich ziehe hier so schnell es geht wieder aus.

  • Sonntag, 2. April 2017

    Heute dann, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 2. April 2017, ein auf den ersten Blick angemessen langer Text (die Schönheit des Zeitunglesens: der frische Blick auf die durchs Umblättern fürs Auge freigegebene NEUE Seite) von Boris Pofalla zur Sache Dana Schutz, Whitney-Biennale und Hannah Black, der eigentlichen Protagonistin dieses aftermaths

    Problem: bereits im ersten Satz des sog. offenen Briefes, den die in Berlin lebende Autorin Hannah Black veröffentlicht hatte, war ein dermaßen brutaler sachlicher Fehler drin, daß es mich (und damit die Offenheit, einer stringenten und logischen Argumentation zu folgen) komplett zerschossen hat. Der eigentlich dafür noch zu schwache Begriff Selbstgerechtigkeit ist spürbar an ein Gefühl der Nervosität gekettet (das freilich durch die Dringlichkeit und Aktualiät des Anliegens total einleuchtet), mit der in diesem Brief komplexe Begriffe zum Zerbersten gebracht werden, und am Ende liegt dort ein “offener Brief” vor, der einen extrem juvenil-verirrten Eindruck, ein Amalgam aus Wut, falschem Begriffsgrandeur und Aufgekratztheit hinterlässt.

    Pofalla beschreibt genau richtig, was auch mich daran so….ja was eigentlich, entsetzt, traurig macht, zermürbt: die scheinbar dann doch grundlegende Komplettversautheit des Kunstbetriebs. Ich weiß nicht, ob es passt, aber ich denke an einen Satz von Wolfgang Herrndorf: “Hedonismus ohne Bildung ist Scheiße.”