• Fr, 4.10.2024

    DAMMARHARZBANDITEN

    Sieh den Tag! Er ist blaß und trägt ein dünnes Hemd, die weiße Sonne scheint durch seine Löcher.
    So war es also, an einem Feiertag mit der Deutschen Bahn in eine gut 43km in nördlicher Richtung gelegene, kleine Stadt zu fahren. Aber was kann einem die Impression Germany an so einem Tag noch geben, was sie uns nicht schon längst gegeben hat?

    Es dauert länger als man für notwendig hält, und es kostet mehr als jede Rhetorik hergäbe.

    Eine Greisin stieg hinzu, mit gelben saftigen Blumen in einem für sie zu großen Topf. Für das Grab ihrer Freundin, so erfuhr ich. Eigentlich ist es zu anstrengend mit dem großen Blumentopf und der Bahn. Aber sie wolle auch RAUS, könne nicht immer nur mit sich sein. Ich bin vierzig jahre jünger als sie, und ich denke schon genauso. Draußen ein Schild, die fast schon hilarious Tristheit des Gedankens zu vertonen: Dormagen CHEMPARK. Die ganze Fahrt über bin ich überrascht, wie schön der Tag eigentlich aussieht von oben her, wie sehr sich die Sonne im Infight mit wechselnden Wolkenbändern in Grau und Silber immer wieder durchsetzt, ausdauernd zeigt, kostbare kleine Siege, but hard fought. Sober October, here we go.

    Schon beim Aufbau, beim Hängen der vom Unternehmen wirmachendruck-punkt-de bedruckten 210gr-Banner in den Maßen 150 mal 100 Zentimeter, die die von mir durchaus langwierig gesammelten und gescannten dime bags zeigen, also kleine Drogentütchen, Gras, Pillen, Pulver, bleiben vereinzelt Leute, die den großen Marktplatz überqueren, stehen, und schauen. Männer, junge Männer, die, so sagen ihre Gesichter, sehen worum’s geht, Hände in den Taschen, ein kuzer Blick ehrlicher Aufmerksamkeit. Das bedeutet mir was. Diese drei, vier Sekunden sind mehr als die automatisierte Aufmerksamkeit von routinierten Kunstbetrachtercrowds. Da ich wirklich gerne kommunikativ bin mit dem, was ich ausstelle, lebe ich auch mit einer gewissen Genügsamkeit, bzw. einem Wissen darüber, dass man nicht ständig zu a l l e n hinkommunizieren kann. Diesmal wollte ich wirklich zu denen sprechen, die, wenn ich sie kategorisieren müsste, nennen würde: die, die den Marktplatz überqueren. Ich flüstere es vor mich hin, wie einen Indianernamen. Smoke and skulls and fire.

  • Do, 19.9.2024

    100% LINEN

    Das Foto von Handke heute Morgen auf der FAZ-Seite. Sehr sehr kurz, dafür nicht weniger zwanghaft, dachte ich: alt. Gosh, ist er fucking alt geworden. Natürlich ist er das.
    Mein Vater hat eine Gürtelrose—brandneu diagnostiziert—weswegen seine Augenlaserung verschoben werden muss. Sehr sehr kurz, dafür nicht weniger zwanghaft, dachte ich: im Alter muss man dann die eine Beschädigung für eine neue aufschieben. Der Körper wird der Betrieb, den man so lang und zerdehnt es eben geht auf die Insolvenz hinmanaged.

    Seit Montag wache ich jeden Morgen mit wie zu Gesteinsformationen verhärtetem Innern auf. Abwechselnd denke ich, es ist Darmkrebs oder Depression. Das ist doch die Männer-Alliteration schlechthin. Und Alliterationen gibt man sich ja leider hin, aus Schwäche. Don’t like it.
    Fragte man mich jetzt, im Moment: ich glaube, ich schaffe das alles nicht.

  • Mo, 16.9.2024

    KÜRASSIERE AUF RIESIGEN PFERDEN

    Stimmt schon, mit den Jahren kam eine Vorstellung und ein Bewusstsein von einer Ökologie: die Schwierigkeit ist nicht, eine Zeichnung zu machen, eine sog. Arbeit zu machen, oder einen Satz hinzuschreiben (jetzt wäre es schöner to make a sentence verwenden zu können, ohne die Sprache zu wechseln). Die schwere Frage ist, ob die Zeichnung besteht, ob der Satz stehen bleiben kann. Diese ökologische Frage also: braucht es das jetzt, braucht meine Welt das, braucht DIE Welt das? Dieses Misstrauen ist genau so real, wie die Tatsache, dass man es an anderen Tagen, Wochen, Monaten, vernachlässigt, um überhaupt etwas zu schaffen/erschaffen. Nun gut, das hing mir noch nach, bis hinter die Stahltür, ich komme grad von draussen rein.

    Ein feiner Schweißfilm liegt mir auf den Unterarmen und den Unterschenkeln. Kleidung im Übergang vom Sommer zum Herbst. Ich mag dieses Gefühl überhaupt nicht, wenn ich den Schweiß wie einen kühlen Hauch zwischen dem Stoff meiner Kleidung und meinem Arm spüre, fühle mich ölig, verbraucht. Noch ein Weiteres, das sich trennend zwischen mir und die Welt gemogelt hat.