• Mittwoch, 30. November 2016

    Aus einem Interview mit Harald Schmidt kürzlich im stern: “Ich hab wenig Ängste, aber schon mal das ungute Gefühl, dass der Lkw-Fahrer hinter mir das Stauende übersehen könnte, weil ich da einfach ein Freund von Zahlen bin. Was die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags betrifft, bin ich deshalb relativ angstfrei.” Freund von Zahlen. Ja. Das leuchtet mir ein. Bei der abgestürzten Fußballmannschaft gestern dachte ich auch daran. Der sicherste Flug ist am Folgetag eines Absturzes; in diese Richtung

    Kalt und klar die Nacht, kalt und schön der Morgen, derer Minusgrade schon dreie, ein Morgen, der einem die geöffneten Hände hinhält, der nehmen kann, und geben will. Jetzt sehe ich eine Gestalt auf einem Dach spazieren, von ganz oben hinunter in die Straße, in die Schlucht blickend.

    Gestern Abend erzähle ich der Schauspielerin, die auch Filmemacherin ist, von meiner Idee für einen Tatort. Ich möchte helfen, wo ich kann. Sie liest auch dieses Journal hier. Manchmal. 

    Schlußwort von Krausser (Eintrag vom 7. Juli 1994): “Also, ob das was taugt oder nicht, überlasse man bitte mir – ich bin der Künstler.” Been there, done that

  • Sonntag, 27. November 2016

    Der Geruch von Popcorn strömt aus dem Kino um die Ecke, bis hin zu mir, der ich mich auf die Treppe hinab zur U-Bahn hinbewege, einen Tag später riecht es in der S-Bahn penetrant nach Fleisch und Zwiebeln, während ich mich aufs Helmut Krausser Tagebuch zu konzentrieren versuche.

    Fast die ganze Woche über habe ich diese ganzheitliche Nervosität, Schwermut, Zukunftsangst, Angst, die falschen Entscheidungen getroffen zu haben, Angst, mit den falschen Menschen nicht früh genug Schluss gemacht zu haben, Angst vor weiterer Angst, am Donnerstag kommt die Nachricht hinzu, daß meine Mitbewohnerin in 4 Wochen ausziehen will. Noch sieben Stunden bleiben in dieser Woche.

    Gestern: “Elle”, neuer Paul Verhoeven Film, mit Isabelle Huppert. 

  • Donnerstag, 24. November 2016

    Laokoons rechter Arm und der wahre Ort der Schlange, Text Andreas Kilb. Stimmt auch, jetzt, beim Anschauen eines Fotos der Laokoon-Gruppe, kommt einem die Position der Schlange merkwürdig vor: warum sollte sie ihm, den Kiefer bereits weit aufgesperrt und ausgehängt, in die Hüfte beißen, das ist doch irgendwie nicht richtig, die Schlange weiß es doch besser, sich die Beute mit dem Kopf zuerst einverleiben, und der seltsam geneigte Hals des Priesters, fügend? Die neue Opfer-These des Laokoon, die mir allein schon ausreichte für den ganzen Tag, erinnert mich jetzt an die vorgestern erst gehörte, aktuelle Ausgabe des Bret Easton Ellis Podcast. In seinen den Interviews vorangestellten Monologen und Anmerkungen über die Zeit und deren Geist,  und polemisch geschrieben und bis zu 30 oder 40 Minuten lang, arbeitet sich BEE seit Monaten im Speziellen an den sog. Millennials und ihrer victimization culture ab, im Allgemeinen an der Verkümmerung im Bereich der sprachlichen Abstraktion, dem Eindruck, in gesprochener und geschriebener Sprache müsse sich Gesinnung klar zu erkennen geben, und zwar natürlich nur die richtige. Hysterisierung, Skandalisierung und Immanenz-Verdacht seien die tools der Millennials, dabei komplett und fundamental humorfrei, effektiv existent im chromierten Dampfkessel Internet. Großthema Irrtum, Zeitthema Irrtum. 

    Von oben beginnt jetzt wieder, wie jeden Morgen, dieses Trippeln, als würden die über mir in Stöckelschuhen dem Weintreten nachgehen. Unter diesen widrigen Bedingungen schreibe ich, für die Kunst, für die Wahrheit, ist ja klar, und auch ich spüre, wie Ihr, die Anwesenheit der Schlange.

    Heute scheint die Sonne, fast wäre das untergegangen.