• Sonntag, 18. September 2016

    Über Nacht hatte sich der Berliner Himmel tiefer gehängt, vom Regen roch es aufgequollen. In der kühlen Stille des Samstagvormittags ein Ächzen der Erleichterung, der Herbst machte hier schon mal mobil und alle sollen’s wissen auch. Freitagabend noch waren E. und ich in Mitte unterwegs, a very balmy night, eine amtliche Sommernacht, Sterling Ruby bei Sprüth Magers, Dana Schutz bei CFA, eine angenehm dezente Hysterie auf den Straßen, ruhigerer Art, die Hitze am Tage hatte alle schon genügend an Kraft beraubt, so daß sich hier keiner mehr groß spreizen musste. Im kalten Licht der Galerie blickte man in müde, aber zufriedene Augen, der Weißwein schimmerte fahl wie Pisse.

    Der Garten auf der Oranienburgerstraße brutal schön, brutal idyllisch, brutal leise, in der Mitte ein riesiger Kirschbaum, dahinter fällt sanft die Wiese ab. Ist ja wie in Heidelberg hier, sagt E. Ging man wieder in die Galerieräume zurück, in denen reger Publikumstransit in Mitte-Ausmaßen herrschte, vermengten sich die Pneumatika und Gerüche der Menschen miteinander, die Installation von Ruby indes erinnerte an Calder und Tinguely. Als wir durch den Monbijoupark gingen in Richtung Kupfergraben, entfernte sich allmählich das Licht aus dem Abendhimmel. Ein Square Dance am Kanal, die scharfe und schwarze Silhouette des Bode-Museums.

    Bei CFA, es war inzwischen der Mantel der Nacht über die Stadt geworfen, war es schon leerer, inmitten des Raumes stand der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, riesengroß, in Schwarz gekleidet. Seine ca. 14 oder 15 jährige Tochter trug teure schwarze High Heels und ist auch schon mindestens 1,90m groß. Selbst im Stehen knickte sie in den Schuhen um, aber ich denke, irgendwann muss sie ja mal unter Wettbewerbsbedingungen anfangen. Auf der Straße grüßte ich einen Polizisten: Guten Abend! 

    Im Zug zurück nach Köln ziehen sich Menschen in der 2. Klasse die Schuhe aus, der Zug kollidiert mit Rotwild und von hinten höre ich einen Jüngling sagen: “Also wenn ich einen sehe würde, der von der Brücke springen will, würde ich sagen: Spring, du Arschloch.” 

  • Freitag, 16. September 2016

    Drei Japanerinnen, die nicht viel mehr wiegen als die Sperlinge, die einem hier nahe kommen. Ein Dutzend Wespen. Die Japanerinnen fragen mich, ob ich ein Foto machen kann. Ich kann. Sie lassen riesige Frühstücksplatten kommen, dann nehmen sie jeweils ihre kleinen Japanerinnenhände und: klatschen lautlos, die Ehre zu erweisen dem Frühstück. Die Schwarzgekleidete hat ein Notizbuch aufgeschlagen. Auf einmal singen sie, zu dritt, ganz leise, und es sieht so aus, als würden sie, während sie von dem Dutzend Wespen umtost werden, einen Song schreiben, so stellt sich das dar für mich, weil die Schwarzgekleidete in gewissen Abständen diese Notizen macht dabei, es muss so sein. In meinem Schädel wehen Reste von “Utakata No Hibi” von Mariah. Das Kopfschild der Wespen leuchtet wie frische Zitronen. 

    Dann falle ich regelrecht aus der Bahn, Gleisdreieck, und stehe mitten in der ABC Messe. Blaue Anzüge und weiße Hemden. Vieles hier ist so, wie es sich mit Berlin generell verhält: wenn man genauer hinsieht, nicht so richtig gut. Aber: Timur Si-Qin.

    Die vielen Amerikaner, die zu laut sprechen, machen einen fertig damit, wie sie zu laut sprechen. Jeder Abend birgt das Versprechen der Ruhe, und so siegt der Abend über Amerika.

  • Donnerstag, 15. September 2016

    Die Katze setzt sich mitten in die Spüle und leckt die Tropfen, die aus dem Hahn herabfallen. Über zehn Jahre war ich nicht mehr in Prenzlauer Berg gewesen. Ich steige an der Schönhauser aus. Die Ladenlokale haben jetzt alle neue, anthrazitfarbene Fensterrahmen. Ich habe kaum Erinnerung an damals, es ist egal. Es ist weit über zehn Jahre her, daß ich mit Kasia und dem polnischen Kurierfahrer durch die Nacht nach Berlin fuhr, vom Kölner Hauptbahnhof aus. Es war Kasias Idee, S. zu überraschen, er hatte am nächsten Tag Geburtstag. Ich war bekifft und der Kurierfahrer fuhr wie ein gottloser Hurensohn, er hatte kein Gefühl für Beschleunigung und das Halten eines gemäßigten, gleichmäßigen Tempos, er fuhr ständig ekelhaft nah auf, bei Nacht, dann legte er sich voll ins Gaspedal, dann bremste er dümmlich, eine Katastrophe, so katastrophal, daß ich es heute noch weiß. Wir saßen zu dritt vorne, und ich konnte nicht wegdösen, weil immer in dem Moment, in dem sich die Muster auf den Augenlidern aufzulösen begannen und ich hinüberdriftete, rasten zwei verschwommene rotflammende Rücklichter auf mich zu. Heute weiß ich, daß ich damals ein bisschen verknallt war in Kasia, natürlich. Bei S. dann schliefen wir zu dritt in einem Zimmer. Ich auf der Matratze auf dem Boden, Kasia bei S. im Bett. Meine Dummheit, die an die Jugend gekoppelt war, schützte mich seinerzeit vor der Erkenntnis, wie deutlich mir da vorgeführt wurde, wie es aussieht.

    Gestern Abend nicht zur Anne Imhoff Sache im Hamburger Bahnhof. Begründung: ich wollte in der Dämmerung sitzen und Campari Soda trinken und Frauen gucken, nicht Körpern dabei zusehen, wie sie der Kunst zusehen, während alle wissen, daß man einander dabei zusieht.