• Donnerstag, 1. September 2016

    Ich lade R. zum Frühstück ein, sie sitzt bereits im Café, trägt ein schönes, dunkelrotes Sommerkleid mit einer schönen Knopfleiste. Von ihr geht wieder eine warme Strahlung aus. Die musste sie sich wieder zurückholen. Vor fast genau einem Jahr starb ihr Mann und sie war nicht mal 30 und Witwe. Sie erzählt mir, dass sie erst vor ein, zwei Wochen wieder angefangen hat, Musik zu hören. Bis dahin war alles zu viel. Wir gehen noch spazieren, sie erzählt mir, wie sich das Leben für sie wieder langsam entfaltet. Ich will sie die ganze Zeit fragen, wie es mit Männern ist, bin aber vorsichtig mit ihr und ich spare mir das. Am Abend bekomme ich über Telegram eine Nachricht von ihr: “Wenn du dich mit einer Frau triffst und ihr habt einen netten Abend, würdest du darauf warten, dass die Frau sich bei dir meldet oder würdest du dich bei ihr melden?” 

    Am Nachmittag langes Telefonat mit S. Ich kann mit S. recht gut – ich weiß nicht warum bzw. ich weiß wahrscheinlich doch warum – über meine Unfähigkeiten sprechen, sie kennt mich sehr lange, sie kennt mich nackt und sie kennt mich angezogen, ich muss meine Schwächen vor ihr nicht relativieren oder schönen, oder zivilisierter klingen lassen. Sie redet mir gut zu, was ich brauche, wofür ich ihr dankbar bin, aber das nicht sage, und sie muss nicht lügen oder übertreiben, das zu tun. Wir reden darüber, warum so viele Frauen knallhart kalkulierende kalte Materie sind und so viele Männer infantile romantische Trottel, die mit 40 wieder Skateboard fahren wollen. Schon gestern Morgen war es R., die voller Verachtung erzählte von den Männern, den jungen Vätern aus den Kitas, die ihre “Eier” verloren haben, was, wenn man wie R. viel in Kitas und derlei Zusammenhängen zu tun hat, eine häufige Beobachtung sein muss, so heftig, wie sie sich ekelt. Die Männer verlieren ihre “Eier”, während die jungen Mütter ihre Typen an der Kette haben und sich mit anderen Müttern über die neuesten Produkte der Firma BellyButton unterhalten, die sie kurzfristig auch zu Lebensinhalten machen. Es klingt alles brutal platt, aber R. versichert mir, dass es oftmals genau so abgehe dort, in diesen pastellfarbenen Höllen.

    Abends, zur Musik der Manson Family, Gedanken über die Ausführung einer Zeichnung von Dawn Wiener in der Heather Matarazzo Inkarnation. Fight Back/Never fight back

  • Dienstag, 30. August 2016

    Jeder, der sagt, er wisse genau, wie es einem anderen geht – schreibt Lucia Berlin – ist ein Idiot, und Morrissey sang schon vor zwölf Jahren “How Can Anybody Possibly Know How I Feel?”, denn “the only one around here who is me, is me”, also “when they are they, and only I am I”, und es stimmt, und wie ich hier, vom Tisch aus, durch die geputzten Fenster schaue, denke ich an den Zufall, daß ich am vergangenen Sonntag im Museum Ludwig – als Element der Großinstallation von Georges Adéagbo – einen kleinen Baby-Turnschuh auf einem Bettvorleger platziert sah, wo ich doch noch F. vor circa zwei Wochen in einer Mail beschrieben habe, daß Baby-Turnschuhe doch eigentlich unfassbare Objekte sind, irre nahezu. Jedes Mal, wenn ich so einen winzigen Baby-Sneaker sehe, scheine ich zu vergessen, daß es überhaupt Babies gibt, weil ich mich frage: WER soll denn diese winzigen Schühchen tragen? Bis es mir dann nach ein paar Sekunden einfällt: achso, Babies. 

  • Sonntag, 28. August 2016

    Aufzuwachen, den Morgen und seine wunderschöne Leere zu erkennen. Auf der Straße machen junge Leute einen Umzug, die Mädchen in Hotpants, die Jungen in Wife-Beatern. Wind leckt mir sanft über die Wange, und aus einem Fenster gegenüber kommt eine Musik – vielleicht zum ersten Mal überhaupt in dieser Straße – schön und mit langsamen Harmoniewechseln, und es klingt, wie das Aufglühen eines riesigen Glühdrahts klingen könnte. Stars Of The Lid?

    Die Italienerin, die meine Mitbewohnerin in den letzten beiden Tagen zu Gast hatte, war, glaube ich, eine sehr schöne junge Frau. Ich habe sie nur von hinten gesehen, ihre schwarzen schimmernden Haare, ihre gebräunten Schultern und wie der Knochen einen kleinen Schatten warf, in Tiefschwarz, wie bei De Chirico, gestern Morgen, als ich sie beide, vom Erkerfenster aus, das Haus verlassen und Richtung Neusser Straße gehen sah. Was führen solche Frauen wohl für ein Leben? Ich schaute noch ein wenig aus dem Fenster, und dachte eigentlich, an Nichts zu denken. Meine Neugier, die geräuschlos in mir arbeitete, hatte mich aber fast soweit, rüber ins Zimmer meiner Mitbewohnerhin zu gehen, um am Höschen der Italienerin zu riechen. Ich musste es nicht tun, denn es bedurfte anscheinend nur des Zeichens, an mich selbst, das meine Einstellung stimmte.