• Freitag, 26. August 2016

    Das Zimmer mit Hitze ausgeschlagen, kann ich kaum einschlafen. Der Nacht ohne Müdigkeit zu begegnen heißt, an einen Ort zu gelangen, der hell und mysteriös zugleich ist. Ich muss ein Glas Milch trinken. Auf der Straße ist es ruhig, wie in einem Kaminzimmer. Das fahle blaue Licht des Monitors kommt jetzt vulgär. Aber lesen kann ich auch nicht. Ich stelle den Wecker von 7:07 Uhr auf 8:29 Uhr. Aus irgendeinem Grund denke ich an einen Satz aus dem Lucia Berlin Buch, in dem sowohl Avocado- als auch Mangobäume vorkommen. Der Schluck Wasser, den ich nehme, schmeckt wie kaltes Metall, dann schlafe ich endlich ein.

    Vor genau zehn Jahren: der Papst unten auf der Straße, ich bin studentische Hilfskraft beim WDR, Lokalzeit Studio Köln. Den ganzen August 2006 in Katalonien mit A. und seinem Vater, in einem Dorf, auf einem Berg, Serpentinen, wie ein verendendes Tier um den Berg gelegt, und oben auf dem Berg: alle Geräusche von Moos gedämpft, und aus dem Nebel heraus mäht eine Ziege oder geht eine Kuhglocke. 

  • Mittwoch, 24. August 2016

    Vorletzte Woche, da wurden die Bäume in der Straße hier beschnitten. An den Ästen jetzt helle Punkte, Amputationsstellen. Durch die frisch geputzten Fenster flackern Schatten auf Fensterbank und Wand, die aussehen wie eines dieser Tarnnetze, die man über Panzer wirft. 

    Nach der Arbeit gestern rief ich meine Mutter an, um zu hören, ob es ihr gut geht, oder weil ich irgendwie merkte, das irgendwas war. Ich weiß, daß meine Mutter Dinge vor mir verheimlicht, weil sie mir keine Umstände machen möchte, oder nicht will, daß ich mir Sorgen mache. Ich weiß es so genau, weil ich auch so bin. Sie erzählt mir schließlich, daß sie eine, für die Verhältnisse meiner Eltern, recht hohe Summe an Steuern nachzuzahlen hätten. Es hinge wohl mit der Abfindung meines Vaters zusammen, der letztes Jahr in Rente ging. Ich frage nach, wie viel es ist. Dann frage ich, ob ich irgendetwas tun könne, und in dem Moment weiß ich selbst nicht einmal, was ich damit meine, oder was ich tun könnte. Ich hatte das Gefühl, ich müsse das jetzt einfach sagen, und auch meinen, und dann würde ich mir etwas einfallen lassen, irgendeinen Weg, um an Geld zu kommen. Ich merke, wie die Stimme meiner Mutter weich und dunkel wird. Ich weiß, das meine Mutter mich sehr liebt, und ich liebe sie auch, weil sie immer alles für mich getan hat, und tun würde. Ich darf darüber gar nicht so lange nachdenken, weil es mir zu viel ist, es wiegt Tonnen und ich liege unten. Es führt unweigerlich dazu, daß ich mich wie ein fundamentaler Verlierer fühle, weil ich jetzt 34 bin, lächerlich wenig Geld verdiene, trotzdem viel arbeite, das Gefühl habe, meinen Eltern absolut nichts bieten zu können, nicht mal so profane Hilfe wie: Geld. Deswegen habe ich Schuldgefühle und ich schäme mich natürlich auch. Es fällt mir schwer, Relativierung zu finden in etwas. Ich bin kaum optimistisch. Über die Zukunft weiß man nichts. 

  • Freitag, 19. August 2016

    Gestern besucht mich Lennard wieder im Atelier. Ich glaube, er besucht mich gerne dort. Wie ein neugieriger Nager lugt er durch die Tür. Es ist dieser erste, kurze Moment, bevor man die Aufregung – sozusagen – übertritt… dann grinst er boyish mit seiner Kinderbräune und erzählt schon vom Katamaran-Unfall auf dem Bodensee, den er erlebt hat. Später sagt er, er glaube, Geld sei nichts wert. Dann zeichnen wir Zigaretten, zwischen zwei Fingern gehalten. Zum Schluss macht er ein Lenin Porträt. Lennard ist sieben, und ich denke, Zigaretten und Lenin sind gute Themen für einen Siebenjährigen. Kuchen will er diesmal nicht, dafür eine Tüte Haribo Fantasia und eine Orangenlimonade. Lennard und ich müssen eine gemeinsame Zeichnung signieren, und ich frage ihn, ob er schon eine Unterschrift hat. Er sagt ja, es ist ein zusammengeschriebenes “Le”, und er schreibt es mir hin. Es sieht richtig gut aus, aber auch ein bisschen wie ein winziger Po, sage ich ihm, und da lacht er und sagt: stimmt.