• Sonntag, 31. Juli 2016

    “(…) This certainly afforded him plenty of time to figure out exactly where things had gone wrong, and he came to blame his obsession with keeping up – with technology, with the young, with culture – a pursuit that had replaced even artistic production as his chief occupation, filling the vacuum that had opened up when he had more or less stopped making art.” Seth Price, Fuck Seth Price, (Leopard, New York)

    Der Typ, der hier am letzten Julitag auf dem Bett sitzt, isst das von seiner Mutter selbstgemachte Erdbeereis mit der komisch akuten Besorgnis, eine der vielen Obstfliegen, oder eine andere Fliege, könnte ihm beim Eisessen direkt in den offenen Mund fliegen, so sehr fühlt er sich bedroht von dieser Vielzahl und somit Überpräsenz dieser fliegenden Kleinstviecher und deren als völlig unangebracht empfundenem Kreisen hier. Aber es ist wieder einmal nur eine fixe Idee, mit Liebe gemacht, aus Angst. Draußen hat es stark zu regnen begonnen, ein Hubschrauber ist in regelmäßigen Abständen zu hören. Drüben, am anderen Ufer des Flusses, wollen ein paar Tausend Türken die Todesstrafe wieder haben, aber nicht für sich selbst, sondern damit man sie ein paar anderen geben kann.

    Vor einer Stunde etwa, ich saß in einem Café und aß ein Stück Schoko-Kirschkuchen, las ich noch im Magazin SPIEGEL, Nummer 30, die schön dicke Überschriftenfrage, ob denn das Jahr 2016 vielleicht das schlimmste des 21. Jahrhunderts sei, also man scheint sich da bereits festlegen zu wollen, für eine sog. Zwischenbilanz, die aus der Ferne nähergeholt, wie Obsession aussah, als schwarzer Buchstabe auf weißem Grund. Es bleiben doch noch, ja wie, VIERUNDACHTZIG weitere Jahre  – potenziell hochzeitsfähig schlimm und …

    Ein paar Andere einer wiederum anderen politischen Neigungsgruppe sind ein paar Hundert Meter entfernt jedoch zu besoffen um noch zu protestmarschieren. Müde kucken sie ein letztes Mal starr in die schwarzen gläsernen Augen der supermodernen, dunkelblauen Wasserwerf-Fahrzeuge der Rheinland-Pfälzischen Polizei. Des Morgens noch hatte ich diese, auf einem Pressefoto – wunderschön – über die Deutzer Brücke Richtung Innenstadt im Verbund hingesteuert, gesehen. Aus dem Feuilleton-Teil einer gut zwei Wochen alten Frankfurter Allgemeinen Zeitung baut sich der Typ, der eben noch Eis aß, jetzt eine Mordwaffe für Fliegen und Mücken.

  • Mittwoch, 27. Juli 2016

    Montagabend den Film “Dark Horse” (2011) von Todd Solondz nachgeholt. Solondz ist – man könnte fast meinen – unamerikanisch in der Art, wie er den üblichen amerikanischen Hoffnungs-Primitivismus in die Ecke stellt zum Schämen, damit am Ende ein richtiger Film dabei herauskommt, der einem an die Organe geht. Die von halb- bis vollkaputten Menschen bewohnte Welt in Solondz’ Filmen ist nicht nur unfassbar komisch und “echthaft” (die Tanzszene gleich am Anfang von “Dark Horse”), sie ist auch nicht abgeriegelt gegen die üblichen und normalen und banalen Verkommenheiten und Grausamkeiten, die Menschen einander antun und sich somit vergiften, und ist nicht abgefedert durch die brutal konfektionierte Skurrilität, mit der gerade heutzutage Figuren in Filmen in ihrer Hohlkörperhaftigkeit vitalisiert werden sollen. Weit und breit keine superniedlichen Ryan Goslings und die ganzen anderen märchenhaften Kitsch-Irritationen, keine Betäubung, keine Belohnung, die einem eh nicht zusteht, und sicherlich kein Bouncer am Eingang der Welt, der lächelnd und mit ausgebreiteten Ärmchen sagt: “Da bist Du ja endlich!”

    An einer Stelle im Internettagebuch “Arbeit und Struktur” schreibt Wolfgang Herrndorf über das universelle Hadern, über die sog. Schicksalshaftigkeit (er nennt es natürlich nicht so) einer, wie in seinem Fall, tödlichen Erkrankung: man würde immer fragen: Warum ausgerechnet ich? Herrndorf schreibt, sinngemäß, die Frage müsse realistischerweise eher heißen: Warum denn nicht ich? Von dieser Plausibilität handeln die Filme von Todd Solondz. Am Ende von “Dark Horse” steht eine sehr stille Szene, kein Geräusch, keine Musik, nur ein Gesichtsausdruck und eine Kamera, die langsam aus der Einstellung herausfährt, während es einen selbst in die Sitzgelegenheit drückt. Es ist das Ende eines Liebesfilms. 

  • Dienstag, 26. Juli 2016

    “Galantes Verhalten ist nach beiden Seiten, zur Intimität und zur Geselligkeit hin, anschlußfähig.” N.Luhmann, Liebe als Passion, Kapitel 7

    Das dicke Buch, die “Geschichte der Sexualwissenschaft” von Sigusch, besitze ich seit Jahren, aber mehr als gelegentlich ein wenig hineinlesen habe ich noch nicht geschafft. Oft steh ich davor: yes, was für ein geiles Buch, das muss doch interessant sein, da steht ja quasi ALLES drinnen dann?

    So, und jetzt durch Umweg der Abstraktion zur Konkretion, dazu in die Rosenstraße. 

    Die Malerin Amy Sillman 

    und ihre Hunde:

    Stella und Omar