• Montag, 18. Juli 2016

    “Im Alltag werden Szenen situationeller Unangemessenheit nicht mit Geisteskrankheit in Verbindung gebracht.” G.Confurius, Ichzwang

    An der Südseite fällt kräftige Julisonne in die Malerschule, die man jetzt allmählich als Schlachtfeld erkennt: hier haben sich gestern einige bisschen gehen lassen, viele kaputte Bierflaschen, Scherben, Flaschenhälse und jetzt in der Sonne matt schimmernde Sekretpfützen, an den Wänden neue Schwänze in Blau und die üblichen Nullslogans. Die große Terrasse oben ist verblüffenderweise schon aufgeräumt. Ich stehe eine Weile da und dumpf weht der Sound der Kirmes am anderen Ufer herüber, eine riesige dunkelgraue Wolkenformation sitzt, von hier aus gesehen, dräuend auf dem dünnen Rand des Riesenrads wie ein amorpher Buddha, vor den Wiesen der Rhein wie Quecksilber. Später zieht der Schützenzug vorbei in Richtung Altstadt. Ein schöner Tag.

    Letzter Besuchertag also, ein älterer Herr aus Krefeld kommt ins Reden, ist sichtlich froh, mal ein bisschen seine Meinung abladen zu dürfen, ich hör mir alles an, seiner Frau ist es schon unangenehm (”Hans, nun komm…”), aber ich freue mich, lass ihn einfach reden, am Ende wünscht er mir “viel Erfolg”, “Danke” sage ich, ist doch klar, und bringe mit meinen Händen das Blumenbouquet in der Vase etwas zurück in Form. Abfahrt gegen 17.25h.

    Zurück in Köln spiele ich, zu meiner eigenen Überraschung, auf einmal Frisbee im Park und es macht mir irre Spaß und ich will gar nicht mehr aufhören, aber an den immer lustloser werdenden Gesichtern meiner jeweiligen Mitspieler merke ich, dass es Zeit ist, die Frage zu stellen: “haste noch Lust??” 

    Da, im Park, gibt es auch eine Art Muscle-Beach Sektion, wo junge und nicht mehr so junge Männer mit zum Teil freien Oberkörpern irgendwelche Übungen machen in unterschiedlichsten Ehrgeiz- und Show-Off-Graden. Es kommt zu einer interessanten, irgendwie unstimmigen, aber bezeichnenden Szene: ein junger, verschwitzter Vater in greller Sportkleidung, der sein Baby in einem Tragetuch vor sich auf der Brust trägt, möchte sich in einer High-five Art von einem tättowierten Hardbody mit Rauschebart verabschieden, der zuvor freien Oberkörpers einige beachtliche Übungen an so Reckstangen vorgeführt hatte, und diese Verabschiedung funktioniert nicht auf Anhieb, es ist, als müssten sich beide kurz irgendwie orientieren, adaptieren, wie bei einer weniger routinierten Luftbetankung. Dass Frauen Männer nicht ständig auslachen für ihre ständigen Angebereien und Durchdrungenheiten, ihre Herrenlaunen, wie es Adorno erklärt, ist eigentlich extrem verwunderlich, aber Perzeptionsgeschichte ist natürlich wieder ein anderes Thema. 

  • Samstag, 16. Juli 2016

    “die Putschisten verhängten das Kriegsrecht” FAZ.net, 15.07.2016, abends

    Da platzt auf einmal Mary’s Bubblegum, als sie die Panzer übern Hügel kommen sieht. 

    Heute morgen ist ein Stich Senfgelb in den Wolken, die Erdbeerenzeit ist vorbei, die Kirschenzeit hat begonnen.

    Mir geht’s – soweit – gut, Danke, ich bin ja jetzt staatlich anerkannt. 

  • Dienstag, 12. Juli 2016

    “Payback-Karte?” – “Nein”, gebe ich zur Antwort in den Kassenbereich zurück, nahezu jeden Tag, seit gefühlt zwei Jahren, mit der Überzeugung von Jemandem, der niemals zu konvertieren vorhat. Warum eigentlich? Gegen Geldsparen beim Einkaufen ist erstens nichts einzuwenden, zweitens: wenn es mir die REWE Gruppe doch anbietet? Ich kann es nicht. Ich weiß nicht mal, wie man eine Payback-Karte bekommt. Wahrscheinlich muss man sich im Internet irgendwo anmelden und….. da bewegt das Rollband mein Schälchen Erdbeeren sachte von links nach rechts.

    „Ich hasse Bonn“, sagte der Künstler nach Medienberichten.

    Gestern Abschlussprüfung Akademie. 30 Minuten lang Text aus dem Kopf sickern lassen, während da ruhig und klar die Bilder an der Wand hängen und keinen Mucks von sich geben, und doch labern sie ja auch. Vor mir stehen Marcel Odenbach, Katharina Grosse und Robert Fleck und nehmen sich Zeit für mich. Eigentlich eine zärtliche Situation. Kann hinterher nicht sagen, ob “okay” oder dumm. Neu war für mich: keine Angst vorher, sondern Vorfreude! Als affirmatives Bonbon des Gehirns? Überheblichkeit oder ein Ruhepuls ausgelöst durch die empfundene Richtigkeit und Fälligkeit der Situation? 

    Zu spät. Bestanden.

    Im Zug von Köln nach Düsseldorf erzähle ich Odenbach von der wahnsinnigen Geschichte, die ich in der New York Times tags zuvor gelesen hatte: Der bekannte Maler Peter Doig muss vor einem Bezirksgericht im Norden des Bundesstaates Illinois beweisen, daß er ein bestimmtes Bild vor 40 Jahren NICHT gemalt hat. 

    Jetzt geht’s hier weiter mit: Leben