• Sonntag, 26. Juni 2016

    Gestern sah ich auf einem tumblr Blog ein Foto von einem Obstkarton kalifornischer Erdbeeren, die waren alle gesund rot und faustgroß, es raubte mir den Atem. Ich schreibe das, weil ich mein Frühstück umstelle. Weniger Brot, mehr Joghurt mit Erdbeeren.

    Früher, als ICQ ganz neu war und alle erregt bibberten ob der Vorstellung, in Echtzeit miteinander chatten zu können, hieß mein Account bei ICQ Hülsenfrüchte, Go Away. Eine ostentative Ablehnung von speziell Erbsen war driving force hinter diesem Namen. Man muss bedenken: ich war um die 20, also ahnungslos. Heute esse ich Erbsen, manchmal sogar kalte.

    Ebenfalls manchmal kaufe ich beim “Gemüse-Iraner” bei mir um die Ecke eine halbierte, 30 cm lange Papaya, Elfenbeinküste, und der Iraner sagt: 6 Euro bitte und ich freue mich des Lebens und lasse die Scheinchen auf den Marmor segeln… in solch raren Momenten weiß ich, daß ich es richtig mache. Grade dann, wenn man eher weniger Geld hat, muss man an ausgewählten Punkten des Lebens, die auch nicht allzu selten ausgewählt werden sollten, an der Exklusivität der Dinge teilhaben, sonst wird man so jemand, zu dessen Beerdigung keiner kommt, nur ein paar Tauben, und die nicht mal wirklich bewusst. Die hängen da zufällig ab. Bitter. 

    Die Guyabano-Frucht spielte auch mal eine kleine Rolle in meinem Leben, aber das ist eine andere Sache.

  • Freitag, 24. Juni 2016

    Ich hing gerade im Dunkeln zur Musik jaulender Böen die Wäsche auf, da sah ich durch die weisse halb-opake Gardine die Blitze in der Ferne, Richtung Nordwest. Kein Donner war zu hören. Ich roch an der frischen Wäsche und sah den Blitzen zu, und hoffte, dass sie näher kämen. Sie kamen nicht. 

    Jetzt, während ich diesen Text schreibe, kommt die Meldung vom Rücktritt David Camerons, draußen türmt sich der Lärm auf, jetzt kommt ein Straßenreinigungsfahrzeug vorbei, gleich wird unten im Nebenhaus wieder gehämmert werden, meine Nachbarn knallen alle die Türen, und würde man mich jetzt fragen: ich würde die EU sofort verlassen, aus reiner Genervtheit. Manche Experten, lese ich, behaupten, auch die Briten verlassen die EU aus Genervtheit. 

    Der UKIP-Vorsitzende Nigel Farage wird zitiert mit der Aussage, das nunmehr beendete Referendum sei ein “Sieg für den anständigen Bürger”, und ich habe kurz das Gefühl, wenn ich noch einmal diese unendlich leere und schleimige und letztlich moralisierende Lüge vom kleinen Mann auf der Straße/Anständigen Bürger/Ehrlichen Arbeiter höre, muss ich, wie Gauguin, nach Tahiti, um mich zunächst etwas zu schütteln, damit die Pickel abfallen, und dann geht es dort nur noch um die Namen des Mondes und nicht um den anständigen Maori von der Straße und die da oben

    Der Tod von Wolfgang Welt ist nicht an mir vorbeigegangen. Ich weiß noch, dass ich mit Marc in einer angenehm bizarren Eisdiele im Stile der 90er Jahre in Berlin-Hermsdorf saß und mir Marc erst mal erklären musste, wer Wolfgang Welt war und was man zu lesen hatte und kurz darauf kaufte ich “Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe” und danach alles andere und ich las alles schnell weg. Man liest über dieses beschädigte Leben eben nicht, wie man sprichwörtlich langsam an dem Autounfall vorbeifährt. Man liest über ein Leben, das – selbst wenn nur einmal geführt auf der Welt – gültig dasteht, klar und ohne Pointe und wahrscheinlich: wahr. 

  • Donnerstag, 23. Juni 2016

    Ich lege die in feine sandbraune Leinen gebundene Ausgabe von Noa Noa links neben mich auf die Bierbank, schaue in den Himmel, der gestern sehr weiß war und heute etwas weniger. Vorne im Buch die Notiz einer Zueignung: Von Deinem Bruder zur Weihnacht 1928. Rechts von mir liegt das iPhone, mit dem Display nach oben, in dem sich die schwankenden Silhouetten der Bambusblätter spiegeln. Der FAZ-Artikel, den ich zuvor darauf gelesen habe, ist von der Natur überdeckt…

    “Eines Tages gab ich Jotépha meine Werkzeuge und forderte ihn auf, etwas zu schnitzen. Erstaunt schaute er mich erst an und sagte schlicht und treuherzig, ich sei nicht wie die andern, ich verstände Dinge, zu denen andere Menschen unfähig wären. Ich glaube, Jotépha ist der erste Mensch, der mir das gesagt hat – es war die Sprache des Kindes, denn man muß eins sein, nicht wahr, um zu glauben, daß ein Künstler – ein nützlicher Mensch sei…” Paul Gauguin, Noa Noa, Bruno Cassirer Berlin, 1925. Übersetzt von Luise Wolf