SHORT CUT
Gestern erst, fiel mir eben dann noch ein, als Antwort auf meine an mich selbst gerichtete Frage. Gestern erst war es zuletzt gewesen, dass ich dachte: es ist nicht mal Zwölf und ich hab schon wieder Sachen GESEHEN bis dahin, es ist der Wahnsinn. Es ist auch ein ZUVIEL.
Also gestern, da stand ich gerade an der Kasse im Ehrenfelder REWE, und vor mir ein Mann, dessen Jeans extrem tief, nein, anders, dessen Jeans gerade s o noch, unterhalb seines aufgeblähten, fassartigen, gestauchten French-Bulldog-Rumpfes, unerklärlicherweise, irgendwie, einen Halt fand, sein behaarter Männerarsch dennoch großflächig, um nicht zu sagen nahezu ganz entblößt, und natürlich musste er sich dann noch hin bücken, nachdem er seine Waren bezahlt hatte, und mein ganzes Sichtfeld, der ganze Eingangsbereich des REWE war mit seinem haarigen Arsch gefüllt, was mir, darum hatte ich fast loslachen müssen, wie die logische, aber dennoch unerwartete punch line des bisherigen Vormittags vorgekommen war, dieses bisweilen langatmig, dafür nicht minder hysterisch sich hochschraubenden Gags, den man nennt: Öffentlichkeit. You never see it coming, really. Ich sehne mich nach der Privatheit, die das Fahren mit dem Auto bietet, fühle mich in Sachen ÖPNV jetzt genug als Kind ins Fass gefallen, um ein paar Jahre Pause zu machen.
Eben dachte ich es wieder. Da saß am Rande des Ebertplatz, wo die paar Stufen sind, runter zur Ecke, wo die Dealer sind, ein wirklich massiver Mann, ein auf diese amerikanische Art immobil verfetteter Mann, von denen man in traurigen kleinen Zeitungsmeldungen liest, man habe die Hilfe von Baufahrzeugen heranziehen müssen um usw. Der jung aussehende Mann saß da auf nacktem Stein mit seinem Hosenboden, die Beine von sich gestreckt, ein enormer, verloren gegangener 250kg-Säugling, und die Sonne beschien dieses Bild zu einem merkwürdigen Effekt. Wieder so ein Wahnsinn.
Direkt dahinter, obwohl strahlend rot und groß, bemerkte ich erst diverse Momente später den geparkten Rettungswagen, und da saßen auch zwei Sanitäter einen Meter neben ihm, auf einem Mauervorsprung, alle drei scheinbar in ruhigem Gespräch, man sah Kabel vom Mann zu einer tragbaren Maschine führen, die zwischen ihnen auf dem Boden stand, in einer Kunststoff-Verschalung, dessen sanfter, friedlicher Beige-Ton vielleicht den Effekt haben möge, alle Gedanken von jedweden Vorstellungen von Lebensbedrohlichkeit fernzuhalten.
Was aus diesem tableau auch herauszulesen war—in der Art, wie die Körper der Sanitäter geneigt waren im Sitzen, im Sprechen mit dem Mann, das ruhig und routiniert wirkte selbst aus der Ferne, mit dezenten, beschwichtigenden Handgesten—war, dass der Handlungsspielraum dieser drei, in dieser Konstellation und an diesem Punkt jedoch erschöpft schien.
Während diese Sache also irgendwie weiterging, und ich dessen Entwicklung nicht mehr mitbekam, ging ich Richtung U-Bahn, am Brunnen vorbei, an dem ein Greis sich in genau diesem Moment schwerfällig hinkniete, etwas Wasser mit der Hand aufnahm und es sich, kaum hatte er sich wieder mühsam aufgerichtet, in seine silbernen Haare schmierte wie Pomade.
Eine müde Phase des Sommers. Im Atelier mache ich wenig, ich zögere viel, hoffentlich zielgerichtet, lese eher. Das geistige und praktische Zentrum der Atelieraktivitäten der letzten zwei Wochen bildet mein 20-25-minütiger Mittagsschlaf, auf den zwei Yogamatten. Schlafe sehr gut auf dem Boden.
Wo ist der Lappen-sur la chaise.