• Fr, 21.6.2024

    IM SCHLANGENHAIN

    Das schön-Schöne am FRÜHEN ZUG: das frühe Aufstehen tut gut, sofort wach sein, weil ich muss, und Wachheit ist wie eine Benommenheit, so wie Nüchternheit eine Sensation ist. Oder so. Jedenfalls steht man auf, und man hat dieses Programm, der Ablauf ist klar, ein angenehmer Druck klarzukommen, denn der Zug wartet nicht auf einen, der sagt goodbye Hurensohn, wenn du dir zu lange ein Hemd aussuchst, oder diesem kranken Drang nachgehen willst, noch möglichst viele Kleinigkeiten, für die man die Woche über zu träge war, perverserweise JETZT zu machen, Müll sortieren, neue Schnürsenkel einbauen, oder gar die Fenster putzen, durch die man den bereits den MORGEN seine rosa Wangen zeigen sieht. Und wie ich dann aus dieser Benommenheit erwache, zu mir komme zum ersten Mal an diesem Morgen, da sehe ich vor mir: meine Füße, wie sie über Berliner Pflaster gehen. Ich bin da.

  • Do, 20.6.2024

    AUS DEM ITALIENISCHEN VON ANDREAS HIEPKO

    Mittwoch. Der Fußball, er ist auf der Straße angekommen. Mir begegnen Schotten, zu zweit, zu dritt, Mann und Frau, drei Männer oder vier Männer, oder nochmal anders, wie gestern, als vermutetes lesbisches Paar. In allen Konstellationen tragen sie ein schottisches Trikot, mancher Mann auch einen Kilt mit den richtigen Strümpfen dazu. Heute wollen sie die Schweizer besiegen. (They didn’t. 1:1)

    Die ganze Stadt verarbeitet den Besuch der Fußballtouristen, hält uns busy auf eine angenehme Art. Auf den Ringen kommen mir zwei Trunkenbolde, die zur Junkycrowd auf den Ringen zählen, entgegen und im Vorbeigehen höre ich, wie der eine auf den anderen einredet: Schotten, nicht Engländer, SCHOT-TEN. Ein Bruder im Geiste der Wahrheit. Mit ihm bin ich in diesem Moment, zumindest g a n z kurz, enger zusammengerückt.

    Im englischen Fußball-Podcast, nein, Plural: in den Podcasts, werden die jeweiligen Korrespondenten aus den Spielstädten hinzugeschaltet, und neben dem Fußall selbst ist ein Thema immer wieder fresh: der katastrophale Zustand der Deutschen Bahn, den manche der Briten, da sie den Vergleich zu 2006 noch heranziehen können, mit Erstaunen erleben und im Tonfall What happened!? ihre Augenzeugeberichte vortragen. Auch Mitleid liegt in ihren Stimmen. Tja.

    Donnerstag. Jetzt sitze ich in einem Zug des besagten Unternehmens. Als ich um 5 Uhr aufstand, lag die Sonne noch im Grase und schickte, von dort unten, Lichtstrahlen schräg auf die Unterseite der Wolken, die wie mit einem satten Pigment gepulvert aussahen, das die Farbe ausglühender Kohlen hatte.

    Auch hier, jetzt früh morgens im Zug, sind die Schotten in ihren Trikots. Ich sah sie, vom BordBistro kommend, kaputt und k.o. in ihren Sitzen schlafen, ganz lieb, manche, echt wahr, in Schottendecke gehüllt, fast alle mit offenen Mündern. Takes a level of dedication to do this kind of work.

  • So, 16.6.2024

    FLOWER OF SCOTLAND

    Langsam wieder reinkommen.

    Sonntagstreff mit dem Anwalt, m e i n e m Anwalt. Zuerst wollte ich zu Fuß hin, aber der schwermetallig verhangene Himmel an diesem, einem weiteren merkwürdigen Vormittag im merkwürdigen Juni, verneinte. Die Sonne zeigt sich wie eine, die sich ständig in der Türe irrt.
    Gespräch über Beziehung. Je detaillierter es wird, desto stärker breitet sich in mir (immer wieder) der Eindruck aus, dass ich wirklich überhaupt nichts weiß, obwohl mir alles bekannt vorkommt.

    Der schottische Akzent. Versuchte, vor dem Spiel einem Interview mit Ally McCoist zu folgen. No Chance.
    Ich denke außerdem an Pat Nevin, der Pop-Fußballer, von dem es heißt, er habe mal seinen Trainer gebeten, ihn bei einem Vorbereitungsspiel früher auszuwechseln, damit er zu einem Konzert der Cocteau Twins fahren könne. LEGEND.

    Letzten Donnerstag war der erste Todestag von Cormac McCarthy. 8766 hours later.

    Oneohtrix Point Never – Describing Bodies