• Sonntag, 3. April 2016

    Seit Wochen klebt der breiige Kadaver eines Silberfischchens an der Wand, direkt hier, ca. 50 cm neben dem Monitor, auf dem der Text zu sehen ist, den ich gerade schreibe. Ich hatte das Tierchen, dessen Geschlecht ich nicht kenne, mit meinen zerschlissenen Alpargatas plattgeklatscht, also mit einem Schuh, man haut doch nicht mit einem Paar Schuhe auf ein Insekt ein? 

    Die Alpargatas sind seit zehn Jahren in meinem Besitz. Ich glaube, ich habe sie seiner Zeit in Katalonien gekauft, August 2006. Vier Wochen verbrachte ich in einem Bergdorf mit dem Namen Ballestar. Mit dem Auto jedes mal Todesangst, die kurvigen und extrem schmalhüftigen Serpentinen hoch, Dutzende Male sah ich uns schon die Abhänge runterstürzen, unten, im duftenden Schatten von Pinien unsere breiigen Kadaver, plattgeklatscht von der allmächtigen Lenkerin’ Schnürchensandalen, die kein Zalando je liefert. Tagsüber sephardische Musik oder Ricardo Villalobos und ewiger Kaffeedurst, die Landschaft entweder sienabraun oder dunkelgrün. Olivenhaine. Entonces…

    Abends war es dort so still, daß man meinen konnte, die Stille saugt einem selbst noch Restgeräusche ab, um sie, wie eine Dampfwalze, einzuebnen in die Bergstille. Morgens wehten matte und extrem weiche Glocken aus dem Tal, Ziegen, Rinder. 

    Warum klebt das Silberfischchen immer noch da? Ich weiß es nicht.

  • Samstag, 2. April 2016

    Obdachlose, Säufer, Junkies in den Bahnen und Zügen, die so stark riechen nach eingewachsenem Schweiß, Pisse und Talg, daß man Beklemmungen bekommt. Rötlich abstrahlende Gesichter und Augen so glasig und leer, wie aus Gallertmasse geformt und in den Schädel geboxt. Gegen das auf Dauer mordende Alleinsein hat man einen anderen Säufer mit dabei, oder einen sanften Hund, der einfach überall schlafen kann, und das auch tut. Aus aufgedunsenen Alkoholikerhänden frisst der Hund die Hundesnacks. Kaputte und vulgär ausgeleuchtete Welt der Untergrundfortbewegung.

    Oben scheint immerhin die Sonne, eine gute, sachliche Frühjahrssonne. Der Deutsche als solcher konnte gestern nicht anders und tat, was der Deutsche immer tun muss, wenn mal länger als 5 Stunden die Sonne scheint und es April geworden ist: er fängt an, sich auszuziehen und er fängt an, zu grillen. 

  • Freitag, 1. April 2016

    Bohrlärm und kalter Sonnenschein. Außerdem zum Frühstück: selbstgemachtes Müsli von Petronella, mit Joghurt, dazu Kaffee (Chicco d’oro mit 200ml Milch). Seit gut einer Woche gesteigerte Müdigkeit, gestern und vorgestern Probleme ausgerechnet mit dem Einschlafen. Mein Schwanz sagte dann: spiel doch mit mir. Ich konnte mitten in der Nacht dann auch kein Gegenargument finden. 

    “Ein Froschfilm wird gezeigt” hatte Max Goldt einmal bei einer von sicher Dutzenden Lesungen, die ich besuchte, als Zugabe gegeben. Ich weiß noch, daß ich genau daran dachte, als im September 2012 in Italien ein kleiner Frosch regelmässig neben der Eingangstür zu unserer Wohnung saß. Es war bereits dunkel, ein frischer Wind fegte trockene Blätter über die kleine Terrasse und machte dieses kratzende, scharrende Geräusch, das sich mit dem Geräusch von Windböen abwechselte oder mischte. Ich weiß noch genau, wie ich da saß, die Lampe der Terrasse an, schon hinter der kleinen Treppe, die zur Terrasse hinauf führte, riß die schwarze Nacht ihr unfassbares Maul auf.

    Ich las im “Johann Holtrop” von Goetz, das kurz vorher erschienen war. Dann sah ich irgendwann zum kleinen Frosch herüber und sagte zu ihm: “Hier gibt es nichts für Dich.” Seine schwarzen mottengeilen Äuglein gaben nichts Preis. Ich hoffe, ich habe dem Frosch nichts genommen von der Welt, die er für sich erschlossen hatte bis zu diesem Zeitpunkt, auf der Terrasse, in tiefschwarzer toskanischer Nacht. Lächerlich, ja unglaubwürdig viele Sterne waren zu sehen.