• Donnerstag, 31. März 2016

    Es heißt, Romane mit romantischer Handlung verkaufen sich am besten in diesen Zeiten, auch der Absatz von Fleischbällchen sei ungebrochen, ja steigend. 

    An einem frühen Morgen in jenen Zeiten, es ist 3:23 Uhr, wache ich auf, obwohl ich todmüde bin. Ich drehe mich noch ich weiß nicht wie viele Minuten hin und her, dann stehe ich in der Dunkelheit auf, gehe in die Küche, mache mir ein Toast und trinke ein kleines Glas Milch. Ich kucke an meinem karierten Pyjama herab und bin 13 Jahre alt, denke ich. Während das Brot von den kleinen, gebogenen Glühdrähten bestrahlt wird, gehe ich in mein Schlafzimmer zurück und öffne das Fenster. Die Nacht, oder der frühe Morgen, ist still. Kein Wind. Der Regen ist fein und nieselig, wenn man gut hinhört, hört man sein feines Rauschen. Links fließt der Fluß. Kein Meer, das daliegt, wie Nudeln aus Gold und Silber. Kein halbverdauter Dampferleib lag schwappend in der See. Ich hoffe, F. schläft gut, ich hoffe, der Geruch von regennasser Luft never stops, und bald schlafe ich ein und bin aber sicher: Votze schreibt man mit V, steht so bei Goethe, steht so bei Büttner, also was soll der Zirkus?

  • Montag, 28. März 2016

    Madonna’s neuer Toyboy wird wach: die Perlhühner im Garten. “Yikes” denkt er, hart. Weissgelbe Streifen von Licht teilen das Zimmer, dunkel schimmern die Areale des hochflorigen Teppichs mit Nassschmutzresten, ferner Details des vorherigen Abends: Gleitmittel, Koffeintabletten, Sportsocken, das Bandana, über den Eames gelegt, schimmert gülden schwarz im Lichtkegel. Madonna, die in Wirklichkeit anders heißt, knuspert die Äuglein auf, streckt ihre Arme aus, verdreht spielerisch dabei die Handgelenke, “wie ein Mädchen”, denkt der Toyboy seinsvergessen. Von Gatorade-Durst getrieben schlüpft er in eine schwarze Sporthose, lässt das Gummiband erst an den Innenseiten seiner Zeigefinger entlangschlingern, dann, auf der Höhe der Hüftknochen, lässt er sie kreativ losflitschen. Madonna, die jetzt auch wach ist, sich aber noch expandiert im Bett wie Jemand, der schon alles, was zu tun ist, gestern erldigt hat, quittiert das mit einem millionenschwerem Lächeln.

    Über der Portobello Road schieben sich dicke Wolken gegenseitig weg, ein ultralangsamer troposphärischer Pogo, hinterlegt mit hellstem Blau, nach Regen sieht es nicht aus. “Lust auf ein Handballgame?” fragt mit sanfter Stimme der Toyboy Madonna. “Spielen jetzt oder watchen?” fragt Madonna, mit der rechten Hand blind nach Kippen greifend auf dem Kommödchen. “Nee, watchen, ach weisste was, war blöde Idee”, winkt entschuldigend ab der Toyboy. “Nee, ach”, sagt Madonna, dabei etwas jaulend, weil sie im selben Moment einen tiefen Zug von der Marlboro nimmt. “Meinst du, Gays können mich wieder lieben, wie sie Barbra Streisand lieben?” fragt Madonna, die Augen feucht, vom Schlaf? “Du, sehr gute Frage, aber ich bin eine knallige Heterobombe, ich mein’ kuck mich an, kann das garnich einschätzen”, sagt der Toyboy. Verlegen nestelt er am Bandana, das noch über dem Eames liegt. 

    “Heute Abend muss ich wieder besoffen performen”, sagt Madonna, die Arme verschränkt, “is so.” “Vertragspflicht oder?”, fragt der Toyboy. “Ja, total”, trotzt sich Madonna ab, mittlerweile die zweite Marlboro. “Immer irgendwie Guy, der Hurensohn, usw, torkeln, vielleicht mal ne Titte, ganz ehrlich: würde lieber im Bett bleiben und bisschen Wikipedia lesen, “zufälliger Artikel”, liebe das”, und bei dem Wort “liebe” ein sanftes Idol-Lächeln, weich und 100% authentisch. “Dir auch schon aufgefallen, daß “authentisch” dann doch von vielen Menschen benutzt wird, die’s eigentlich besser wissen sollten, ich mein’, WIE durchgebumst und in den Straßengraben geworfen das Wort ist?”, sagt mit in die Ferne gerichtetem Blick der Toyboy. “Horror”, sagt Madonna.

    In die darauf folgende Stille puckert der Klang eines rebellischen Herzschlags. Madonna wird in jenem Moment klar, daß ihr grade, in dem Moment, ALLES klargeworden ist. Wie das Konzept einer Geschichte, einer fortlaufenden Narration, mit mehr oder weniger linearen Kausalitäten und allem Pipapo, kaum anzuwenden ist auf das Menschengewusel hier, daß vielmehr Mengengebilde von Einzelinteressen, strategischen Sich-Positionierungen und angelerntem Verhalten in Krisenmomenten (Eifersucht, Neid, Verkommenheit) zu dem führen, was man hinterher, “zusammenfassend” und sich dem annähernd, in die Erzählform überführt. “Hoffnung ist ein Begriff aus dem Marvel-Universum”, denkt Madonna, “das war mal anders, oder?” Mit Zorn und Wehmut denkt Madonna an die Zeit, in der man dem Leben nicht gegenüberstand, wie einem Versprechen eines Junkies. Für den Toyboy, gedanklich verstrickt in andere Netze, steht mittlerweile bombenfest: “morgen fang ich mit Rauchen an“. Irgendwo gewinnt ein Tennis-Pro ein Tennisturnier, schläft ein Mensch über einer Kolumne von Katja Petrowskaja ein…

  • Dienstag, 22. März 2016

    Es ist der 22. März. Kurz- und wahrscheinlich auch langfristig, wird dies der Tag sein, den man als den “Tag der Brüsseler Attentate” benennen wird. Alle anderen Ereignisse werden, zumindest in dem, was wir Nachrichten nennen, peripher erscheinen, bis hin zur Nichterwähnung untergehen im Meldungsstrom. Die kommenden Tage sicherlich. Die Zeit wird anders geschnürt in diesen Tagen. Es haben andere Dinge stattgefunden, sind passiert, haben sich ereignet, Einfluss genommen auf Leben. Menschen werden geheiratet haben, Babies geboren worden sein, Menschen gestorben sein, Menschen vielleicht den schönsten Tag seit langem erlebt haben, wenn sie ihre Grenzen um den eigenen, privaten Tag ziehen, und nicht, wie ich jetzt, Nachrichten sehen, auf Webseiten gehen, von Zeitungen, von Agenturen, der 22. März 2016. Die Welt, das ist heute nachrichtentechnisch zumeist Belgien, für mich, für uns Westeuropäer. 

    Gegen 13.30 Uhr erreichte ich heute das Atelier, das ich angemietet habe, in der Stadt, in der ich lebe, und für die kommenden sieben Stunden waren die Ereignisse von Brüssel für mich nicht existent, keine Sekunde habe ich daran gedacht, als ich, es ging ja alles weiter, im Atelier war. Ich hatte für gut drei Stunden Besuch von Lennard, 7 Jahre alt, der Sohn eines Bekannten von mir. Eigentlich wollte ich der Frau, die ich so mag, von der Zeit heute mit Lennard berichten. Ich habe mich mit Lennard über Wassertürme und Cowboystiefel unterhalten, denn wir wollten ein Bild malen, oder zwei, für einen Freund seines Vaters, der auch ein Freund von mir ist, und der bald Geburtstag feiern wird. Lennard stellte mir eine Frage zur Verdrängung von Wasser und Luft, und ich erzählte ihm von der ungeheuren Kraft, die eine Wasserstoffbombe freisetzte, wenn sie explodierte, aber auch da hatte ich Brüssel schon nicht mehr im Kopf, das Wort “Bombe” auszusprechen löste nichts aus, über die Wucht einer Explosion zu reden, führte nicht dazu, daß aus dem Äther eine Gewissheit wie ein Blitz herabfuhr, mich an das zu erinnern, was noch am selben Morgen geschehen war, wenige Stunden vorher, ca. 200km von hier entfernt. 

    Erst als ich eben, kurz bevor ich anfing, diesen Text, der hier Zeichen für Zeichen direkt vor mir entsteht, zu schreiben, wurde mir klar, wie absurd es war, anzunehmen, daß die Frau, die ich so mag, an den schönen Dingen, die Lennard heute gesagt hatte, und die ich mir extra gemerkt hatte, interessiert war. Heute interessiert war. Heute war verloren, und Heute ist fast vorbei.