Madonna’s neuer Toyboy wird wach: die Perlhühner im Garten. “Yikes” denkt er, hart. Weissgelbe Streifen von Licht teilen das Zimmer, dunkel schimmern die Areale des hochflorigen Teppichs mit Nassschmutzresten, ferner Details des vorherigen Abends: Gleitmittel, Koffeintabletten, Sportsocken, das Bandana, über den Eames gelegt, schimmert gülden schwarz im Lichtkegel. Madonna, die in Wirklichkeit anders heißt, knuspert die Äuglein auf, streckt ihre Arme aus, verdreht spielerisch dabei die Handgelenke, “wie ein Mädchen”, denkt der Toyboy seinsvergessen. Von Gatorade-Durst getrieben schlüpft er in eine schwarze Sporthose, lässt das Gummiband erst an den Innenseiten seiner Zeigefinger entlangschlingern, dann, auf der Höhe der Hüftknochen, lässt er sie kreativ losflitschen. Madonna, die jetzt auch wach ist, sich aber noch expandiert im Bett wie Jemand, der schon alles, was zu tun ist, gestern erldigt hat, quittiert das mit einem millionenschwerem Lächeln.
Über der Portobello Road schieben sich dicke Wolken gegenseitig weg, ein ultralangsamer troposphärischer Pogo, hinterlegt mit hellstem Blau, nach Regen sieht es nicht aus. “Lust auf ein Handballgame?” fragt mit sanfter Stimme der Toyboy Madonna. “Spielen jetzt oder watchen?” fragt Madonna, mit der rechten Hand blind nach Kippen greifend auf dem Kommödchen. “Nee, watchen, ach weisste was, war blöde Idee”, winkt entschuldigend ab der Toyboy. “Nee, ach”, sagt Madonna, dabei etwas jaulend, weil sie im selben Moment einen tiefen Zug von der Marlboro nimmt. “Meinst du, Gays können mich wieder lieben, wie sie Barbra Streisand lieben?” fragt Madonna, die Augen feucht, vom Schlaf? “Du, sehr gute Frage, aber ich bin eine knallige Heterobombe, ich mein’ kuck mich an, kann das garnich einschätzen”, sagt der Toyboy. Verlegen nestelt er am Bandana, das noch über dem Eames liegt.
“Heute Abend muss ich wieder besoffen performen”, sagt Madonna, die Arme verschränkt, “is so.” “Vertragspflicht oder?”, fragt der Toyboy. “Ja, total”, trotzt sich Madonna ab, mittlerweile die zweite Marlboro. “Immer irgendwie Guy, der Hurensohn, usw, torkeln, vielleicht mal ne Titte, ganz ehrlich: würde lieber im Bett bleiben und bisschen Wikipedia lesen, “zufälliger Artikel”, liebe das”, und bei dem Wort “liebe” ein sanftes Idol-Lächeln, weich und 100% authentisch. “Dir auch schon aufgefallen, daß “authentisch” dann doch von vielen Menschen benutzt wird, die’s eigentlich besser wissen sollten, ich mein’, WIE durchgebumst und in den Straßengraben geworfen das Wort ist?”, sagt mit in die Ferne gerichtetem Blick der Toyboy. “Horror”, sagt Madonna.
In die darauf folgende Stille puckert der Klang eines rebellischen Herzschlags. Madonna wird in jenem Moment klar, daß ihr grade, in dem Moment, ALLES klargeworden ist. Wie das Konzept einer Geschichte, einer fortlaufenden Narration, mit mehr oder weniger linearen Kausalitäten und allem Pipapo, kaum anzuwenden ist auf das Menschengewusel hier, daß vielmehr Mengengebilde von Einzelinteressen, strategischen Sich-Positionierungen und angelerntem Verhalten in Krisenmomenten (Eifersucht, Neid, Verkommenheit) zu dem führen, was man hinterher, “zusammenfassend” und sich dem annähernd, in die Erzählform überführt. “Hoffnung ist ein Begriff aus dem Marvel-Universum”, denkt Madonna, “das war mal anders, oder?” Mit Zorn und Wehmut denkt Madonna an die Zeit, in der man dem Leben nicht gegenüberstand, wie einem Versprechen eines Junkies. Für den Toyboy, gedanklich verstrickt in andere Netze, steht mittlerweile bombenfest: “morgen fang ich mit Rauchen an“. Irgendwo gewinnt ein Tennis-Pro ein Tennisturnier, schläft ein Mensch über einer Kolumne von Katja Petrowskaja ein…