Als D. noch seine Kneipe in dem Teil der Stadt hatte, der auf Karten profan Altstadt-Süd heißt, lag mein Abitur nur ein oder zwei Jahre zurück, meine engsten Freunde hießen Gero, Bruno, “Forsi”, Martin, Steffi, Sarah, Sandra, Bianca, Targol, “Punk”, Dennis, Christoph, Marc, Sascha, René, Patrick – und alles war leicht und aufregend und wollte erlebt werden, weil alles Jugend war. Ich habe noch regelmäßig Platten aufgelegt, Platten zeitaufwendig ausgesucht vorher, mir ganze “Strecken” überlegt, ohne es jedoch so stringent wie einen Plan zu behandeln, ich wollte einfach gut auflegen, wollte einen bestimmten Sound haben und wollte wissen, was andere sagen zu diesem Sound. Ein Lied habe ich immer dabei gehabt und es jeden Abend gespielt zu einer bestimmten Zeit, “Ceremony” von New Order. Entweder in der späteren, schnelleren Version (von der New Order “Substance” Doppel-LP von 1987, mit Gillian Gilbert an den Keyboards/Synthesizern), oder die dunkelgrüne 12″ Maxi, mit der “Ceremony” Version von 1981. Auf der Joy Division Live-Platte “Still” ist eine Aufnahme von “Ceremony” aus dem Mai 1980, aufgenommen in Birmingham nur wenige Tage vor Ian Curtis’ Selbstmord, es war das letzte Konzert von Joy Division. In dieser Aufnahme gibt es eine Stelle, in der Curtis’ Stimme abrupt abreißt, als hätte ihm jemand das Mikrofon weggerissen, oder ihn selbst. Und das stimmt auch. An dieser Stelle hatte Ian Curtis einen seiner epileptischen Anfälle. Die Band spielt weiter, und irgendwann, wie nach einem sehr tiefen Tauchgang, schnellt die Stimme von Curtis wieder in die Aufnahme, mit schreiender Erschöpfung.
Die Erinnerung, die jetzt hier in der Schriftversion mit Joy Division und Ian Curtis endet, fing eigentlich mit der Erinnerung an ein Mädchen an, deren Name mir nicht mehr einfällt. Ein hübsches blondes Mädchen. Sie war oft Gast bei D. in der Kneipe, ein bisschen jünger als ich, glaube ich. D. verriet mir irgendwann, daß sie eine Perücke trage, weil sie keine Haare mehr hatte, irgendeine genetische Disposition. D. war natürlich unglücklich in sie verliebt, wahrscheinlich – nein, ich weiß, natürlich genau deswegen. D. hatte eh immer eine Schwäche für Mädchen, die wesentlich jünger waren, als er. Und wenn sie dann auch noch einen Makel hatte, der das Potenzial für große Traurigkeit und Ausgeschlossenheit besaß, dann war es um ihn geschehen. Jetzt, am 20. März 2016, gut 15 Jahre nachdem das alles passiert, oder vielmehr: der Fall war, um 11:13 Uhr, fällt mir das wieder ein, ich weiß nicht genau, warum, aber wahrscheinlich will ich mir selbst sagen: ich verstehe D., weil ich auch so geworden bin, oder es schon immer war. Ich verstehe, warum D. in dieses Mädchen, das keine Haare hatte, verliebt war. Jetzt Kirchenglocken, es ist Palmsonntag.