• Sonntag, 20. März 2016

    Als D. noch seine Kneipe in dem Teil der Stadt hatte, der auf Karten profan Altstadt-Süd heißt, lag mein Abitur nur ein oder zwei Jahre zurück, meine engsten Freunde hießen Gero, Bruno, “Forsi”, Martin, Steffi, Sarah, Sandra, Bianca, Targol, “Punk”, Dennis, Christoph, Marc, Sascha, René, Patrick – und alles war leicht und aufregend und wollte erlebt werden, weil alles Jugend war. Ich habe noch regelmäßig Platten aufgelegt, Platten zeitaufwendig ausgesucht vorher, mir ganze “Strecken” überlegt, ohne es jedoch so stringent wie einen Plan zu behandeln, ich wollte einfach gut auflegen, wollte einen bestimmten Sound haben und wollte wissen, was andere sagen zu diesem Sound. Ein Lied habe ich immer dabei gehabt und es jeden Abend gespielt zu einer bestimmten Zeit, “Ceremony” von New Order. Entweder in der späteren, schnelleren Version (von der New Order “Substance” Doppel-LP von 1987, mit Gillian Gilbert an den Keyboards/Synthesizern), oder die dunkelgrüne 12″ Maxi, mit der “Ceremony” Version von 1981. Auf der Joy Division Live-Platte “Still” ist eine Aufnahme von “Ceremony” aus dem Mai 1980, aufgenommen in Birmingham nur wenige Tage vor Ian Curtis’ Selbstmord, es war das letzte Konzert von Joy Division. In dieser Aufnahme gibt es eine Stelle, in der Curtis’ Stimme abrupt abreißt, als hätte ihm jemand das Mikrofon weggerissen, oder ihn selbst. Und das stimmt auch. An dieser Stelle hatte Ian Curtis einen seiner epileptischen Anfälle. Die Band spielt weiter, und irgendwann, wie nach einem sehr tiefen Tauchgang, schnellt die Stimme von Curtis wieder in die Aufnahme, mit schreiender Erschöpfung. 

    Die Erinnerung, die jetzt hier in der Schriftversion mit Joy Division und Ian Curtis endet, fing eigentlich mit der Erinnerung an ein Mädchen an, deren Name mir nicht mehr einfällt. Ein hübsches blondes Mädchen. Sie war oft Gast bei D. in der Kneipe, ein bisschen jünger als ich, glaube ich. D. verriet mir irgendwann, daß sie eine Perücke trage, weil sie keine Haare mehr hatte, irgendeine genetische Disposition. D. war natürlich unglücklich in sie verliebt, wahrscheinlich – nein, ich weiß, natürlich genau deswegen. D. hatte eh immer eine Schwäche für Mädchen, die wesentlich jünger waren, als er. Und wenn sie dann auch noch einen Makel hatte, der das Potenzial für große Traurigkeit und Ausgeschlossenheit besaß, dann war es um ihn geschehen. Jetzt, am 20. März 2016, gut 15 Jahre nachdem das alles passiert, oder vielmehr: der Fall war, um 11:13 Uhr, fällt mir das wieder ein, ich weiß nicht genau, warum, aber wahrscheinlich will ich mir selbst sagen: ich verstehe D., weil ich auch so geworden bin, oder es schon immer war. Ich verstehe, warum D. in dieses Mädchen, das keine Haare hatte, verliebt war. Jetzt Kirchenglocken, es ist Palmsonntag. 

  • Dienstag, 15. März 2016

    “Rekord bei Tötungsdelikten mit Messer-Einsatz”, formuliert der Express die neue Kriminalstatistik der Stadt, in der ich lebe. Hinter uns liegt der mit Abstand wärmste Februar seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Die Tage werden länger, die Morgen freundlicher und heller. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem ich das volle Bewusstsein erlangt habe. Und here it comes schon: Grade wieder das Gefühl, diversen Freundschaften und Angelegenheiten nicht gerecht zu werden: soll ich mit dem einen am Samstag nach Krefeld zum Geburtstag, was machen mit der Yamaha-Orgel, muss ich nicht A. schon längst zum Essen eingeladen haben, mich ständig bei Leuten melden, dass ich lebe, dass Interesse da ist, goodwill, sollte ich nicht schon längst nach Toronto zu M. geflogen sein, gar einen langen Text geschrieben haben, am besten gleich mehrere, “Literatur”, Texte zu meiner eigenen Arbeit, Tagebuch – Ende April Bewerbungsfrist für das städtische Stipendium, Ende März kommt die Zweitprüferin zurück ins Land, bis dahin Email, Webseite aktualisieren, Abschluss machen – kann ich das alles schaffen, kann ich das jetzt noch schaffen, wo es sich schon scheinbar unüberwindbar vor mir aufbaut, Wohnung suchen, Wohnung finden, ausziehen, Nachmieter, neuer Job, Geld, den Tisch für die Eltern bauen, die Bilder aus der Galerie abholen, lagern, wo sind die Ausstellungen für dieses Jahr?, bin ich zu unsichtbar?, Publikation machen bzw. anfangen, warum sagt W. mir seit weit über einem halben Jahr, er schreibt mir diesen Text, er wisse schon, was er schreiben wolle, und was ich bis heute nicht habe, ist ein Text? Ist das persönlich gegen mich gerichtet? Ich hasse das. Ich hasse das, weil ich genau weiß, W. würde das für A. oder B. (”Ich liebe Bücher” klar liebst du Bücher, aber warum sind deine Bücher so scheiße boring und gewöhnlich, try harder then) sofort tun, ich hasse das, weil sich die Leute ständig immer nur Zeug zuquatschen, sich selbst produzieren und einfach immer weiterquatschen nach dem Gusto des jeweils anderen und das Internet vollmüllen mit ihren lachenden Gesichtern und todpeinlichen Fotodokumenten samt eitler Selbstrede, dass sie sich morgen doch noch erinnern mögen, wo sie gestern waren und ihre Texte aufgesagt haben, diese ewig gleichen Versatzstücke aus dem ewiggleichen Zeug, Kunstbetrieb, Ausstellungen, das Interessante ist so rar und so selten, und wenn es da ist, ist es den Leuten zu nahe an ihnen selbst und man geht zurück zum Gestischen, zum Copycat-Getue und zum Zusammengerotte, alle zusammen gebeugt übers gleiche warme Feuerchen, schön schön ach ach…. say the darndest things

  • Montag, 14. März 2016

    Lucy von den Peanuts ist ein besonderes Mädchen für mich. Ich finde, ihr krawalliger Ruf ist nicht richtig, bzw. nur die halbe Wahrheit. Es gehört zu meinen Lieblingsmomenten bei den Peanuts, wenn Lucy ihren kleinen Stand aufgebaut hat und für 5 Cent “psychiatric help” anbietet. Wo normalerweise “fresh lemonade” steht, hat Lucy ein Schild angebracht, das von der Ab- oder Anwesenheit des behandelnden Arztes, also Lucy selbst, zeugt: THE DOCTOR IS IN. Ich liebe diesen Satz: the doctor is in. In vier Worten ein Amalgam aus Fortschritt, Hoffnung und Zivilisation. In “A Charlie Brown Christmas” steht auf dem Schild sogar: THE DOCTOR IS REAL IN

    Meistens hat sie ihr schwarzhaariges, eigenwilliges Köpfchen etwas gelangweilt auf ihr kleines Ärmchen gelehnt und schaut trüben Blickes etwaigen Patienten entgegen. Vielleicht träumt sie auch von Schroeder. Dann, wenn jemand 5 Cent in ihre Bezahldose getan hat (”I must ask that you pay in advance, 5 Cent please!”), ist sie ganz verzaubert vom Geräusch des Geldstücks… während sie ihre Diagnose erstellt, schließt sie manchmal ihre Augen, was ihr eine schulmedizinische Erhabenheit verleiht und ihre Diagnose glaubwürdig und fundiert macht (”Are you afraid of staircases?”). Für mich jedenfalls. Ich liebe es natürlich auch, wenn sie mit Charlie Brown Baseball spielt und dabei ihre Baseballkappe trägt. Dass sie im Sport meist versagt, macht sie nur noch niedlicher für mich. In den Ausreden für ihr Versagen kommt ihre rhetorische Brillianz erst richtig zum funkeln.

    Nachdem Lucy sich beschwert hat, daß sie an Weihnachten immer doofes Zeug geschenkt bekommt, fragt Charlie Brown sie, was sie sich denn wirklich wünsche. Sie breitet ihre Arme aus und sagt mit ruhiger Stimme: “real estate”