Ich habe Angst davor, daß morgen meine Eltern tot umfallen oder ihnen eine Grausamkeit zustößt, die ich nicht aufhalten oder verhindern kann, und sie dann tot umfallen.
Ich habe noch größere Angst davor, daß ein Elternteil tot umfällt und den anderen alleine zurücklässt, weil ich weiß, daß derjenige dann alleine wäre. Selbst wenn ich noch da bin, ist derjenige alleine. Ich bin doch schon genug alleine, das muss doch meine Mutter nicht, mein Vater nicht. Die Ehe meiner Eltern, made in 1977, wird beendet dadurch, daß einer von beiden tot umfällt, und den anderen zurücklässt, und ich kann mir beides nicht vorstellen: wie das wäre, wenn meine Mutter alleine wäre, ohne meinen Vater. Wie das wäre, wenn mein Vater alleine wäre, ohne meine Mutter. Ich stelle mir das nicht vor. Ich weiß nur, daß das sein könnte, daß das nicht vollkommen unwahrscheinlich ist, und jetzt ist es auch ein Moment aus vielen Momenten, deren Gesamtheit einen Tag machen, diesen Gedanken zu haben, mal kürzer, mal länger. Ich stelle mir das nicht vor, aber ich denke dran.
Die Unterschiedlichkeit dessen, wie sich das darstellte: ob dann da nur noch meine Mutter und ich bleiben, oder ob da dann nur noch mein Vater und ich bleiben. Wie – wirklich – unfassbar schwer allein das Denken daran ist, wie ich im Gesicht des Elternteils, der noch lebt, den Verlust des anderen sehe. Und dann die anderen Sachen: kann man die Wohnung halten? Ich muss definitiv mehr Geld verdienen, weil ich helfen will, die Wohnung zu behalten. Will derjenige das große Ehebett behalten? Jeden Morgen direkt neben der Lücke aufwachen, die jemand hinterlassen hat? Oder ist es “nur” ein Bett? Es ist doch scheißegal, ob es nur ein Bett ist. Was das Auge sieht wird es sein.
Gleich ist immer, daß ich es von diesem einem Zeitpunkt an mir denke: einer ist weg, ist “gegangen” (christliche Formulierung, naja), sehe ich nie mehr wieder. Ich denke nicht an Leidenszeiten, an Krankheiten, an Siechtum oder den Abbau eines Menschen, dem ich ja, wahrscheinlich, fast alles verdanke. Ich denke nicht an durch Zeit potenziertes Leid, weil es nicht darum geht, mich selbst leiden zu sehen durch das Leid des anderen und wie schön ich bin im Schmerz und wie sehr ich fühle und what a good boy i am. Es ist ein vollkommen nutzloser Gedanke. Vieles, was nutzlos ist, glaube ich, entspricht dem Leben, wie wir es führen.
Wenn jemand meint, er sei die Summe seiner Verluste, dann muss man sich vielleicht denken, daß ca. siebenkommavier Milliarden Minuswerte auf dem Planeten leben, alle entstanden durch: Addition. Gedanken eines Goj bei Sonnenschein.