• Sonntag, 28. Februar 2016

    Ich habe Angst davor, daß morgen meine Eltern tot umfallen oder ihnen eine Grausamkeit zustößt, die ich nicht aufhalten oder verhindern kann, und sie dann tot umfallen.

    Ich habe noch größere Angst davor, daß ein Elternteil tot umfällt und den anderen alleine zurücklässt, weil ich weiß, daß derjenige dann alleine wäre. Selbst wenn ich noch da bin, ist derjenige alleine. Ich bin doch schon genug alleine, das muss doch meine Mutter nicht, mein Vater nicht. Die Ehe meiner Eltern, made in 1977, wird beendet dadurch, daß einer von beiden tot umfällt, und den anderen zurücklässt, und ich kann mir beides nicht vorstellen: wie das wäre, wenn meine Mutter alleine wäre, ohne meinen Vater. Wie das wäre, wenn mein Vater alleine wäre, ohne meine Mutter. Ich stelle mir das nicht vor. Ich weiß nur, daß das sein könnte, daß das nicht vollkommen unwahrscheinlich ist, und jetzt ist es auch ein Moment aus vielen Momenten, deren Gesamtheit einen Tag machen, diesen Gedanken zu haben, mal kürzer, mal länger. Ich stelle mir das nicht vor, aber ich denke dran. 

    Die Unterschiedlichkeit dessen, wie sich das darstellte: ob dann da nur noch meine Mutter und ich bleiben, oder ob da dann nur noch mein Vater und ich bleiben. Wie – wirklich – unfassbar schwer allein das Denken daran ist, wie ich im Gesicht des Elternteils, der noch lebt, den Verlust des anderen sehe. Und dann die anderen Sachen: kann man die Wohnung halten? Ich muss definitiv mehr Geld verdienen, weil ich helfen will, die Wohnung zu behalten. Will derjenige das große Ehebett behalten? Jeden Morgen direkt neben der Lücke aufwachen, die jemand hinterlassen hat? Oder ist es “nur” ein Bett? Es ist doch scheißegal, ob es nur ein Bett ist. Was das Auge sieht wird es sein. 

    Gleich ist immer, daß ich es von diesem einem Zeitpunkt an mir denke: einer ist weg, ist “gegangen” (christliche Formulierung, naja), sehe ich nie mehr wieder. Ich denke nicht an Leidenszeiten, an Krankheiten, an Siechtum oder den Abbau eines Menschen, dem ich ja, wahrscheinlich, fast alles verdanke. Ich denke nicht an durch Zeit potenziertes Leid, weil es nicht darum geht, mich selbst leiden zu sehen durch das Leid des anderen und wie schön ich bin im Schmerz und wie sehr ich fühle und what a good boy i am. Es ist ein vollkommen nutzloser Gedanke. Vieles, was nutzlos ist, glaube ich, entspricht dem Leben, wie wir es führen. 

    Wenn jemand meint, er sei die Summe seiner Verluste, dann muss man sich vielleicht denken, daß ca. siebenkommavier Milliarden Minuswerte auf dem Planeten leben, alle entstanden durch: Addition. Gedanken eines Goj bei Sonnenschein.  

  • Freitag, 26. Februar 2016

    “Da is der Papa, Silvester, geh ma hin!” rief die kölsche Frau die dunkle Straße hinunter, mir entgegenkommend, und aus dem Dunkel raste ein kleiner schwarzbrauner Hund auf mich zu, Silvester eben, im Glauben, ich sei der “Papa”, aber ich bin nicht der “Papa”, was er kurz vorher auch erschnupperte und im LETZTEN Moment abdrehte wie ein kleines Raumschiff, und einfach weiter rannte. Souverän aufgelöst. 

    Das sollte hier mein Einstieg sein in den Eintrag, aber ich muss schon wieder aufhören, denn ich bin noch nicht angezogen, ich muss zur Arbeit, und wenn ich jetzt nicht aufhöre mit dem Eintrag, setzt sich dieses ganze Vehikel Verspätung wieder in Gang, habe auch schon wieder vergessen, etwas zu essen, ich müsste mir auf dem Weg auch noch ein oder zwei Croissants holen, aber zuerst ins Ankleidezimmer, das ich nicht habe, aber gerne hätte, bzw. vorher erstmal aufhören, “Posten”, Ausloggen, W-Lan trennen… Im Treppenhaus höre ich das Geklacker des Putzmanns. Das ist nun wirklich das Signal.

    Whitman says, even the most beautiful face is not as beautiful as the
    body. And to say that in the middle of the 19th century is outrageous.
    It’s a slap in the face. Look at the popular, well-educated poets of the
    time, those sensitive noblemen. But Whitman writes: “Fuck ass.”
    ” James Osterberg über Walt Whitman

  • Sonntag, 21. Februar 2016

    Es kann sein, dass Claudius Seidl das ganze Restjahr 2016 damit beschäftigt sein wird, Nachrufe zu schreiben, wenn das ganze Abgelebe dermaßen hochgetaktet weitergeht und sich überschneidet, wie zwei übergangslos aufeinanderfolgende Erkältungen, die dazu führen, daß man seine eigene physische Intuition auf den Zustand reduziert findet, der bei Apple dem sich drehenden bunten Schneckchen entspräche. 

    Aus dem Leben eines Typen: Im Sommer 2012 habe ich einen luxemburgischen Regisseur kennengelernt, der sich bei mir nach Musikern “aus der Umgebung” erkundigte. Er suche jemanden, den Film zu “scoren”, dessen Drehbeginn bald anstand und bei dem er, der Luxemburger, Regie führen würde. Eine Adaption von Schillers “Räuber”, irgendwelche Franzosen spielen da mit, Mario Adorf hatte kurz vorher abgesagt, man suche derzeit Ersatz, “fieberhaft” wahrscheinlich (die Rolle hat dann Maximilian Schell übernommen. Der Film wurde von der Kritik ganz knapp nicht vollkommen planiert). Noch bevor mein Gehirn irgendeine Flamme warf, sagte mein Gesicht: “Ich kann das machen.” 

    Der Regisseur ließ mir ein moodbook zukommen, ich sollte einen Eindruck von der Anmutung des Films bekommen, ein paar Ideen aufnehmen und ihm zukommen lassen, seinem Assistenten, um genau zu sein. Wir hatten uns zuvor zwei, drei Mal über Musik generell unterhalten, und als klar wurde, dass er sich für den Film etwas im Stile von Neu! oder Cluster vorstellte, erschien es mir nicht allzu verwegen, mich selbst vorzuschlagen – anscheinend. (siehe oben)

    Ich nahm ein paar Sachen auf, schickte sie seinem Assistenten, dann passierte zunächst: nichts. Tumbleweed-Nichts. Modernste Marter ist der Unverbindlichkeitsschlamm, in dem fast alle bis mindestens zum Fußknöchel darben, die verkommene Mehrheit scheint sich das bis zum heutigen Tag noch als Vorteil zurecht zu blödeln. Zurück in 2012, stellte sich nach einigen Wochen gradlinigen Schweigens heraus, dass sich der Regisseur für jemand anderes entschieden hatte. Das wiederum teilte er mir persönlich mit. Ein schöner Moment, denn ich hatte nicht bedacht, dass ein Nein auch very very sweet sein kann: ich wurde durch Michael Rother ersetzt. Können Sie das von sich behaupten, Leser/in?

    For the beautiful fish: https://www.youtube.com/watch?v=7UI9MlSjiRA