• Donnerstag, 18. Februar 2016

    Die erste konkrete, aus der Narration ausgeatmete Erwähnung des Titels, “10:04”, in dem Buch “10:04”, das auf Deutsch “22:04” heißt, kommt auf Seite 74. Der Erzähler sitzt da grade im Kino, schaut sich die Riesenmontage “The Clock” von Christian Marclay an, geht wieder und wieder hin, immer andere Zeitschneisen, an denen er teilnimmt, die dieser Film SIND. Und trotzdem schaut er dauernd auf seine Armbanduhr.

    Später erst fällt mir die Parallele zu diesem Don DeLillo Buch ein, in dem – ich glaube fast direkt zu Beginn – “24 Hour Psycho” von Douglas Gordon in den Text gebracht wird, um sich daran reflektiv zu vergehen, und das ausgiebig. Zwei amerikanische Schriftsteller, zwei Mal New York, zwei Mal Kunstfilme, die 24 Stunden dauern, zwei Mal Kunstfilme, in denen sich Zeit nicht nur vor einem ausdehnt, sondern große Blasen wirft, zwei Mal die großen Fragen zur Distanz.

    Und während in den Ozeanen die unzählbaren muschelförmigen Monaden, Schicht für Schicht, 24 Stunden am Tag, glattgeleckt werden, scheitern vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zwei erklärte Sodomiten mit einer Klage gegen das Verbot von Sex mit Tieren. Und jetzt back to the fucking future 

  • Dienstag, 16. Februar 2016

    Heute, ein Hund in der Straßenbahn, ließ sich von mir streicheln: das weichste Fell, das ich je an einem Hund fühlte?

    Zuckt da eine im rotleuchtenden Schalter der Mehrfachsteckdose eingepferchte Motte? 

    Vom Cover des französischsprachigen Kunstmagazins “Frog” schaut Mike Kelley knapp an mir vorbei. Hinter ihm im Foto zerfließt in Unschärfe das sandbraune Valley, ein schmaler orangener Glühdraht am Horizont, dann schichtet sich saftiges Hellblau. Kelley ist tot seit: 4 Jahre – 16 Tage.

  • Montag, 8. Februar 2016

    Ich weiß nicht, ob es ein zyklonisches Windsystem mit warmem Kern ist, das sich hier nähert oder sich schon über die Bucht gestülpt hat, und ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich nicht weiterlese in Ben Lerners “10:04”, das mir nach 30 Seiten sehr gut gefällt. Es ist einfach zu wenig Licht da, glaube ich.

    Ich mache Kaffee und finde auf der Webseite des Guardian einen Artikel, der mich des Bildes wegen kriegt: eine schöne Japanerin mit schlankem Hals und schlanken Armen hält eine riesige Eistüte in ihren Armen, wie einen Pokal oder eine Schultüte oder eine goldene Schallplatte oder ein adoptiertes Robbenbaby. Ihre großen Augen begleiten ein etwas gerümpftes Näschen und eine strahlende Zahnreihe in ein Pressefotolachen, das sehr professionell aussieht, aber Überarbeitung ausstrahlt. Die Eisbällchen der Promo-Rieseneistüte, auf der das Logo der Firma Baskin Robbins prangt, haben die Form einer Bouffant-Frisur der 50er Jahre. Der Artikel berichtet darüber, dass die Karriere der sehr populären 31jährigen Moderatorin und Werbefigur wohl schlagartig beendet ist, weil herauskam, dass sie mit einem verheirateten Mann eine Affäre hatte. Der Mann wiederum ist ein japanischer Popstar, er ist der Sänger der Band Gesu no Kiwani Otome. Seiner Karriere hat diese Sache anscheinend absolut nichts anhaben können, denn er ist – so der Artikel – ein Mann. 

    Schon im Foto liegt all dies eingeschrieben, nicht nur im Speziellen, sondern auch im Generellen: das viele Jahrhunderte selbstisolierte Japan, dessen vollerotische Kontinuität auf der Pädophilie beruht, hat ein, für uns Europäer, die wir stets etwas mystisch verklärt auf Japan blicken, extrem unsicheres Verhältnis zu seinen Frauen. Damit will ich nicht sagen, dass nicht wahrscheinlich jedes Land ein eher “unsicheres” Verhältnis zu seinen Frauen hat. Japanische Männer haben Angst vor Frauen – der Satz kommt mir in Erinnerung als ein Satz, den jemand mir gegenüber geäussert hat. Vor allen Frauen? Vor japanischen Frauen? Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt. Es ist nicht mal ganz klar, wohin ich jetzt überhaupt wollte mit diesen Gedanken, denen ich mich eigentlich etwas konzentrierter nähern sollte. Das ungleichmäßige und heftige Nicken dichten und grünbraunen Farns in den starken Böen dieses Montagvormittags holt mich zurück. Anderswo ist Big Sur nicht weit.