In brauner, dicker Jacke vor dunkelgrauem Beton, die Knie eng zusammen und so leicht nach vorne geneigt, steht ein Obdachloser – danach sieht er jedenfalls aus – wie alle anderen, die man unter “Obdachloser” oder “Penner” oder “Säufer” oder “Junkie” zusammenfasst, mit vom Alkoholismus rötlich-aufgedunsenen Händen, die Hose fleckig und versifft, in der einen Hand ein billiges Bier in einer Plastikbierflasche, und jetzt fällt die Sonne auf ihn. Die Kapuze ins Gesicht gezogen, vielleicht aus dem simplen Gedanken oder Verlangen heraus, sich so abzuschotten vom Rest, eine kleine Hütte, in die man sich zurückzieht, wie andere sich hinter das dunkle Glas von Sonnenbrillen zurückziehen.
Aber eigentlich sieht er so aus, als hätte er das Vorhaben, den visuellen Teil des Konstrukts >Würde< aufrecht zu erhalten, bereits vor Jahren aufgegeben, vielleicht sogar, um freier zu sein.
Ich frage mich, ob er sich wohlmöglich genau in diesem Moment wünscht, tot zu sein, ob er sich das überhaupt wünscht, ob das Teil ist seiner Welt, wenn er, wie jetzt, seinen Kopf in einer unerträglich trägen Bewegung senkt, während er ihn schief hält, um auf die andere Hand zu gucken, an der er zwei Finger bewegt, ob sie noch funktionieren ? – aber ich komme zum Todesgedanken zurück: sein Elend ist so offensichtlich und vier Meter entfernt von mir, wie sollte ich mich wiederum nicht schämen, mich mit demselben Gedanken rumzuschlagen, vom dem weder klar ist, ob er ihn überhaupt hat, noch, ob mir das irgendeine Form von Erkenntnis ist, oder Werkzeug zur Relativierung wird, im Umgang mit meinem Todesgedanken. Wie ein ins Szenario geschobener Resonanzkörper steht der arme Kerl jetzt da und dieses ganze Gedenke um Tod oder Nichtleben oder Endlichfertigsein, und warum man sich den Tod herbeisehnt und ob man sich ihn leisten darf und wie ernst meint man es überhaupt.
Dann passiert irgendwas und ich denke nicht mehr dran und der Abend wird noch schön und ich trinke ein Heineken und ein schöner brauner Hund geht vorbei.