• Mittwoch, 23. September 2015

    Ich sage Marc, dass ich gerade Kermani lese, “Dein Name”, und er versteht es erst gar nicht, wahrscheinlich weil Skype in dem Moment nicht alles überträgt, oder aber weil ich mich bemühe, dem Namen den richtigen Farsi-Klang beizugeben. Er erinnert oder fragt mich, bzw. er macht auf diese stimmliche Art beides gleichzeitig, nach Knausgaard, und mir fällt ein, dass wir schon über Knausgaard gesprochen haben. Ohne zu diesem Zeitpunkt (Dienstagmittag, Central European Time, 22. September 2015) auch nur je eine Zeile von Knausgaard gelesen zu haben, glaube ich zu wissen: die beiden Bücher haben etwas miteinander zu tun. Die Art des Aufschreibens, vielleicht sogar die Kriterien, nach denen man aufschreibt. “Aufschreibesysteme” heisst das Hauptwerk (oder eines) von Friedrich Kittler. “Aufreibesysteme” wollte ich anfangs dieses Blog nennen. Der Titel gefällt mir immer noch, weil ich ja aufschreiben will, was mich aufreibt, woran ich mich aufreibe. Ich mag das Wort, weil es nicht so aggressiv oder cholerisch klingt wie aufregen. Ich will nicht gegen meinen Puls anschreiben. 

    Knausgaard also: ich verbringe eigentlich den restlichen Dienstag (den 22. September 2015, also gestern, von Heute aus gesehen) damit, mir Knausgaard Interviews auf Youtube anzusehen, oder mir Interviews durchzulesen. Das erste Video, das ich mir anschaue, ist eine Folge der Sendung “Kulturplatz” des SRF. Es ist eine grausame und sinnlos in die Länge gezogene Sendung. Kulisse ist eine einsame Berghütte in Appenzell, in der es sich die Moderatorin “gemütlich” macht, Kerzen, Holzhacken, man sieht die Moderatorin an einen grünen Kachelofen gelehnt… – dann Abblende in Unschärfe, Off-Stimme, sowas. Die Worte “schonungslos” und “radikal” kommen sehr häufig vor. Einmal sitzt sie in einer Schaukel und schaukelt und tut so, als würde sie im Knausgaard lesen. Sie trägt dabei Lederhandschuhe. Aufreibesysteme.

  • Freitag, 18. September 2015

    Wenn Licht und Geräusche und der Geruch, den der Asphalt ausströmt, stimmen, dann weiß ich wieder, hier bin ich aufgewachsen, zur Grundschule gegangen, hab erste ungelenke Bewegungen gemacht, um herauszufinden, ob das eine Mädchen mich genauso gut findet, wie ich sie, schließ mich irgendwelchen Cliquen an, oder tauchte zumindest ab und zu mal auf. 

    Der Gewissheit, dass es gut war, dort wegzugehen, mischt sich jetzt ein merkwürdiges, eher unkritisches Bild von Friedlichkeit bei. Ich gehe an Häusern vorbei, die ich ewig kenne, aber jetzt fällt mir auf, dass die Besitzer ausgebaut haben, Dachgeschosse erweitert, Wintergärten, und ich denke: ja klar, das geht, man kann das alles immer verändern, auch nach all den Jahren, in denen man dachte, was soll denn da noch kommen? 

    Es ist ruhig hier, wahnsinnig ruhig, ich höre wirklich nur den Luftstoss und ein paar Grillen, selbst die Autos schleichen nur, oder ich füge mir das so zusammen. Die Palme, die Herr Hartmann, falls er noch dort wohnt, schon immer vor seiner Tür hatte, habe ich ganz vergessen, und ich bin überrascht, eine zu sehen. 

    Neuere Häuser, selbst wenn nach hinten versetzt, fallen sofort auf ob ihrer Architektur und Farbgebung, und die, die damals schon standen, sehen aus, wie ich sie damals sah. Ob ich für die Leute hier, jetzt, mit meiner schwarzen Laptoptasche in der Hand und der kleinen Reisetasche über der Schulter aussehe, wie Jemand, der nach Häusern zum Einbrechen Ausschau hält? 

  • Mittwoch, 16. September 2015

    Fest vorgenommen, heute etwas zu schreiben, sogar die letzten Tage wie in geduckter Haltung Notizen und Sätze gesammelt, zurechtgelegt, auf Sound überprüft, und vielleicht sogar, ob auch alles daran wahr oder wahrhaftig ist, aber jetzt, 11:09 Uhr auf dem Computer, kann ich das alles nicht mehr ordnen, ich bleibe auf den Playboy-Fotos von Debbie Harry hängen, die vor ihrer Zeit bei Blondie entstanden, dunkle Haare, sie war eine Kate Moss bevor es diese eine Kate Moss gab, die ich mir, im Übrigen, immer besoffen vorstelle. Also sie, nicht ich besoffen. 

    Gut. Geschrieben habe ich jetzt etwas, nicht das, was ich noch zB gestern dachte, morgen (heute) zu schreiben, aber das habe ich ja schon oben erklärt, dass das manchmal so nicht funktioniert. Letzte Nacht bin ich um 2:01 Uhr aufgewacht um mich drei Stunden hin und her zu drehen um schließlich das Kissen ans Fußende…objektiv schlechter Eintrag. Bleibt stehen. Alles scheint normal.