Ich sage Marc, dass ich gerade Kermani lese, “Dein Name”, und er versteht es erst gar nicht, wahrscheinlich weil Skype in dem Moment nicht alles überträgt, oder aber weil ich mich bemühe, dem Namen den richtigen Farsi-Klang beizugeben. Er erinnert oder fragt mich, bzw. er macht auf diese stimmliche Art beides gleichzeitig, nach Knausgaard, und mir fällt ein, dass wir schon über Knausgaard gesprochen haben. Ohne zu diesem Zeitpunkt (Dienstagmittag, Central European Time, 22. September 2015) auch nur je eine Zeile von Knausgaard gelesen zu haben, glaube ich zu wissen: die beiden Bücher haben etwas miteinander zu tun. Die Art des Aufschreibens, vielleicht sogar die Kriterien, nach denen man aufschreibt. “Aufschreibesysteme” heisst das Hauptwerk (oder eines) von Friedrich Kittler. “Aufreibesysteme” wollte ich anfangs dieses Blog nennen. Der Titel gefällt mir immer noch, weil ich ja aufschreiben will, was mich aufreibt, woran ich mich aufreibe. Ich mag das Wort, weil es nicht so aggressiv oder cholerisch klingt wie aufregen. Ich will nicht gegen meinen Puls anschreiben.
Knausgaard also: ich verbringe eigentlich den restlichen Dienstag (den 22. September 2015, also gestern, von Heute aus gesehen) damit, mir Knausgaard Interviews auf Youtube anzusehen, oder mir Interviews durchzulesen. Das erste Video, das ich mir anschaue, ist eine Folge der Sendung “Kulturplatz” des SRF. Es ist eine grausame und sinnlos in die Länge gezogene Sendung. Kulisse ist eine einsame Berghütte in Appenzell, in der es sich die Moderatorin “gemütlich” macht, Kerzen, Holzhacken, man sieht die Moderatorin an einen grünen Kachelofen gelehnt… – dann Abblende in Unschärfe, Off-Stimme, sowas. Die Worte “schonungslos” und “radikal” kommen sehr häufig vor. Einmal sitzt sie in einer Schaukel und schaukelt und tut so, als würde sie im Knausgaard lesen. Sie trägt dabei Lederhandschuhe. Aufreibesysteme.